Wo sind die Frauen?

Absolute Beginners 2018/09


(nmz) -
In einer Kritik der nmz-Ausgabe 7/8-2018 über eine Opernveranstaltung mit Kompositionsstudenten der Münchener Musikhochschule im Rahmen der Münchener Biennale wurde „das vollständige Fehlen von Nachwuchskomponistinnen“ unter den Reihen der Komponisten bemängelt. Es stimmt: Keine einzige Komponistin wirkte bei diesem Projekt („Liminal Space“) mit. Benachteiligung von Frauen? Regie des Projektes machte eine Frau, auch im Orchester spielten zahlreiche Frauen, auf der Bühne wirkten mehr Sängerinnen als Sänger mit. Aber dieses wie auch letztes Jahr gab es bei den Aufnahmeprüfungen im Fach Komposition fast keine weiblichen Bewerbungen.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Angesichts des geringen Prozentsatzes dieser Bewerbungen wurden sogar proportional bevorzugt Frauen aufgenommen. Dennoch haben wir sichtlich nach wie vor viel zu wenige Kompositionsstudentinnen bei uns an der Hochschule, und daher ist es schon rein statistisch sehr wahrscheinlich, dass ein Projekt gänzlich ohne Komponistinnen stattfindet. Gerade haben wir zahlreiche Abschlusskonzerte unserer Bachelor- und Masterstudenten, auch hier sind aus diesem Grund keine Frauen dabei, denn erst nächstes Jahr machen einige unserer Studentinnen ihren Abschluss.

Woran das liegt? In München sicherlich auch an der viel zu zögerlichen Aufarbeitung von Fällen sexueller Übergriffe, die auch einen suspendierten Professor der Kompositionsabteilung und unseren ehemaligen Präsidenten betreffen. Dass dies gerade potenzielle Kandidatinnen abschreckt, die deutsche Zeitungsartikel lesen, ist durchaus vorstellbar (es ist bezeichnend, dass unsere einzigen weiblichen Bewerberinnen dieses Jahr ausschließlich aus Asien kamen). An anderen Hochschulen ist der Prozentsatz weiblicher Kompositionsstudenten deutlich höher, dennoch auch dort weit von den 50/50 entfernt, die in den Instrumental- und Gesangsfächern eher die Regel sind.

Der kontroverse „Intellectual Dark Web“-Protagonist Jordan Peterson argumentiert vehement, dass Frauen eben anders als Männer seien und sie daher in einem freien Land eher andere Berufe bevorzugen als Männer, auch wenn sie dabei keinem Zwang unterliegen. Für ihn wäre „Komponistin“ am ehesten einem Ingenieursberuf vergleichbar, da Klangarchitektur und Konstruktion eine Rolle spielen, und seiner Meinung nach bevorzugen eher Männer solche Berufe. Kämpfer für Gleichberechtigung sehen es anders – allein weil es gesellschaftliche Zwänge und noch nicht überkommene Konventionen gibt, sind Frauen und Männer in bestimmten Berufen nicht gleich vertreten, ansonsten gäbe es in jedem Beruf gleich viele Frauen und Männer.

Wenn man sich die klassische Musikwelt anschaut, so gab es im 19. Jahrhundert grundsätzlich keine Frauen in Orchestern, heute liegt der Anteil um Beispiel in den USA bei 50 Prozent. Diese Veränderung geschah nicht von heute auf morgen, sondern dauerte über ein Jahrhundert. Dass es bei den Komponistinnen länger dauert, hat meiner Ansicht nach aber keineswegs Gründe der grundsätzlichen Disposition von Frauen – denn trotz „konstruierender“ Aspekte des Kompositionshandwerks ist Komponieren vor allem ein künstlerischer und kreativer Beruf, und da Frauen etwa in der Literatur als auch der Malerei mehrfach bewiesen haben, dass sie alles können, was Männer auch können, kann man davon ausgehen, dass sie ihnen auch als Komponistinnen absolut ebenbürtig sind. Nur fehlt es an einem: an dem, was man im Englischen „Role Models“ nennt. Wer als junges Mädchen Opernhäuser betritt, sieht allein Büsten von männlichen Komponisten. Wer den Gang vor dem Senatssaal der Münchener Musikhochschule entlangschreitet, sieht eine lange Porträtreihe von ausschließlich männlichen (und besonders griesgrämig und bedrohlich dreinblickenden) Komponisten. Auch die Literatur über Musik, die vielen Opern- und Konzertführer, füllt Seite um Seite mit den Biografien männlicher Komponisten. Natürlich gibt es heute zahlreiche berühmte Komponistinnen, nur spielt zeitgenössische Musik im öffentlichen Bewusstsein eine so geringe Rolle, dass diese Komponistinnen als Vorbilder erst dann präsent werden, wenn sich eine junge Musikerin schon ein Expertenwissen angeeignet hat, und dann ist es für die eigene Entwicklung schon nicht mehr so prägend. Es wird also noch ein langer Weg sein, doch auch hier wird die Gleichberechtigung ganz sicher kommen. Wir müssten einfach nur mehr Neue Musik spielen!

Dossier: 
Frauen in der Musik

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