Winter-Jazz

Eine Kölner Erfolgsstory


(nmz) -
Das lässt hoffen: Da stehen junge Menschen einmal nicht für das neueste ­iPhone Schlange, sondern für Jazz! Beim Winterjazz in Köln mutiert das hole Wörtchen „Hype“ endlich mal wieder zu so etwas wie „Ausstrahlung“. Auf jeden Fall dabei sein wollte das Publikum im Kölner Stadtgarten, um handgemachte, ehrlich empfundene Musik hautnah zu erleben. Dass Jazz wieder „sexy“ ist, dafür möchte die Kölner Saxofonistin Angelika Niescier ihren Beitrag leisten. Sie lernte in New York das Vorbild für den Kölner Winterjazz kennen, bei dem die freie Szene der Stadt zu einem „free concert“ zusammen kommt.
Ein Artikel von Stefan Pieper

Bei der siebten Kölner Auflage des Winterjazz hat es sich auf jeden Fall genug herum gesprochen, dass es hier gute Musik aus erster Hand von hervorragenden, meist längst international vernetzten Musikern gibt. Der Stadtgarten verfügt darüber hinaus seit letztem Jahr über eine deutlich solidere künstlerische Arbeitsgrundlage jenseits aller kurzlebigen Projektförderungen: Kölns Jazzspielstätte wird als „Europäisches Zentrum für Improvisierte Musik“ von Bund und Land institutionell gefördert. Auch hier geht es um Ausstrahlung. Winterjazz bleibt ein wichtiges Thema dabei. „Wir könnten mit dem Geld auch etwas anderes machen“ betont Stadtgarten-Leiter Reiner Michalke, „aber wir machen es nicht.“ Denn die Signalfunktion dieses Selbstläufers zum Jahresauftakt zählt.

Die spannende Frage bleibt: Liefert ein solches Event den Anreiz für die Zuhörer, auch mal eines (oder besser mehrere) der circa 400 Konzerte allein im Stadtgarten zu besuchen? Und dafür auch Eintritt zu investieren? Mangelnde Zuhörmotivation ist augenscheinlich nicht zu befürchten. Im prall gefüllten Saal des Stadtgartens ist es mucksmäuschenstill, als der Pianist Tobias Weindorf, Gunnar Plümer am Bass sowie Schlagzeuger Peter Weiss ihren herrlich sensiblen Kammerjazz musizieren. Der Underground dominiert im benachbarten Lokal „Zimmermanns“ –  einem hippen Hybrid aus Imbisslokal und Szenekneipe. Im Untergeschoss begibt sich gerade das Kontrabass-Elektronik-Duo Merzouga auf Spurensuche in abgefahrene Soundgefilde, die aus dem Maghreb stammen. Die Zuhörerschaft darf auch hier mal wieder das Staunen lernen. „Das Publikum ist ja auch immer ein improvisatorischer Faktor“ betont Angelika Niescier.

Auf der kleinen Studiobühne im Untergeschoss des Stadtgartens sorgt gerade ein Quartett um die Violinistin Zuzana Leharovà für geballte, unmittelbare Liveenergie. Und es gibt eine starke pia­nistische Entdeckung beim Winterjazz 2018: Der indischstämmige Pianist Jarry Singla hat tief verinnerlicht, was sein einflussreicher Lehrmeister John Taylor ihm auf den eigenen Weg mitgab: nämlich die Aufforderung zur Freiheit. Singla hört in seinem Spiel tief in sich hinein, um die eigene Stimme zu finden. Am Anfang werden Geist und Sinne weit geöffnet durch eine Improvisation auf dem indischen Harmonium, danach werden so viele subjektive Komponenten miteinander eins im Spielfluss dieses Ausnahmepianisten. Singlas sensibles Jazzidiom bleibt nie Selbstzweck, denn er füllt all dies mit Persönlichkeit wie kein anderer an diesem Abend.

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