Wegbereiter zwischen den Welten

Zum Tod des Dirigenten Gennadi Roschdestwenski


(nmz) -
Sein Vater Nikolaj Pawlowitsch Anossow war in den 1930er Jahren ein berühmter Dirigent. Grund genug für den am noch berühmteren Moskauer Konservatorium ausgebildeten Sohn Gennadi, der 1931 in eine klassische Musikerfamilie hineingeboren worden ist, die eigene Laufbahn mit dem Mädchennamen seiner Mutter zu starten. Schlicht und einfach, weil er fürchtete, ansonsten in den Ruf der Vetternwirtschaft zu geraten. Völlig frei davon steht der Name Roschdestwenski heute für eine berühmte Musikerdynastie.
Ein Artikel von Michael Ernst

Gennadi Roschdestwenski hat diesen Künstlerkreis am 16. Juni verlassen. Nach langer und schwerer Krankheit legte er sein Erbe in die Hände von Viktoria Postnikowa und Sascha Roschdestwenski. Die berühmte Pianistin und der 1970 geborene Geiger trauern um den Gatten und Vater. Die internationale Musikwelt trauert um eine Ikone. Roschdestwenski  arbeitete schon frühzeitig mit namhaften Klangkörpern der Sowjetunion und wenig später im Ausland. Sein Debüt gab es als 20-Jähriger am Bolschoi-Theater mit Tschaikowskis Ballett „Der Nussknacker“. Von 1960 an leitete er 14 Jahre lang das Staatliche Rundfunk-Sinfonieorchester der UdSSR, später war er Chefdirigent am Bolschoi sowie an der Moskauer Kammeroper. In den 1980er Jahren wurde er für drei Jahre Chef der Wiener Symphoniker, arbeitete mit dem Londoner BBC Symphony Orchestra, übernahm nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Stockholmer Philharmonie. Die fruchtbare und enge Verbindung Roschdestwenskis mit ostdeutschen Klangkörpern wie der Dresdner Philharmonie und der Sächsischen Staatskapelle dürfte sich in besonderer Weise aus der gemeinsamen Vorliebe für ein Repertoire der klassischen Moderne gespeist haben.

Sämtliche Orchesterkompositionen Schostakowitschs hat Roschdestwenski aufgenommen, von dem insgesamt fast 800 Platten- und CD-Einspielungen vorliegen.

Der Meister steht aber nicht nur für seinen Musikerfreund Dmitri Schostakowitsch, sondern kaum minder für Sergej Prokofjew sowie als furchtloser Wegbereiter etwa von Edison Denisow und Sofia Gubaidulina. Bereits lange zuvor war er der erste Dirigent, der Werke von Carl Orff, Paul Hindemith, Béla Bartók und Maurice Ravel in seiner sowjetischen Heimat aufführen durfte.

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