Wo Entertainment auf hohe Kunst trifft

Die German Jazz Trophy 2019 geht an Dee Dee Bridgewater


(nmz) -
Etiketten im Jazz können langlebig sein. Irgendwann in den mittleren Jahren ihrer Karriere wurde Dee Dee Bridgewater bescheinigt, sie wäre eine neue Ella Fitzgerald. Seitdem gehört diese Zuordnung fest zu ihrer Künstlerbiographie, auch wenn sie nur eine der vielen Optionen darstellt, die Gestaltungskraft der Sängerin und Entertainerin aus Memphis, Tennessee, zu charakterisieren.
Ein Artikel von Ralf Dombrowski

„Neben Ella hatte Betty Carter wohl den größten Einfluss auf mich“, meint sie selbst und spannt den Bogen damit deutlich weiter. „Ich war quasi ihr Schatten, bin ihr gefolgt, wohin immer möglich. Wie sie improvisiert hat, mit Rhythmus und Time umgegangen ist –das habe ich geliebt! Außerdem gab es bei uns zuhause eigentlich immer Musik. Mein Vater brachte Kollegen mit, ständig waren Lieder und Instrumente um mich herum. Das war einfach so. Ich habe nie Musik studiert, sondern alles über die Ohren, über das Zuhören gelernt.“ Und vieles davon hat sie im Anschluss daran selbst auf der Bühne ausprobiert.

Geboren am 27. Mai 1950 unter dem Namen Denise Garrett und groß geworden im Umfeld des sich mit enormer Dynamik entfaltenden Soul und Pop der Sechzigerjahre, außerdem familiär sozialisiert mit Jazz und Blues, blieb es nicht aus, dass die Teenagerin bereits mit Schulbands und örtlichen Rhythm&Blues-Combos Auftrittserfahrungen sammelte. Im Jahr 1970 zog sie nach New York und lernte ihren ersten Mann, den Trompeter Cecil Bridgewater kennen. Es folgten wilde und kreative Jahre, die die Newcomerin, nun unter dem Namen Dee Dee Bridgewater, mit zahlreichen Jazz-Koryphäen von Sonny Rollins bis Dexter Gordon zusammenbrachten. In der Szene kannte man sie bald über ihre Zusammenarbeit mit dem Thad Jones / Mel Lewis Jazz Orchestra, am Broadway wurde sie für ihre Rolle in dem Musical „The Wiz“ gefeiert und mit einem Tony Award 1975 ausgezeichnet. Im Jahr zuvor erschien außerdem „Afro Blue“, ihr erstes Album unter eigenem Namen, und legte den Grundstein für eine umfangreiche Diskographie. Sie sang viel, war international unterwegs und nach einer ihrer Tourneen durch Frankreich ließ sie sich 1985 in Paris nieder. Fast ein Vierteljahrhundert hielt es Dee Dee Bridgewater in der alten Welt, bevor sie nach Las Vegas weiterzog, eine Zeit, in der sie von der etablierten Souljazz-Sängerin, die sich auch Ausflüge in den Pop gönnte, zur Grande Dame des swingenden Entertainments heranreifte, die die großen Hallen von Montreux und San Remo bis San Francisco füllte und für ihre Verbeugung vor dem Vorbild „Dear Ella“ 1998 mit dem Grammy für das beste Vocal-Jazz-Album ausgezeichnet wurde.

Seitdem hat sich Dee Dee Bridgewater unterschiedlichen Quellen der eigenen Kunst gewidmet, dem Soul von Memphis, dem Blues oder auch den Wurzeln des Jazz in der Tradition von New Orleans. Die Unterscheidungen sind ihr allerdings egal, denn mehr denn je geht es ihr um die Freude, die durch Musik in ihr selbst und in ihrem Publikum entstehen kann. Sie ist eine Zauberin der Stimmung, deren Temperament und Unmittelbarkeit sich mit profunder Musikalität und umfassender Erfahrung verbindet, die aus ihren Auftritten und Aufnahmen Feuerwerke der Emotionen und der Gestaltungsfreude werden lassen. Sie ist aber ebenso eine faszinierend perfekte Interpretin, die im wortlosen Scat ebenso sicher agiert, wie bei der pointierten Umsetzung der Geschichten, die ihreSongs erzählen, und die darüber hinaus jede Band und jedes Orchester mit der Autorität einer umfassenden Künstlerin im Griff hat.

Dee Dee Bridgewater ist die leuchtend brillante Verkörperung des Prinzips Entertainment und zugleich eine der besten Jazz- und Soulsängerinnen der Gegenwart. Und damit eine würdig ideale Preisträgerin der German Jazz Trophy 2019.   

  • Dee Dee Bridgewater wurde am 4. Juli 2019 für ihr Gesamtwerk im SpardaWelt Eventcenter mit der German Jazz Trophy ausgezeichnet und eröffnete mit ihrem Preisträgerkonzert das Stuttgarter Festival jazzopen 2019.

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