Vier Komponisten suchten für das Ensemble Modern die „Essenz“ von Johannesburg


(nmz) -
Hinein, mitten hinein „into Johannesburg“. Nach der kompositorischen Annäherung an Istanbul war nun die südafrikanische Riesenstadt an der Reihe. Wieder unterstützte das Goethe-Institut dieses gemeinsame Projekt des Ensemble Modern mit dem Siemens Arts Program. Es half vier Komponisten bei der Aufgabe, bei einmonatigen Arbeitsaufenthalten die „Essenz“ dieser Stadt klanglich einzufangen.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Keiner von ihnen kannte zuvor Afrika. Wohl am gründlichsten hatte sich Lucia Ronchetti vorbereitet. An der Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart war sie dem Südafrikaner Ivan Vladislavic begegnet, der dort als Stipendiat Teile seines Buchs „Portrait with Keys: Joburg and What-What“ (dt. Titel Johannesburg. Insel aus Zufall) geschrieben hatte. Dieses Buch eröffnete der Italienerin den Zugang. Erste Eindrücke vor Ort bestätigten ihre Lektüre. Auch das wirkliche Johannesburg, dessen Townships die Rassentrennung der früheren Apartheidpolitik noch deutlich erkennen lassen, erschien ihr mit seinen extremen sozialen Kontrasten komplex und widersprüchlich.

Ihre Komponistenkollegen Lars Peter Hagen und Jörg Birkenkötter hatten sich der Stadt dagegen möglichst unvoreingenommen annähern wollen. Da aber kurz vor der Ankunft des Norwegers gewaltsame Unruhen Tote und Verletzte gefordert hatten, kam Hagen angsterfüllt nach Johannesburg, wo er sich als Angehöriger einer ethnischen und kulturellen Minderheit sah. Birkenkötter wollte dort ebenfalls Unbekanntes und Neues finden. Aber zu seiner Enttäuschung entdeckte er, dass die einheimische Musik inzwischen kommerzialisiert und nivelliert wurde. Auch ihn irritierte die hohe Kriminalitätsrate, gegen die sich die Einwohner durch umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen zur Wehr setzen. Birkenkötter wurde selbst Opfer eines Überfalls. Die Stadt blieb ihm letztlich fremd. Dagegen verhalfen mehrere Besuche von Soweto dem britischen Komponisten Luke Bedford zu einer neuen Sicht auf seine Heimat. Er erkannte, dass die Rassentrennung mit ihren sozialen Spannungen auf die britische Kolonialpolitik zurückging.

So unterschiedlich wie die Erfahrungen mit Johannesburg waren die Ideen zu ihrer musikalischen Umsetzung. Ronchetti hatte in einem Hörtagebuch Stadtgeräusche aufgenommen und war bereit, Aspekte südafrikanischer Musik in ihre Komposition integrieren. Bedford wollte auf keinen Fall afrikanische Instrumente verwenden, um jeden Anschein eines Kulturtourismus zu vermeiden. Auch Hagen erklärte in einem Interview, er wolle sich in seinem Stück nicht explizit auf südafrikanische Musik beziehen. Ohnehin könne es zu einer so komplexen Ansiedlung keine einzige Aussage geben. „Schlussendlich wird es also vielleicht mehr ein Stück über mich als über die Stadt.“ Birkenkötter hatte den Titel des Vladislavic-Buches als Werktitel verwenden wollen, ihn aus urheberrechtlichen Gründen dann aber zu „with keys …“ abgewandelt. Es sei kein Porträt der Stadt, sondern die Erkundung, „was das Erlebnis der Stadt in meinem Innersten ausgelöst hat“.

Die Verwirklichung dieser verschiedenen Ziele gelang den vier Komponisten mit unterschiedlichem Erfolg. Lucia Ronchettis Komposition „Rumori da monumenti. A study of Johannesburg for recorded voice and ensemble with words from ‚Portrait with Keys‘ by Ivan Vladislavic“ wurde tatsächlich, wie sie angab, „ein bunter musikalischer Strauß“. In der Buntheit, den Kontrasten zwischen Atonalität und traditionellem Gospelchor, avantgardistischen Instrumentalsoli, Schreien und Pfiffen, liegt aber auch das Problem der Komposition, deren elf jeweils von einem Erzähler eingeleiteten Kapitel sich mechanisch aneinanderreihten. Viele schöne Momente ergaben kaum ein Ganzes. Vielleicht ist ein mehrfaches Hören erforderlich, um den von der Komponistin erwähnten Gegensatz einer negativen und einer positiven Wirklichkeit zu entdecken.

Luke Bedford wurde durch seinen Afrika-Besuch menschlich, politisch und ästhetisch verändert. Waren die Klangflächen in seinen früheren Werken noch eher statisch, so führte ihn die Energie Johannesburgs in „By the Screen in the Sun at the Hill on the Gold“ zu einem schnelleren Grundpuls. Seine bislang abstrakte Musik wurde von der Wirklichkeit umgeformt. Den Werktitel leitete Bedford von einem verlassenen Autokino auf einer Abraumhalde her, von der aus man verschiedene Townships überblickt. Das Auseinanderdriften der Tempo- und Dynamikkontraste in dieser Komposition, die überzeugend auch autonom verständlich ist, kann auf die Gegensätze dieser Stadt bezogen werden.

Lars Peter Hagen und Jörg Birkenkötter formulierten Gegenpositionen zu dem in Johannesburg Erlebten. Nachdem der Norweger seine Angst überwunden hatte, begegnete er der optimistischen Lebensfreude vieler Einheimischer, die der Fußballweltmeisterschaft von 2010 entgegenfiebern. In seinen „Johannesburg Hymns“ verwendet er deshalb die Plastik-Vuvuzelas dortiger Fußballfans, auf denen nun Mitglieder des von Sian Edwards geleiteten Ensemble Modern ebenso kultiviert spielten wie auf Oboe, Horn oder Flöte. Die feierlich-diatonischen Hymnen endeten, als ein Musiker aufstand und einen Brief des Komponisten verlas. Er habe in Johannesburg hinter Elektrozäunen abgeschirmt von der allgegenwärtigen Gewalt gelebt. Nun sei er unsicher über seine Komposition, mit der er eine Brücke zwischen norwegischer und südafrikanischer Volksmusik habe schlagen wollen. Man mag diesen Brief als Eingeständnis des Scheiterns begreifen. Andererseits brachte Hagen dadurch die Schwierigkeit einer Ästhetisierung der sozialen Konflikte eindrucksvoller zum Ausdruck als seine Kollegen und erhielt wohl auch deswegen den stärksten Beifall.

Jörg Birkenkötter begriff „with keys …“ (Vier Stücke für Ensemble mit zwei Klavieren) als Gegendarstellung anderer Art. Es hatte ihn irritiert, dass die Südafrikaner Kunst fast ausschließlich als Mitteilung verstehen, als linearen Weg von A nach B. Seine Komposition gestaltete er bewusst als Abfolge von Gegensätzen, wobei das dritte Stück, betitelt „Good Hope“, eine positive Perspektive andeutete. Birkenkötters Absicht, „eine im besten Sinne unterhaltsame, spielerisch leichte (vielleicht: glückliche?) Musik“ zu schreiben, teilte sich bei der Uraufführung allerdings kaum mit.

Trotz der weiterweisenden Satztitel dominierte weiter die kleingliedrige Musiksprache, wie der Schüler von Nicolaus A. Huber und Helmut Lachenmann sie schon früher verwendet hatte. Diese Komposition gehört neben der von Luke Bedford zu den stilistisch geschlossensten dieses anregenden Abends, der keine eindimensionalen Antworten geben konnte. Die „Essenz von Johannesburg“ lässt sich nicht in ein kompaktes Fläschchen verpacken wie jenes gleichnamige Duftwasser, welches die Journalisten zuvor von den Veranstaltern als Geschenk erhalten hatten.

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