Vom Wirtshaus in die Akademie

In Freyung im Bayerischen Wald öffnet die bundesweit erste Volksmusikakademie ihre Pforten


(nmz) -
Die Pressekonferenz zur Eröffnung fand Mitte April in der Landeshauptstadt München statt – mit viel Musik, wie zu erwarten war: Ein Quartett, das sich speziell für diesen Anlass formiert hatte, demonstrierte eindrucksvoll, wie sich traditionelle und moderne Elemente in der Volksmusik ergänzen, überschneiden und gegenseitig bereichern können.
Ein Artikel von Ursula Gaisa

Simone Lautenschlager, Leiterin des Studiengangs Volksmusik an der Hochschule für Musik und Theater München, und ihr Kollege Alexander Maurer, Dozent für Diatonische Harmonika an der Hochschule München und an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, der in der Akademie demnächst einen Meisterkurs für Steirische Harmonika geben wird, untermalten zusammen mit zwei Studenten die Vorstellung des neuartigen Konzepts.

Nach dem Vorbild des Salzburger Mozarteums wurden in einem historischen Gebäude des im Drei-Länder-Eck Deutschland, Tschechien und Österreich gelegenen Städtchens 13 schallisolierte Proberäume eingerichtet. Der 160 Jahre alte Stadl der Brauerei Lang wurde durch das größte Städtebauprojekt Niederbayerns 2018 aufwändig saniert und in ein Bildungshaus mit dem Schwerpunkt Volksmusik umgewandelt, das im Mai offiziell eröffnet wird. Das knapp 12 Millionen Euro teure Projekt, der erste Spatenstich erfolgte bereits 2016, wurde den Medienvertretern vom Bezirkstagspräsidenten Niederbayerns und 1. Bürgermeister der Stadt Freyung, Olaf Heinrich, sowie dem Musikalischen Leiter der Akademie, Roland Pongratz, vorgestellt.

Letzterer musste auch gleich eine oft gestellte Frage beantworten, was denn eigentlich Volksmusik sei: „Im Grunde ist alles Volksmusik, es gibt hierfür keine starre Definition. Wer auch immer glaubt, dass er in unserer Volksmusikakademie mit seiner Musikrichtung gut aufgehoben ist, der ist uns willkommen.

Natürlich wird die traditionelle Volksmusik eine große Rolle spielen, aber wir sind offen für alles Neue, auch Mischformen mit anderen Musikrichtungen natürlich.“ Der in Regen ansässige Festival-Initiator Pongratz, selbst aktiv in professionellen Formationen wie den Äff-tam-tam Musikanten, stellte darüber hinaus fest, dass die Beschäftigung mit traditioneller Volksmusik wohl noch nie so weit verbreitet gewesen sei wie heute: „Bayern singt, tanzt, musiziert an allen Ecken und Enden.“

Es sei schön, dass es jetzt ein Zentrum gibt, in dem man sich einerseits Anregungen und Tipps bei erfahrenen Referenten holen, sich andererseits aber zurückziehen kann, um „die musikalische Seele baumeln zu lassen“. Bereits 50 Seminare sind in diesem Jahr an den Wochenenden im Angebot – zu den Bereichen Instrumente, Lied, aber auch zu ganz speziellen Themen wie Landler-Tanz.

Auftrittsmöglichkeiten für die probenden Ensembles gibt es direkt in der Akademie nicht, dafür aber in der direkten Nachbarschaft: „Wir haben in allen Bereichen auf Vernetzungen in der Region Wert gelegt. Es gibt in Freyung ein von der Akustik her sehr gutes Kurhaus fast in Sichtweite der Akademie. Wir haben ganz bewusst gesagt, es soll keine größeren Veranstaltungsräume in der Akademie geben, um das Ganze in die Umgebung zu integrieren.“ Auch Schulklassen sollen hier die Möglichkeit bekommen, mit Musik in Berührung zu kommen, ein wichtiges Anliegen des Leitungsteams.

Mit dem Fachbereich Volksmusik an der Hochschule für Musik gibt es zurzeit „nur“ in Bezug auf Kurs-Dozenten Berührungspunkte, eine weitere Zusammenarbeit sei aber angedacht, so Pongratz: „Über kurz oder lang wird etwas Entsprechendes entstehen und wachsen.“ Mit der anderen ostbayerischen Musikakademie in Alteglofs­heim in der Nähe von Regensburg sei man in gutem Kontakt, wie Olaf Heinrich feststellte: „Wir haben uns seit Beginn der Planungen gegenseitig abgestimmt, wir haben auch sehr viele Informationen und Hinweise bekommen, gerade in der Planungsphase und wir stehen gerade, was die zukünftigen Programme angeht, in engem Austausch, denn wir wollen uns ergänzen und in keiner Weise in Konkurrenz treten.“

In der Musikakademie können sich Gruppen mit bis zu 100 Personen, aber auch interessierte Einzelpersonen, zum Proben einfinden oder sich für das umfassende Seminar- und Fortbildungsprogramm anmelden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Laien, Semi- oder echte Profis handelt, das Haus stehe allen offen. Die Volksmusikakademie in Bayern organisiert darüber hinaus auf Wunsch Dozenten oder Referenten für bestimmte Themen, ermöglicht eigene Tonaufnahmen, auch Ausflüge in die Umgebung könnten organisiert werden: „Gerade diese Kombination ist neu, und wir sind stolz, dass wir in Niederbayern eine eigene Musikakademie bekommen. Durch die Lage, könne man auch ländergrenzüberschreitend agieren und diese Besonderheit in das Konzept miteinbeziehen“, so Heinrich.

Für rund 30 bis 35 Euro pro Nacht inklusive Vollpension können rund 48 Musikerinnen und Musiker in 12 Zimmern dort untergebracht werden, außerdem gibt es weitere Übernachtungsmöglichkeiten in den benachbarten Hotels und Gasthäusern. Für gesellige Stunden und die Mahlzeiten trifft man sich im historischen Gewölbesaal, in der Cafeteria oder bei schönem Wetter im Innenhof unter einer alten Linde.

Da die Förderung aus dem Bereich Städtebau stamme, sei man aber immer darauf bedacht, die umgebende Gemeinde sowohl im Auftritts- als auch im Gastrobereich mit einzubeziehen, außerdem wolle man den Gästen die umliegenden touristischen Attraktionen des Bayerischen Waldes wie den Baumwipfelpfad oder das Museumsdorf in Tittling ans Herz legen.
  

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