Vierzehn Eisler-Beschreibungen

Über die Uraufführung eines Eisler-Projekts in Leipzig


(nmz) -
Ein Artikel von Hagen Kunze

Hanns Eislers Musik zu Joris Ivens’ Experimentalfilm „14 Arten, den Regen zu beschreiben“ kann noch heute als Vorbild für Filmmusik gelten. Da war es eine gute Idee der Internationalen Hanns-Eisler-Gesellschaft, sich anläßlich des 100. Geburtstages dem Phänomen Eisler auf ähnliche Weise zu nähern. Für die Festsitzung der Gesellschaft im Leipziger Gewandhaus wurde deshalb das Werk „14 Arten, den Eisler zu beschreiben“ in Auftrag gegeben. 14 Zeitgenossen unterschiedlichster Herkunft und Prägung sollten in jeweils einer dreiminütigen Miniatur Wichtiges und Gewichtiges zum Jubilar niederschreiben.
Eine Feierstunde nicht mit unzähligen Werken des Bejubelten und bedeutungsschwangeren Reden, sondern als Möglichkeit zum Rück- und Ausblick: Das sollte zum Standard bei Jubiläen werden. Denn auch die Festrede war unkonventionell. Der Soziologe Oskar Negt beschrieb die Vision des Komponisten und lieferte gleich noch gestochen scharfe Analysen der politischen Systeme. Grundtenor: Der Sozialismus, vom Sinn her eine intellektuelle Idee, ist an seiner Dummheit gescheitert. Starker Tobak von demjenigen, der eigentlich ein flammendes antikapitalistisches Plädoyer erwarten ließ. Sicher: Es ist ein Skandal, daß der bürgerliche Musikbetrieb immer noch Probleme mit Eisler hat. So ist selbst nach 100 Bänden der auf die Wiener Schule spezialisierten „Musik-Konzepte“ noch keiner über den Schönberg-Schüler. Fremd blieb Eisler in jedem System: in der Weimarer Republik, in Amerika und in der DDR.

Ist es Zufall, daß gleich der Beginn des Werkes daran anknüpfte? Der Schweizer Jaques Wildberger zitiert in seiner Miniatur Schuberts Winterreise. Das „Fremd bin ich ausgezogen“ steht hier als Symbol für das rast- und ruhelose Leben Eislers. Doch mit dieser Tiefsinnigkeit bleibt er allein auf weiter Flur. Erstaunlich, welche unterschiedlichen Dinge den Tonsetzern, die sich untereinander kaum abgesprochen haben, zum Jubilar so einfallen. Ben Süverkrüp bedient sich der Songs, Konrad Boehmer paraphrasiert die DDR-Hymne, der Südamerikaner Corun Aharonia dehnt trotzig die „Solidarität“ in die Länge, Hartmut Fladt zitiert die „14 Arten“.

Variationen im Eislerschen Sinne finden sich schon eher bei den jüngeren Zeitgenossen: Steffen Schleiermachers gebrochener Marsch läßt ebenso aufhorchen wie Knut Müllers pulsierende Klangflächen-Musik, bei der Repetitionen zeitlose Breite schaffen.

Der heterogene Vierzehnteiler zeigt vor allem eines: Eisler ist mit wenigen Worten und Tönen nicht zu fassen. Heiner Goebbels Collage „Fünf Musiker hören Eisler-Material“ zeigt dies am deutlichsten. Denn die zu allen Zeiten auftretende Widersprüchlichkeit des Komponisten wird gerade dann sichtbar, wenn man lediglich seine Worte aneinanderreiht.

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