Verehrter Lehrer und erfolgreicher Komponist

Dieter Acker zum 65. Geburtstag


(nmz) -

Dieter Acker repräsentiert par excellence den Kompositionsprofessor, bei dem Komponieren und Lehren sich wechselseitig bedingen. Damit steht er zum einen in einer langen Tradition von Kompositionslehrern, die Musiktheorie, Analyse und Kompositionstechnik in Personalunion unterrichten und damit Theorie und Praxis integrieren. Zum anderen steht er ganz in der Gegenwart, wenn er die Grenzen des Vermittelbaren reflektiert, respektiert und seinen Schülern die Freiheit einräumt, sich zu entwickeln, wohin ihre Begabung sie führt. Parallel zu der Lehrtätigkeit ist ein umfangreiches kompositorisches Werk entstanden.

Ein Artikel von Stephan Schmitt

Der Berufswunsch Komponist bedeutet auch zu Beginn des dritten Jahrtausends innerhalb einer höchst arbeitsteilig organisierten Gesellschaft noch immer ein erhebliches Risiko der Lebensplanung. Entsprechend besorgt, wenn nicht gar entsetzt reagieren Eltern, sobald ihnen dergleichen eröffnet wird. Dieter Acker, am 3. November 1940 in Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren, hatte in dieser Hinsicht Glück. Zu Hause war man einverstanden, als er sich mit 16 Jahren dazu entschloss. Vielleicht war die musikgesättigte Atmosphäre seines Elternhauses der Grund für dieses Verständnis. In der protestantischen Pfarrer- und Lehrerfamilie gehörte Musik seit Generationen zum Lebensvollzug im Alltag und war nicht nur ein Ornament festlicher Tage. Vor allem aber der gediegene Unterricht (Klavier, Orgel, Musiktheorie) bei dem Reger- und Straube-Schüler Franz Xaver Dressler, der als Kantor, Organist und Leiter des Bach-Chores in Hermannstadt tätig war, festigte den Entschluss, Musiker und nicht etwa Maler oder Grafiker (was zeitweilig auch zur Debatte stand) zu werden.

Politische Schikanen gegenüber dem Angehörigen der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien und zugleich Nachkommen einer Ahnenreihe von Pastoren hätten aber beinahe das Studium an der Hochschule in Klausenburg (Cluj) verhindert. Seine außergewöhnliche Begabung setzte sich jedoch durch, und er wurde bereits während des Studiums, aber auch danach von seinem Lehrer Sigismund Toduta als Assistent eingesetzt. In diese Zeit fällt auch sein erster internationaler Erfolg mit dem Kompositionspreis des „Prager Frühling 1966“ für sein erstes Streichquartett. Dieser Preis war der Beginn einer langen Reihe von weiteren Ehrungen, die ihm jedoch nicht mehr hinter dem Eisernen Vorhang zuteil werden sollten. Restriktionen und Gängelungen in Ceausescus Rumänien waren unerträglich geworden, und 1969 gelang es Acker und seiner Frau, sich nach Westdeutschland abzusetzen.

Auch damit war er ein erhebliches Risiko eingegangen, da er kaum wissen konnte, wie die Arbeitssituation für Komponisten im Westen war. Es war eine politisch unruhige Zeit, und die unübersichtliche Vielfalt der sich befehdenden Strömungen in der Neuen-Musik-Szene war für den wissbegierigen Einwanderer aus dem Osten besonders lehrreich, denn er konnte aus allen Experimenten jener Zeit auch lernen, welche Wege er sicher nicht beschreiten würde. Dazu trat die Unsicherheit über das Schicksal der beiden Kinder, die bei Verwandten geblieben waren. Ein Jahr später gelang es schließlich, für beide eine Ausreisegenehmigung zu erhalten, und die Familie war wieder vereint.

Dann ging es aber relativ schnell. Nach ersten Stationen als Musiklehrer am Wuppertaler Dörpfeld-Gymnasium und als Dozent am Robert-Schumann-Konservatorium sowie an der Evangelischen Landeskirchenmusikschule in Düsseldorf kam Acker 1972 an die Hochschule für Musik in München, wo er 1976 in der Nachfolge von Harald Genzmer eine Professur für Komposition erhielt. Im Laufe seiner nunmehr 34-jährigen Tätigkeit an unserem Haus prägte er unzählige junge Musiker, von denen einige bereits als Hochschullehrer tätig sind und Erfolge als junge Komponisten aufweisen können. 1985 wurde er als erster deutscher Kompositionslehrer und Gastprofessor an die Musikhochschule in Peking eingeladen. Auch als Juror ist er immer wieder bei internationalen Kompositionswettbewerben tätig. Nach dem politischen Umbruch von 1989 rehabilitierte Rumänien den bis dahin auf schwarze Listen gesetzten und zur persona non grata erklärten „Landesverräter“. Die Klausenburger Hochschule verlieh ihm im Jahre 2000 den Doktor honoris causa.

Was aber das Risiko des eingeschlagenen Lebensweges aufs schönste rechtfertigt, ist zweierlei: die Schülerschaft, die den unermüdlichen Einsatz – selbst unter dem Schicksalsschlag einer schweren Erkrankung – bewundert und dafür dankbar ist, und natürlich: das Werk. Dieter Acker hat ein umfangreiches Korpus von Kompositionen geschaffen, fein durchgestaltet bis in das kleinste Detail und individuell geformt aus der je eigenen Notwendigkeit des Auftrages, des Instrumentariums, des Konzepts. Entstanden ist dabei ein Werk, in dem sich alle Gattungen und Besetzungen finden, das sich Moden verweigert und trotzdem oder gerade deswegen ganz in der Gegenwart steht. Seine Musik ist niemals gegen das Instrument geschrieben, aber allezeit bereit, dessen Grenzen auszuloten im Dienste des Ausdrucks. Sie ist von höchster Intensität auch in den ruhigen Passagen, ausgesprochen gestisch, niemals nur „tönende bewegte Form“, von raumschaffender Melodik, voll verwirrender Farben der vielstimmig geschichteten Klänge und ihrer Verdichtung bis zum Geräusch, häufig an der Grenze zur Atonalität, ohne dass – wie fern auch immer – ein tonales Zentrum ganz aus den Augen verloren würde, dabei des schwelgerischen Wohllauts ebenso fähig wie schärfster Dissonanz.

Viele der rund 200 Kompositionen werden von namhaften Interpreten in europäischen Ländern und darüber hinaus aufgeführt. Zahlreiche Aufnahmen aus Tonträgern sowie gedruckte Ausgaben seiner Werke kommen hinzu. Eine kleine, aber feine Auswahl von Kammermusikwerken liegt in der CD Nr. 43 der Reihe der Hochschule für Musik und Theater München unter dem Titel „Musik aus drei Jahrzehnten“* vor. Trotz seiner prekären gesundheitlichen Situation ist Dieter Acker voll von Energie und von Plänen, deren Verwirklichung ihm zu seinem 65. Geburtstag von ganzem Herzen gewünscht sei.

* Fioretten I für Flöte solo (1972), Nachtstücke (Duo für Flöte und Altflöte 1978), Trio für Flöte, Viola und Harfe (1987), Zwischen Tag und Traum (Trio für Flöte, Altflöte und Klavier 1988), Sonate für Posaune und Klavier (1997), Sonate für Trompete und Orgel (1999), Sonate für Cembalo (2001).

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