Vor allem die Entdeckung neuer Spielorte

Raumszenisch Bewegtes und Klang-Bild-Kombinationen beim Berliner Festival MaerzMusik 2011


(nmz) -
In ihrer zehnten Edition verließ die Berliner MaerzMusik unter dem Motto „Klang Bild Bewegung“ die angestammten Räume und breitete sich über die ganze Stadt aus. Die fortgesetzten Umbauarbeiten am eigenen Gebäude begriff Festivalmacher Matthias Osterwold als heilsamen Zwang, neue Partner und neue Spielorte zu entdecken. Die Reise führte nicht zuletzt in den Ostteil der Stadt, etwa ins elegante Café „Moskau“ an der Karl-Marx-Allee, ein rekonstruiertes Bauwerk der DDR-Moderne, in die zum Kino umfunktionierte Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz oder in den Berghain-Club hinter dem Ostbahnhof, der bei Techno-Fans Kultstatus besitzt. Diese Entdeckung neuer Räume lohnte sich und tröstete darüber hinweg, dass die dort erklingende Musik oft nur zweitrangig war.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Eine faszinierende Einstimmung bot das Eröffnungskonzert mit „Chroma XV“ von Rebecca Saunders im „Moskau“. Bei dieser Raumcollage waren Instrumentalisten der musikFabrik in sieben kleinen Gruppen über die ganze Etage verstreut. Aus allen Ecken hörte man aufeinander reagierende Klänge, und das Publikum bewegte sich langsam und andächtig zwischen diesen. Man staunte über den langen Nachhall von Röhrenglocken, über Violinsoli im Treppenhaus oder das Klirren vieler kleiner Glockenspiele. Danach durfte man das Ganze aus anderer Perspektive noch ein zweites Mal erleben. Durch große Glasscheiben sah man dabei auch die Musiker und Hörer in den entfernten Räumen, wodurch sich das Wandelkonzert in ein Theater oder sogar Ballett verwandelte.

Auch Enno Poppe und Wolfgang Heininger verbanden bei „Tiere sitzen nicht“ Visuelles und Klangliches und arbeiteten dazu ebenfalls mit der musikFabrik zusammen. Allerdings waren die Musiker bei dieser „Bühnenmusik für 200 Instrumente“ auf das Podium des Radialsystems fixiert, wo sie auf vielen verschiedenen Instrumenten spielten, darunter alten Keyboards und Synthesizern, und hin und wieder zu einem improvisierten Solo nach vorn traten. Das Publikum suchte von seinen festen Plätzen nach einer erkennbaren Dramaturgie – leider vergeblich. Nach einer guten Stunde bauten sich die Musiker zum Standbild auf und stimmten – unterstützt durch blendende Scheinwerfer – ein gewaltiges Crescendo an, das abrupt abbrach. So what? Noch mehr ­enttäuschte ein Konzert mit „Intonarumori“, 16 futuristischen Klang­erzeugern, die der italienische Komponist Luciano Chessa nach Plänen Luigi Russolos nachgebaut hatte. Die Schalltrichter hatten optisch einen größeren Reiz als die durch sie verstärkten Schabegeräusche. Immerhin rezitierte Blixa Bargeld von der Gruppe „Einstürzende Neubauten“ dazwischen Kochrezepte.

Die spanische Nationalpreisträgerin Elena Mendoza schuf in ihrer Komposition „Fragmentos de teatro imaginario“ einen „einleuchtenden“ Übergang vom Musizieren zur szenischen Performance, indem wechselndes Licht wie eine Ampel Zonen des Erlaubten und des Verbotenen anzeigte. Komik entstand, wenn die Musiker des Stuttgarter Ensembles Ascolta bei Gelb trotzdem spielten. Weniger überzeugten bei diesem Konzert die schlicht-illustrative Märchenerzählung „Girasole“ von Pei-Yu Shi und „Violetta Mahon’s Dream Diaries“ von Jennifer Walshe, wobei sich die beabsichtigten surrealen Wirkungen allein dem Video verdankten, nicht der dürftigen Musik.

In seinem dadaistischen Monodram „Nothing to Declare“ hatte Perttu Haapanen die Absurdität des Büroalltags karikieren wollen. Aber so heftig der Bassbariton Nicholas ­Isherwood auch ins Telefon schrie und so schicksalsergeben die drei Musiker des Plus Ensemble sich auf dem Boden wälzten oder sich Kartons aufsetzten, sprang doch der Funke nicht über. Stärker sprach Lotta Wennäkoskis expressives Monodram „Lelele“ an, nicht zuletzt dank der Solistin Pia Freund. Dem Programmbuch war zu entnehmen, dass es dabei um zur Prostitution gezwungene Osteuropäerinnen ging. Das Video dazu zeigte eine nackte Frau, die wiederholt in einen See stieg und schließlich ertrank.

Mit konventionellem Jazzrock begleitete der Saxophonist Christoph Gallio in „Road Works“ die von Beat Streuli in New York aufgenommenen Straßenszenen. Banalität traf auf Banalität. Mehr Interesse verdiente der Schauplatz dieser technisch aufwendigen Installation, der in einem ehemaligen Heizkraftwerk untergebrachte Technoclub „Berghain“, der sonst nur Mitgliedern der Szene zugänglich ist. Nun konnte man treppauf-treppab die hohen Räume und diversen Dance­floors durchwandern und begegnete dabei unüberhörbaren Video-Musik-Installationen von Phill Niblock. Noch höher und größer als das „Berghain“ ist die im entkernten Kraftwerk Mitte untergebrachte Industriekathedrale „Trafo“, in der Michael Wertmüller und der schwedische Medienkünstler Lillevan „Licht – Zeiten“ für Ensemble, Licht und Video zur Uraufführung brachten. Wertmüller, der bei Dieter Schnebel an der Berliner Universität der Künste studierte, wo er inzwischen selbst unterrichtet, hatte seine virtuose Partitur wie ein Concerto grosso angelegt, welches das traditionell besetzte courage-Ensemble aus Dresden dem Hardcore-Trio Steamboat Switzerland gegenüberstellte. Licht- und Videoprojektionen auf die weißen Anzüge der Courage-Musiker unterstrichen diese Polarität.

Zum Thema „Klang Bild Bewegung“ gehörte nicht zuletzt neue Musik zu ­alten Filmen. So begleitete das Ensemble Modern den epochalen Stummfilm „Metropolis“ von Fritz Lang mit einer Musik des Argentiniers Martin Matalon, welche durch elektronische Mittel die futuristischen Aspekte akzentuierte. Tiefe Wirkung hinterließ die restaurierte und kolorierte Fassung des zweieinhalbstündigen Antikriegsfilms „J’accuse“ von Abel Gance von 1919, der Schlacht- und Totentanz­szenen mit einer Liebesgeschichte verbindet und in ein Bild von Chris­tus am Kreuz einmündet. Die kühne Schnitttechnik überzeugte wie die Verbindung von Totale und Detail in einer Mahler-Symphonie. Dem Wechsel der Bild- und Handlungsebenen ­entsprach in der hier vorgestellten Musik der Kontrast zwischen Riffs des Avantrock-Gitarristen Gary Lucas und ­historisierenden Partien des niederländischen Komponisten Reza Namavar. Dramaturgisch geschickt schlugen die beiden damit Brücken zur Gegenwart. Wie bei „Metropolis“ wich aber in den bedeutungsvollsten Momenten die Musik der Stille.

In diese Konzerte, Performances und Filmvorführungen strömte ein anderes Publikum, als man es sonst bei der MaerzMusik kennt. Manche waren wegen der Räume gekommen, manche auch wegen der Interpreten, die – wie etwa Blixa Bargeld – als Stars ihrer jeweiligen Szene gelten. Ein solcher ist für Electronica-Fans der Brite Richard David James alias Aphex Twin. Zum Berlin-Debüt des New Yorker Ensembles „Alarm Will Sound“ besuchten viele junge Leute den Kammermusiksaal der Philharmonie, manche wohl zum ersten Mal. Mit Bedacht sprach der Dirigent Alan Pierson in seiner Moderation nicht von einem Konzert, sondern von einer „Show“. Wohl nicht wegen der in der ersten Hälfte gespiel­ten Werke von Harrison Birtwistle, Wolfgang Rihm und John Adams waren diese Hörer gekommen, sondern wegen der Instrumentalversionen von „Aphex Twin“-Titeln. Mit komplexen Rhythmen eiferten die Musiker damit der Maschine nach, was ebenso legitim ist wie Anlehnungen der Kunstmusik an jeweils aktuelle Tanzmusik. Bei den Frank-Zappa-Adaptionen des Ensemble Modern waren solche Übernahmen allerdings schon ergiebiger und spannender zu erleben.

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