Wozu noch Musik studieren?

Provokante Thesen von Stefan Lindemann im Vorfeld der D-A-CH Tagung


(nmz) -
Warum stellen sich junge Nachwuchsmusiker der Herausforderung einer Aufnahmeprüfung? Vielleicht, weil sie sich mit einem hohem Maß an Engagement der Faszination eines Instrumentes bzw. der Musik ganz allgemein verschrieben haben. Und so findet man in den Hochschulen und Konservatorien viele Studenten, die sich voller Idealismus der Sache widmen. Zum Studiumsende hin, nach bestandener Prüfung, erscheinen am Horizont jedoch so unkünstlerische Fragen, wie die nach der Sicherung des Lebensunterhaltes.
Ein Artikel von Stefan Lindemann

Und plötzlich, nach dem Verlassen der institutionellen Käseglocke, stößt man auf Dinge, die einen mit wachsender Sorge erfüllen. Man stößt auf die Alltagsrealität. Und die sieht momentan erschreckend düster aus. Orchester werden, wenn nicht geschlossen, so doch zumindest fusioniert, freie Stellen werden nicht wieder besetzt, sondern nur „projektweise“ mit schlecht bezahlten Aushilfen aufgefüllt; feste Stellen an Musikschulen sind ausgesprochen rar geworden, und wenn, dann gibt es auch dort fast nur noch schlecht bis äußerst miserabel bezahlte Honorarstellen. Von der privaten Seite ganz zu schweigen. Die seit einiger Zeit durch die Soziologie vagabundierende Vokabel des „Prekariats“ ist in der Musik schon seit längerem zu finden. Und die Zahl derer, die sich von einem Orchesterpraktikum zum anderen, von einer Aushilfe zur nächsten Honorarstelle schleppen, wächst rapide.

Die Arbeitsmarktlage für Musiker sieht zu Beginn des 21. Jahrhunderts so schlecht aus wie schon lange nicht mehr. Interessenten für Orchester- oder Musikschulstellen sehen sich angesichts deren rasanter Abnahme und des weiterhin ungebremsten Ausstoßes an diplomierten Fachkräften einem massiv gestiegenen Bewerberdruck ausgesetzt. Immer mehr versuchen zwangsläufig als Freiberufler in einer Mischung aus Honorarstelle, Orchesteraushilfe, Privatunterricht und diversen Muggen teilweise im Wortsinne zu überleben. Viele sind glücklicherweise über ihre Lebenspartner wirtschaftlich abgesichert.

Die wirklichen Einzelkämpfer jedoch stehen vor enormen Schwierigkeiten, da das Honorarniveau auf dem freien Markt in allen Belangen ausgesprochen niedrig ist und oftmals nicht die Kosten des Einsatzes deckt. Hieran kann man eine strukturelle Geringschätzung unserer konzertierend-pädagogischen Arbeit auf Seiten der Gesellschaft ablesen – es scheint ihr nicht viel wert zu sein, habe man doch beneidenswerterweise sein Hobby zum Beruf gemacht. Mit der Folge, dass dann auf der anderen Seite oft notwendige Fortbildungen unterbleiben, weil schon ein Tagesseminar à 80 Euro von Kollegen als nicht finanzierbar bezeichnet wird.

Angesichts der demographischen Entwicklung und der weiterhin ungebremsten Ausbildung durch die Institutionen wird diese Spirale sich weiter nach unten drehen. An der Stelle sollte man durchaus grundsätzlich fragen, wie viele Musikpädagogen und konzertierende Künstler eine Gesellschaft eigentlich braucht beziehungsweise zu brauchen meint. Forderungen nach einem Grundrecht auf ästhetische Bildung sind zwar inhaltlich durchaus nachvollziehbar, gehen aber an der gesellschaftlichen Realität vollkommen vorbei. Angesichts der milieuspezifischen Abgrenzungen und Entmischungen sowie dem langfristigen Wegbrechen der Mittelschicht zugunsten einer kleinen Ober- sowie einer wachsenden Unterschicht wird alles, was jenseits einer warmen Wohnung, einem gefüllten Kühlschrank, einem Auto und einer Urlaubsreise pro Jahr sich ansiedelt, zunehmend als Luxus bezeichnet.

Die noch stark vorhandene Mittelschicht hat zwar ein durchaus signifikantes Interesse an der musikalischen Ausbildung der nachwachsenden Generation, zumal kulturelles Kapital im harten Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze gerade in den höheren Ebenen der Industrie immer wichtiger wird, ist aber wirtschaftlich etwas geschwächt beziehungsweise, was weitreichender und tiefer wirkt, fühlt sich verunsichert, sodass die Bereitschaft, angemessene Honorare für unsere Arbeit zu zahlen, sukzessive abnimmt.

Natürlich gibt es einen relativ kleinen Bereich in der Gesellschaft, der willens und in der Lage ist, derartige Honorare zu zahlen. Aber von dem kann die Vielzahl der Musiker nicht leben, dafür tummeln sich zu viele auf dem Markt. Und jedes Jahr verlassen neue Absolventen die Hochschulen, so dass der Konkurrenzkampf zunimmt –  sollte man da nicht über eine Verringerung dieser „Produktion“ mal nachdenken? Ein Kampf, auf den die wenigsten Studenten im Rahmen des Studiums auch nur halbwegs vorbereitet werden, da für Studenten und Lehrende der hochschultypische Bach-Beethoven-Brahms-Autismus zu verlockend ist. Die Verantwortung der Hochschulen gegenüber ihren Studenten ist hierbei gefordert. Da wird auf einen Arbeitsmarkt hin ausgebildet, der vielleicht Ende der siebziger Jahre Realität war. Das Musikstudium ist für den Steuerzahler eine sehr finanzintensive Veranstaltung. Und mit diesem hohen finanziellen Engagement werden Musiker ausgebildet, die sich im Endeffekt in Hartz-IV-Nähe wiederfinden, um letztlich wieder vom Steuerzahler subventioniert zu werden.

Wie lange kann eine Gesellschaft diese geradezu perverse Situation noch aushalten respektive finanzieren? Denn eine Trendwende ist angesichts der Verschuldung der öffentlichen Haushalte mittelfristig nicht in Sicht. Und private Institutionen können allenfalls punktuell helfen.

Immer mehr Lehrkräfte gehen deshalb dazu über, begabten Schülern ein Studium nicht zu empfehlen. Angesichts der Lage dürfte sich selbst (ein ehedem oft verwendetes Argument) „Begabung“ nicht mehr durchsetzen. Und ob die präzise Kenntnis der diversen Verzierungstechniken im Frühbarock für das spätere Überleben auf dem Markt unabdingbar ist, sei dahingestellt. Denn verbeamtete W3-Professoren haben gut reden. Sie brauchen sich eben draußen auf dem Markt nicht mehr mit Ellenbogen zu bewegen, sondern können sich ganz ihren Orchideen widmen. Schließlich sind sie oftmals des Marktes überdrüssig geworden, wenn nicht sogar an ihm gescheitert.

In der Realität interessieren sich zum Beispiel Vermieter und Energieversorger überhaupt nicht für künstlerische oder pädagogische Konzepte, sondern ausschließlich für Cash auf dem Konto. Dies zu erkennen, fällt den meisten Absolventen schwer, weshalb auch viele wieder via Zweit- beziehungsweise Ergänzungsstudium unter die Geborgenheit vermittelnden Schwingen der Hochschulen flüchten. Irritierende Briefe des Rentenversicherungsträgers werden ignoriert. Der (Langzeit-) Studentenstatus hat auch den Vorteil einer das Gemeinwohl belastenden günstigen Krankenversicherung. Vom Semesterticket für den ÖPNV ganz zu schweigen.

Irgendwann nach dem dritten Aufbaustudiengang erkennt man jedoch, dass man sich im Alter von fast vierzig Jahren langsam aber sicher den Realitäten stellen muss. Leider hat nicht jeder das Glück, reich heiraten zu können. (Vielleicht sollten die Hochschulen entsprechende Heiratsbörsen einrichten.) Aber selbst Fleiß wird kaum belohnt, sind doch die Stundensätze bei Aushilfen beziehungsweise Unterricht auf Honorarbasis jenseits einer Höhe, die das eigene Überleben sichern können. Musikschulleiter fordern bereits von Hochschulen, dass sie den Studenten derartige Realitäten in möglichst brutaler Form möglichst früh nahe bringen, da die diesbezügliche Naivität von Absolventen mittlerweile kaum zu überbieten sei. Praktika und Hospitationen sollten auf den Verwaltungsbereich ausgedehnt werden, da die so genannten „Zusammenhangstätigkeiten“ rapide zunehmen. Ansonsten sind ideale Bewerber diejenigen, die (natürlich auf hohem künstlerischen Niveau) mindestens drei bis vier Instrumente beherrschen, Früherziehung durchführen können und im Besitz eines Kombis sind, um die Früherziehungsausrüstung selber durch die Landkreise chauffieren zu können. Und von der bereits beginnenden Überalterung der Gesellschaft und ihren ganz konkreten jetzt schon zu bemerkenden Folgen für unseren Berufsstand spricht in den Hochschulen sowieso keiner. Also – wozu noch Musik studieren?

Stefan Lindemann ist freiberuflicher Musikpädagoge und Komponist sowie Mitglied im Vorstand des DTKV Bremen

Ausverkauf der Talente

Tja, da bekommt der Trend zum Zweitstudium (z.B. BWL) seine Daseinsberechtigung in Zeiten der Entzauberung bezüglich dem idealistischen Nachgehen seines Talentes…ist eben ein Luxus nur auf einen Traum zu setzen, in einer Gesellschaft, die menschlich zunehmend degeneriert und somit auch die Künste ins “Aus” geraten….leider….


Ich weiß nicht, warum der

Ich weiß nicht, warum der Autor mit solcher Beharrlichkeit daran arbeitet, den Musiker als quasi “Asozialen” darzustellen, der Rentensystem, Nahverkehrssystem, Gesundheitssystem, Bildungssystem belaste. Der “cash auf dem Konto”-Jargon scheint dem Autor näherzuliegen als eine komplexe Auseinandersetzung mit sozial-intellektuellen Herausforderungen unserer Zeit (ebenso legitim wäre ja durchaus die Frage, warum Hochkultur, die nun weiß Gott nicht zur finanziellen Hauptlast der öffentlichen Kasse gehört, was auch der Verfasser, selbst wenn er die gängigen Parolen und gezielten Falschinformationen banausenhafter Entscheidungsträger, z.B. dem Intendanten Boudgust, wiederholt, besser weiß, in einem so radikalen, prekäre Lebenssituationen bewirkenden Ausmaß marginalisiert wird. Warum nicht die Diskussion über ein Schul- und Bildungssystem anregen, dem Musikausbildung am Herzen liegt, anstelle stets auf das “cash” zu verweisen? warum nicht auf das “Mehr” an sozialer Aufstiegsmögkichkeit verweisen, das musikalische Ausbildung dem Problem der wachsenden Unterschicht begegnen könnte und einen gesellschaftlichen Riss vermeiden helfen könnte. Warum nicht auch auf die politische, ethische Dimension und die damit verbundene demokratiestabilisierende Funktion der Musikausbildung verweisen, in einem Land, das ideologisch, weltanschaulich zunehmend radikalisiert und zersplittert? Was ich in ihrem Artikel lese, so sehr viele Fakten auch zutreffen, ist der vollends einseitige Umgang mit eben jener Faktenlage. Ich begegne einer, leider tendenziösen Vereinfachung der Problemlage, die mitunter schlicht banal ist. Woher die Blindheit des Autors gg. wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisen, die gerade die Hochkultur nicht als Ursache des Problems, sondern als eine Lösung des Problems beschreiben? (vgl. etwa die jüngst an der Universität Leipzig veröffentlichte Studie, die nachweist, dass gerade das hochkulturelle Anebot und Umfeld der Stadt Leipzig, eben dieser Kommune zu einem gewinnbringenden Faktor wurde.) Warum diese vereinfachenden, oft schlicht falschen Gegenüberstellungen und angeblichen Dichotomien, die der Autor so oft favorisiert?: Ökonomischer Erfolg vs. Kultur, zivilbürgerliche Solidarität (=’echte’, gewinnbringende Arbeit) vs. Schmarotzertum der naiven, weltfremden Künstler, die ihr Leben z.B. darauf ausrichten, auf Kosten der Allgemeinheit im Nahverkehr zu sparen (und, wie der Verfasser schreibt, selbstverstädnlich auch “autistischen” Künstler an Hochschulen. Aber entschuldigen Sie, Herr Lindemann, selbsverständlich muss an den Hochschulen eine Spezialausbildung geleistet werden, wenn sie sich an allgemeinen Professonalitätsstandards und an den Anforderungen des Faches selbst orientieren wil. Was fordern Sie? Die Abschaffung der Exzellenz in Forschung und Lehre für die Kunstausbildung?). Ich bin sehr verärgert über eine nicht nur politisch so kurzsichtige Einschätzung, sondern auch ob einer so ignoranten Haltung gg. ökonomischen, sozialen und intellektuellen Fakten, die sie unterreflektiert gegeneinanderstellen, anstelle die se Fakten zu verwenden, um die Probleme erst recht zu definieren. Sie übersehen die komplizierten Wechselverhältnisse in denen diese von Ihnen angesprochenen Phänomene stehen. Man müsste allererst die Dynamik im Gesamt verstehen, um Aussagen wie die Ihrigen zu rechtfertigen Ich kann in dem Artikel nicht mehr sehen als tumbe Stimmungsmache. Das ist kein couragiertes Eintreten für eine bessere Gesellschaft, das ist kein komplexes Durchdringen der Widersprüche unserer Zeit, das ist schlicht die dem Diktat einer übrigens sehr billigen Ideologie des Geldmachens, die in dieser Schlichtheit nicht einmal von so vielen Köpfen in der Wirtschaft geteilt werden würde, angepasste Angstmacherei. Gesellschaftliche Verantwortung, die insbesondere auch der Arbeit des Journalisten eignen müsste, sieht anders aus.


Dem ist nichts hinzuzufügen!

Dem ist nichts hinzuzufügen! Bravo für diese Replik!


Musikberufe in Deutschland vollständig entwertet

An diesem Artikel gibt es über nichts auszusetzen.

Wer heute noch Musik studiert, benötigt in Zukunft ganz sicher kein existensicherdes Einkommen mehr – weil genug familiäres Vermögen vorhanden ist.

Alle anderen Musikstudenten*innen, die in Zukunft über kein entsprechendes Vermögen verfügen oder reich heiraten können, werden auf Familienplanung (Kinder) und ausreichende Rentenansprüche wohl verzichten müssen.

Aus existenzsichernder Perspektive ist ein Musikstudium schon seit der Agenda 2010 nicht mehr zu empfehlen.


Danke für den klaren Artikel.

Danke für den klaren Artikel. Weder Weltfremdheit noch Sozialchauvinismus helfen uns weiter. Die Siebziger waren schön, aber bereits in den Achzigern ging das Ansehen der Kultur den Bach runter. Wir Musiker legen seit dreißig Jahren das falsche Verhalten an den Tag: Selbstzerfleischung und Vogel-Strauß. Und immer wieder mangelnde Solidarität, Folge eines verklärten Bildes vom romantischen Solisten: Eigentlich legen wir seit 200 Jahren das falsche Verhalten an den Tag.


Wie kann man nur so einen

Wie kann man nur so einen Quatsch verbreiten???? Heiratsbörsen? Der Autor gibt sich keine Mühe seine Dämlichkeit zu verbergen… Und Musiker ist er wohl kaum


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