Wenn die Zeit zum Raum werden soll

Drei Wochenendkonzerte in Düsseldorf und Essen. Ein Strukturvergleich


(nmz) -
Was uns so alles gewünscht wird. Keine Zeitung kann man kaufen, keine Besorgung machen, an jeder Supermarkt-Kasse ist es unvermeidlich: „Schönen Tag noch!“ Jeder weiß, was er davon zu halten hat. Angeschaut wird man dabei ja ohnehin selten – es sei denn, man legt seine Payback-Karte vor. Belohnt mit frommen Wünschen, mit Rabattvorteilen wird der Konsum, das erklärte, das deklarierte Kundesein. So weit, so bekannt.
Ein Artikel von Georg Beck

Was aber ist, wenn nicht dm oder REWE, sondern das Konzert­haus hingeht und uns seinerseits ein

„Schönes Wochenende“

wünscht, respektive uns unter diesem Namen ein solches beschert? Geht das überhaupt, der Alltags­floskel programmatische Qualität abzulauschen? Antwort: und ob! Die Düsseldorfer Tonhalle beispielsweise präsentierte ihr „Festival für modernes Hören“ unlängst in dritter Ausgabe.

Sagen wir so: Auch wenn bis zum Schluss gerätselt wurde, was unter „modernem Hören“ genau zu verstehen ist – es klang zuweilen gar nicht schlecht, ja ausge­sprochen heiter an und in diesem „Schönen Wochenende“. Etwa, wenn die „Kölner Vokalsolisten“ im Wechsel mit dem lokalen „notabu ensemble neue musik“ Machauts „Messe de Nostre Dame“ und „Machaut-Architekturen“ von José-Maria Sánchez-Verdú musizierten – ganz hohe Kunst. Nicht weniger, als das Ensemble musikFabrik Rebecca Saunders’ vielleicht doch etwas breit angelegte „Stasis“-Klangfelder von allen Seiten, aus allen Ecken in den Saal setzte. Das hatte Präsenz, das hatte Klangsinn. Da blieb nichts offen. Unterm Strich waren das fünf mehr oder minder hip überschriebene Konzerte, von denen sich sagen lässt, dass jedes für sich sein Niveau hatte und sein Publikum. Und dazwischen? Frei nach Heinz Ehrhardt – Zwischenraum.

Festivals für zeitgenössische Musik sind ehrgeizige Unternehmen, müssen es ganz automatisch sein. Eine gewisse Schwierigkeit tut sich nur dann auf, wenn der offen angeschlagene volkstümliche Grundton von „Twilight Zones“-, „Sonic Spaces“-, „4 Rooms“-, „Kathedralen“- und „An Bord“-Konzerten kollidiert mit dem hinter der Verpackung irgendwie ja immer auch noch mittransportierten Kunstanspruch. Sofern letzterer noch vorhanden ist. Worüber man sich tatsächlich nicht immer ganz sicher sein kann. Jedenfalls scheinen die Zeiten vorbei, als man einem Konzertprogramm noch auf den ersten Blick angesehen hat, dass (Neue) Musik mehr ist als eine Spielwiese für diese(s) und jene(s).

Als Konzertgänger ist man jedenfalls gut beraten, sie nicht allzu weit heraushängen zu lassen, seine so herzlich unmodern gewordene Sympathie fürs „Geistige in der Kunst“. Worunter Kandinsky, der die Wendung populär gemacht hat, übrigens auch das Vermögen der Kunst verstehen wollte, uns das „düstere Bild der Gegenwart zu spiegeln“. Was automatisch das Politische in ihr berührt. Weswegen Konzert- und Theaterereignisse, die das Band zur Wirklichkeit nicht zerreißen, sondern suchen von vornherein unser Interesse finden. Etwa ein, im Windschatten zum „Schönen Wochenende“ terminiertes Musiktheaterprojekt namens

„The Raft – Das Floß“

Im Umkreis eines (in Wahrheit ziemlich verregneten) Wochenendes kam es in einer solitären Architektur, dem 1937 errichteten, nach seiner Außenhaut unverkennbar NS-kontaminierten „Ballhaus“ in der Düsseldorfer Nordstadt zu einer anderen Begegnung mit dem „Phänomen Raum“. Ausgangspunkt hier unumwunden das Politische der Kunst. Musiktheater als Gegengift. Zur anstehenden Eröffnung des „Neuen Forums Vogelsang“ in der Eifel (5./6.3.; www.vogelsang-ip.de) hat sich um die Regisseurin Friederike Felbeck eine Projektgruppe zusammen­gefunden. Mit dem Bündnis­partner Peter Weiss und dessen „Ästhetik des Widerstands“ will man sich des Spukbildes einer ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang erwehren.

Dass die Voraufführung von „The Raft – Das Floß“ in Dramaturgie und Dynamik noch einen etwas unrunden Lauf an den Tag legte, sollte behebbar sein. Die Brisanz des Themas, des Erinnerungsraums ist ja unübersehbar. Siehe das „Floß der Medusa“, das Théodore Géricault gemalt, das Peter Weiss beschrieben hat und das mittlerweile in jeder zweiten Nachrichten­sendung über gewisse Vorkommnisse in der Ägäis zu besichtigen ist. Nicht zu vergessen die Tradition des Genres Musiktheater­ selbst, insofern zum Projekt-Kontext ja auch Hans Werner Henzes „Floß der Medusa“ gehört, das 1968 im Theater Hamburg zur besten Prime-Time-Zeit vor aller Augen auf Grund lief.

„Für Gerd Zacher“

Auch dem Essener Gedenkkonzert für den 2014 verstorbenen Komponisten und Organisten Gerd Zacher, terminiert ebenfalls im Umkreis eines „Schönen Wochen­endes“, war Ambivalenz eigen: Es bewegte sich auf dünnem institutionellen Eis, hinterließ zugleich den stärksten Eindruck. Auch hier Freunde, Schüler, Weggefährten, die Organisation, Veranstaltung, Ausführung schulterten: Das Konzert, wie in den Anfängen der Neuen Musik, als selbstver­ant­­wortetes Unternehmen. Im Ergebnis höchste Zufriedenheit über einen Abend, dessen grandioser Verlauf hier zumindest skizziert sei.

Da war zunächst die Hörerseite, sprich ein Publikum, das das Rellinghausener Kirchenschiff nicht nur in ansehnlicher Zahl, sondern vor allem (einhellige Meinung der Musizierenden) mit seiner Aufmerksamkeit füllte. Was als Reaktion gewertet werden darf. Auf die Exzellenz der Ausführung durch Ensemble E-Mex plus Gäste; Reaktion aber doch auch auf die programmatische Handschrift dieses Konzerts, das Juan Allende-Blin, Lebens- und Weggefährte Gerd Zachers, aus dem Herzen kuratiert hatte. Oder, wie man auch sagen kann, aus einem ganzen Leben. Eines, das seinen Kurs, seinen Stern durchs Vermächtnis der Exilanten, der Verfolgten des NS-Regimes bekommen hat. In einem inspirierten Vortrag erinnerte Christian Esch, Leiter des NRW-Kultursekretariats, an die überragende Leistung der Künstler-Partnerschaft Zacher/Allende-Blin. An einen Gerd Zacher, der die Orgel „aus der dumpfdeutschen Ecke ans Licht der aufgeklärten Kunst“ geführt habe; an Juan Allende-Blin, der die „helle Flamme einer mündigen Kunst, entwunden der kalten Asche des Kultur- und Zivilisationsbruchs von 1933, bis heute entfacht und bewahrt“. Dazu bei beiden das Ineinander von „musikalischer Innenwelt und Welthaltigkeit des Inneren“, das im klingenden Teil dieses Abends praktisch wurde, also hörbar.

In Gestalt der späten Trio-Sonate Claude Debussys für Flöte, Viola, Harfe mit ihrer schweifenden Fahrt zwischen Todesernst und Heiterkeit; in Gestalt der „Fünf Geistlichen Lieder“ op. 15 von Anton Webern: Fünf Kristalle, von Rita Balta, Ensemble E-Mex unter Christoph Maria Wagner zum Funkeln gebracht. Ferner die John Cage gewidmete Gemeinschaftskomposition „75 EVENT(tualitie)S / Siebeneinhalb Dezennien“ für Orgel und Zuspielung – von Zacher-Schüler Matthias Geuting dort verortet, wo sich die Kunst wie das Leben der Essener Komponisten berühren, berührt haben: zwischen versammelter Stille und einschlagenden Blitzen. Letztere übrigens eine originäre Allende-Blin-Erfindung: Forte-Kaskaden über alle Manuale.

Ein künstlerisch überzeugendes, menschlich bewegendes Konzertereignis, das ein wunderbares Finale hatte im „imaginären Dialog“, den Juan-Allende-Blin mit seinem verstorbenen Freund führte: „Transformations VIII – Antiphonie“. Orgelmusik von der Empore, im Altarraum ein Bläser-Quartett, dazu ein Tenor ohne Text, befasst allein mit Vokalisen. Und doch sprechend. Das Verletzliche, das eigentümliche Beben, das Raumwerden musikalischer Zeit, das die Handschrift des Komponisten Juan Allende-Blin ausmacht. Der Ton von Zeitzeugenschaft.
  

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