Volksbegehren gegen Schulzeitverkürzung

Ein Gespräch mit dem Initiator Marcus Hohenstein


(nmz) -
Wie in der vergangenen Ausgabe der NMZ berichtet, haben der Unmut über die verkürzte gymnasiale Schullaufbahn und die weitgehende Ignoranz seitens fast aller im NRW-Landtag vertretenen Parteien gegenüber dem eindeutigen Elternwillen, flächendeckend zum neunjährigen Gymnasium ohne Zwang zum Nachmittagsunterricht zurückzukehren, zur Vorbereitung eines Volksbegehrens geführt. Im Herbst wurden die Antragsunterschriften gesammelt, über 3000 konnten bereits am 29. November dem Landeswahlleiter überreicht werden.
Ein Artikel von Georg Kugler

Seit dem 5. Januar ist die freie Unterschriftensammlung möglich, ab dem 2. Februar werden in allen 396 Kommunen Nordrhein-Westfalens Eintragungslisten für 18 Wochen ausliegen.

Für den DTKV NRW war und ist es ein zentrales Anliegen, dieses Vorhaben zu unterstützen. Sowohl freiberufliche Musikpädagogen, als auch Musikschullehrkräfte bekommen seit Jahren zu spüren, was die Schulzeitverkürzung angerichtet hat:

Unterricht am frühen Nachmittag  mit Schülern, welche das Gymnasium besuchen, wird immer öfter zur Ausnahme, Stunden bis in den späten Abend hinein und/oder am Samstag mehr und mehr zur Regel. Nicht selten wird der Instrumental-/Gesangsunterricht bereits in den ersten Gymnasialklassen aufgegeben, weil Leistungs- und Termindruck in der Schule immer mächtiger werden.

Auch der dramatische Rückgang der Jugend-Musiziert-Teilnehmer, insbesondere in den höheren Altersgruppen, zeigt mehr als deutlich, wie kontraproduktiv Schulzeitverkürzung und Lernstoffverdichtung gegenüber musischer Bildung wirken.

Darum verwundert es nicht, dass bei der großen Umfrage der Landeselternschaft NRW im Frühjahr 2016 die außerschulischen Bildungsanbieter – wozu selbstständige und angestellte Musikpädagogen gehören – mit 96 Prozent für die Rücknahme des G8 votierten. Georg Kugler, 1. stellvertretender Vorsitzender des DTKV NRW, sprach mit dem Initiator des Volksbegehrens, Herrn Marcus Hohenstein aus Siegen.

neue musikzeitung: Herr Hohenstein, würden Sie die Gründung und Arbeit der Elterninitiative(n), die dem Volksbegehren vorangegangenen Petition(en) und  Volksinitiative sowie die Umfrage der Landeselternschaft erörtern?

Marcus Hohenstein: Gern. Schon lange gibt es eine große Unzufriedenheit mit der Schulzeitverkürzung. Es war vom ersten Moment an eine unsägliche Idee, die Unterrichtsstunden eines ganzen Schuljahres auf die Nachmittage der anderen Schuljahre zu verschieben. Als dann eine Dortmunder Schülerin im Jahr 2012 eine Online-Petition gegen G8 begann, war ich sofort dabei. Als sich dort 10.255 Menschen eingetragen hatten, reichte sie im März 2013 die Petition beim Petitionsausschuss ein. Ich war natürlich sehr gespannt, zu erfahren, was daraus wurde. Viele Anrufe im Landtag brachten dann das Ergebnis: Der Petitionsausschuss hatte sich gar nicht damit beschäftigt, sondern die Eingabe an den Schulausschuss weitergegeben, der dieses Ansinnen sofort abgewiesen hat. 

Im Gespräch mit anderen Eltern nach Schuljahresbeginn 2013/14 kamen wir zur Gründung der Elterninitiative g9-jetzt-nrw.de, um etwas für das Recht unserer Kinder auf eine Kindheit und Jugend, die nicht nur aus Schule besteht, zu tun. Nach verschiedenen Pressemitteilungen planten wir eine Volksinitiative. Dies ist das von der Verfassung vorgesehene Instrument für Bürger, ein Gesetz ohne Mitwirkung von Parteien in den Landtag zu bekommen. So begann im April 2014 die Unterschriftensammlung für die Volksinitiative. 66.000 Unterschriften von Wahlberechtigten waren nötig. Innerhalb eines Jahres hatten wir 112.355 Unterschriften gesammelt und für 99.071 die Bestätigung des Wahlrechts der Heimatkommune eingeholt. Im Schulausschuss wurden Herr Dr. Klaiber-Lodewigs und ich angehört und am 24. Juni 2015 wurde das Volksbegehren im Plenum des Landtags durch die Parteien SPD, FDP und Grüne bei Enthaltung der CDU abgelehnt. Lediglich die Piraten stimmten zu. 

In der Zwischenzeit hat die Landes-elternschaft bei Professor Dollase ein wissenschaftliche Erhebung des Elternwillens in Auftrag gegeben. Dieser befragte Eltern an 462 Gymnasien per Fragebogen und außerdem 54.644 Schüler, Eltern, Lehrer und andere Interessierte. Im April 2016 war die Auswertung abgeschlossen. Etwa 80 Prozent der Eltern wünschen eine Rücknahme der Schulzeitverkürzung und des Nachmittagsunterrichts. Wie Sie ja schon oben geschrieben haben, wünschen die außerschulischen Lehrkräfte, zu denen ja unter anderem die freiberuflichen Musikpädagogen gehören, zu 96,7 Prozent G9.

nmz: Wie reagierten die Regierungs- und Oppositionsparteien auf die deutliche Kritik, die dieses große demokratische Engagement enthält?

Hohenstein: Nach der Ablehnung der Volksinitiative versuchten wir durch persönliche Gespräche den Schulpolitikern in NRW das Anliegen der Menschen vorzubringen. Aber die Haltung der Regierungsparteien auf Landesebene (SPD und Grüne) war bis zum Schluss von der Voraussetzung geprägt, dass sie auf die durch G8 an allen Schulformen (nicht nur Gymnasien) erzeugte Ausweitung des Unterrichts in den Nachmittag nicht verzichten werden. Die FDP hatte – nach einer Mitgliederbefragung – als erste Partei eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 für die Gymnasien ins Gespräch gebracht. Erst später stellte sich heraus, dass die FDP die G8-Oberstufe auch für die G9-Schüler beibehalten will. Mit der CDU ist es zu einem tatsächlichen Gedankenaustausch auf Augenhöhe gekommen.

nmz: In Niedersachsen wurde die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ohne Schwierigkeiten innerhalb kurzer Zeit bewältigt. Warum nehmen sich die Regierungs- und Oppositionsparteien daran kein gutes Beispiel?

Hohenstein: Diese Frage habe ich mir – und den SPD-Politikern – auch schon gestellt. Im Schuljahr 2015/16 kehrten die Klasse 5, 6, 7 und 8 an allen Gymnasien in Niedersachsen zum G9 ohne Nachmittagsunterricht zurück. Dies führte zu einem großen Aufatmen bei Schülern, Eltern und Lehrern und zeigte, dass eine solche Umstellung ohne Probleme in kurzer Zeit möglich ist. Aber auch in den Oppositionsparteien in NRW ist die Bereitschaft zu diesem Schritt nicht da, weil sowohl CDU/FDP auf der einen Seite als auch SPD/Grüne auf der andern Seite an der Einführung von G8 im Jahr 2005 als Regierende beteiligt waren.

nmz: Von vielen Parteien waren in den vergangenen Monaten verschiedene Vorschläge zu lesen, optional wieder den neunjährigen gymnasialen Bildungsgang zu ermöglichen, besonders vor dem Hintergrund der Landtagswahlen im Mai. Eine generelle Abkehr vom Zwangsnachmittagsunterricht ist dabei aber nicht zu erkennen. Warum wird diese Kernproblematik weitgehend ausgeblendet, insbesondere vor dem Hintergrund der eindeutigen Ergebnisse der Landeselternschaftsumfrage?

Hohenstein: Es ist sogar noch schlimmer: Insbesondere die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann sagt, dass G9 eine Option für Gymnasiasten sein soll, die zu schlecht für G8 sind. Sie will den Eindruck erwecken, als hätten nur schlechte Schüler ein Problem, das letztlich nicht an G8 liegt. Damit versucht sie, die Öffentlichkeit davon abzulenken, dass G8 für alle Schüler ein Diebstahl von Lebenszeit ist.

Offensichtlich geht es ihrer Bildungspolitik um etwas ganz anderes: Die jetzige Landesregierung ist dafür verantwortlich, dass immer mehr Haupt- und Realschulen geschlossen und durch gebundene Ganztagsschulen (Gesamt- und Sekundarschulen) ersetzt werden. Gleichzeitig trieb sie in den vergangenen Jahren die Umwandlung von immer mehr Gymnasien in gebundene Ganztagsschulen mit drei Nachmittagen Anwesenheitspflicht voran. Eine Diskussion über diese Entwicklungen soll im Rahmen der G8-Debatte wohl möglichst vermieden werden.

nmz: Das letzte Volksbegehren in NRW liegt 39 Jahre zurück. Im Frühjahr 1978 stimmten binnen weniger Wochen rund 30 Prozent der Wahlberechtigten gegen die geplante KOOP-Schule. Das Vorhaben der damaligen Landesregierung wurde daraufhin zurückgezogen. Dieses Volksbegehren wurde seinerzeit anfangs völlig unterschätzt und das in Zeiten, als Internetkommunikation noch in weiter Zukunftsferne lag. Was wird in den nächsten Wochen und Monaten entscheidend sein, damit das Volksbegehren zu einem großen Erfolg wird?

Hohenstein: Auch bei der Volksinitiative 2014/15 war die Regierung davon ausgegangen, dass die nötige Zahl der Unterschriften nicht zustande kommen würde. Stattdessen installierte sie mit dem „Runden Tisch“ eine Gegenöffentlichkeit, in der die G8-Befürworter dominierten. Bereits da hat sich gezeigt, dass sie den Unmut der Bürger völlig unterschätzt hat. Jetzt wird es entscheidend sein, dass jeder Bürger die demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeit erkennt und sie zum Wohl der Kinder und der Bildung und Kultur in unserem Land auch einsetzt. Viele Menschen glauben oft: „Ich kann gegen die da oben sowieso nichts tun.“ Aber mit dem Volksbegehren haben alle die Möglichkeit, selbst die Politiker zu zwingen, in ihrem Sinne zu handeln. Und dies kommt in NRW wohl nur alle 40 Jahre vor.

nmz: Welche Möglichkeiten bestehen für interessierte Bürgerinnen und Bürger, für das Volksbegehren zu werben und sich ehrenamtlich zu engagieren?

Hohenstein: Jeder kann etwas beitragen: Auf der Webseite der Initiative g9-jetzt-nrw.de kann jeder Bürger nach Registrierung mit Name und Adresse Unterschriftenlisten herunterladen und selbst ausdrucken. Diese kann jeder kopieren und an Freunde und Bekannte verteilen, damit auch diese wieder ihre Freunde und Bekannten und Chöre und Ensembles mit Listen ausstatten. So kann jeder dazu beitragen, dass die nötige Million von Stimmen zustande kommt. Bei Auftritten von Ensembles kann man auf das Volksbegehren hinweisen und Listen auslegen oder verteilen. Man kann natürlich auch am Arbeitsplatz Kollegen ansprechen. Die gefüllten Listen kann man dann einfach per Post nach Gummersbach zu „Mehr Zeit für Kindheit und Jugend e.V.“ schicken.

Wer mehr tun möchte, kann sich auch bei Infoständen beteiligen, mit denen vor Ort Unterschriften gesammelt werden. Oder man kann auch Leserbriefe schreiben und sich an die Presse wenden. Und es wird auch Geld gebraucht, das man als Spende an den gemeinnützigen Verein „Mehr Zeit für Kindheit und Jugend e. V.“ überweisen kann.

Wichtig ist nur: Neben der freien Unterschriftensammlung gibt es alternativ die Möglichkeit zur Eintragung im Rathaus. Man darf aber nur eine der beiden Möglichkeiten in Anspruch nehmen. Doppelte Unterschriften sind ungültig.

nmz: Herr Hohenstein, danke für das ausführliche Gespräch und viel Erfolg für dieses so bedeutsame Volksbegehren.

Hohenstein: Lieber Herr Kugler, ich danke Ihnen sehr dafür, dass Sie dieses Interview für die nmz ermöglicht haben.

Unterschriftenlisten für die freie Sammlung können heruntergeladen werden auf www.g9-jetzt-nrw.de und www.dtkv-nrw.de. Auf beiden Seiten finden Sie zudem aktuelle Informationen über den Fortgang des Volksbegehrens.

Das könnte Sie auch interessieren: