Wie hältst Du’s mit der Inklusion?

Kulturelle Bildungsprogramme auf dem Prüfstand: Tagung des Netzwerks Kultur und Inklusion


(nmz) -
Programme Kultureller Bildung werden von Bund und Ländern für Kita-Kinder, für Kinder und Jugendliche und auch für Erwachsenenbildung in verschiedenen schulischen, außerschulischen und kooperativ-schulisch-außerschulischen Formaten aufgelegt. Grundsätzlich gilt „Kultur für alle“. Allerdings: Menschen mit Beeinträchtigung der verschiedenen Altersstufen sind als Programm-Empfänger signifikant unterrepräsentiert.
Ein Artikel von Irmgard Merkt

Das Netzwerk Kultur und Inklusion, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, kurz BKM, befasst sich in Form eines Dialog- und Fachforums nunmehr im fünften Jahr mit den Barrieren, die einer selbstverständlichen Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung auf den Ebenen der künstlerischen Tätigkeit und der Rezeption im Wege stehen. Die aktuelle Netzwerktagung – vom Herbst 2020 auf 18. März 2021 in ein Online-Format verschoben – ging der Frage nach, wie sich das Thema Inklusion und die Beteiligung von Menschen mit Beeinträchtigung in den kulturellen Bildungsprogrammen wiederfindet, die von Bund und Ländern aufgelegt werden. Der Tagung voraus ging eine Befragung landes- und bundesweiter kultureller Bildungsprogramme.

Eine Vorbemerkung: Kulturelle Teilhabe von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Beeinträchtigung ist kein Selbstläufer: Die „Soziologie der Behinderten“ verweist unter anderem auf die Korrelation von Behinderung und Armut und/oder Migration, insbesondere auf die von Beeinträchtigung des Lernens und Armut/Migration. Der Zusammenhang von „Kulturferne“ und Armut ist hinreichend diskutiert, der Zusammenhang von „Kulturferne“ und Behinderung weniger. Fazit: Kulturarbeit mit jungen und älteren Menschen mit Beeinträchtigung muss aufsuchende Kulturarbeit in allen Milieus sein – und die kulturellen Bildungsprogramme müssen den Verwaltungen und Organisationen, den Künstlerinnen und Künstlern deutlich signalisieren, dass die „Klientel mit Beeinträchtigung“ ausdrücklich gemeint ist.

Nicht nur der Teilhabebericht der Bundesregierung weiß es, gerade auch für die virtuell anwesenden Ta­gungsdiskutant*innen ist es Alltagswissen: Die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung an den Programmen Kultureller Bildung ist marginal und im einstelligen Prozentbereich. Die Befragung bestätigt es: 7 Prozent. Viel, immerhin oder wenig? Viel zu wenig.

Die über 50 Tagungsbeteiligten aus unterschiedlichen Berufszweigen zwischen aktiver Kunstproduktion, Pädagogik, Politik und Verwaltung waren sich einig: Will man eine neue Klientel gewinnen, müssen die Programme selbst auf verschiedenen Ebenen deutlich machen, welche   Klientel gemeint ist. Nicht die Klientel muss die Programme finden, nein, Programme müssen die Klientel geradezu einladen. 

Was also tun? Die Antworten bewegen sich auf verschiedenen Ebenen. Eine ist natürlich die Informations­ebene: Sie muss barrierefrei oder zumindest barrierearm sein. Das ist keine neue Forderung: Seit vielen Jahren ist Kultur mit der Gestaltung medialer Barrierefreiheit beschäftigt. Aber längst nicht alle Programme schätzen heute ihre eigene Homepage als barrierefrei ein. Eine weitere Ebene ist die des künstlerischen Personals: Künstlerische Ausbildung beinhaltet bislang nur ausnahmsweise Inhalte, die zu kompetenter inklusiv orientierter Arbeit befähigen. Und wenige inklusiv orientierte Projekte erzeugen auch wenig praktische Erfahrung in diesem Feld. Fort- und Weiterbildungen und Professionalisierungsworkshops sind hier unerlässlich. Aktives Zugehen auf Verbände der Interessenvertretung von Menschen mit Behinderung ist ebenso unabdingbar wie die Kooperation verschiedener Institutionen. Und last but not least: Die Antragsformulare selbst müssen deutlich machen, dass an Teilnehmer*innen mit Beeinträchtigung gedacht ist – also daran, Kosten für Assistenz, Audiodeskription, Gebärdensprachdolmetschung et cetera in den Finanzplan des Projektes einzustellen. Aufsuchende Kulturarbeit klappt zudem nur über die Zusammenarbeit mit den Betroffenen und ihren Interessenvertretungen selbst.

Auf der Homepage des Netzwerks Kultur und Inklusion werden in Kürze Empfehlungen des Dialog- und Fachforums aus der Praxis für die Praxis veröffentlicht, deren Umsetzung dazu beitragen wird, dem Paradigma Kultur für alle ein wenig näher zu kommen: https://kultur-und-inklusion.net/

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