WWC

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(nmz) -
Wissen Sie, was „Gift Economy“ ist? Vorab für anglophobe Grüne: Mit Öltiefseebohrungen und Genmais hat es nichts zu tun. Auf Deutsch bedeutet es „Geschenkökonomie“ und meint die Tatsache, dass die Menschen freiwillig und aus Spaß bestimmte Dinge tun und sie der Allgemeinheit gratis zur Verfügung stellen. Das nennt sich „soziale Produktion“ und war ursprünglich eine sogenannte Alternativ-Idee, mit der man die Marktgesetze zumindest partiell unterlaufen zu können glaubte. Aber da wir nicht in einer Märchenwelt leben, ist die Marktökonomie stets schneller als alle schönen Ideen von der natürlichen Wirkungsmacht des Guten, und so wird die freiwillig geleistete Arbeit schnurstracks in die breiten Kanäle der Marktökonomie geleitet, wo man sich über den kostenfreien Zustrom an Gütern und Ideen freut.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Ein gigantischer Transfer von sozialer Produktion in Marktwert fand im Oktober 2006 statt, als Chad Hurley und Steve Chen, die beiden Gründer von YouTube, ihre Webseite nur zehn Monaten nach ihrer Aufschaltung aufs Netz für 1,65 Milliarden Dollar an Google verkauften. Weshalb dieser irrwitzige Betrag? Das Unternehmen bestand nur aus sechzig Mitarbeitern, die an etwa gleich vielen Computern in einem billigen Großraumbüro arbeiteten – Risiko-Startkapital 3,5 Millionen, Peanuts für die IT-Branche. Was verkauft wurde, war eine Idee und der damit generierte Content: Abermillionen von Filmclips, die von Freiwilligen rund um den Globus in diesen zehn Monaten auf YouTube geladen worden waren und das Unternehmen keinen Cent kosteten.

Der YouTube-Deal ist nur der spektakulärste Fall eines solchen Transfers von sozialer Produktion, doch er ist typisch für die jüngste Entwicklung im Netz. Was sich heute in den gewaltig angeschwollenen Kommunikationskanälen der sozialen Netzwerke abspielt, basiert zum großen Teil auf der Mentalität der „Gift Economy“. Und die Marktökonomie profitiert davon. Man muss gar nicht den Datenmissbrauch bemühen, den die Netzwerkinhaber praktizieren. Jeder Beitrag in einem Diskussionsforum, der von einem Teilnehmer aus irgendwelchen Motiven geleistet wird, ist letztlich eine Gratisleistung, die dem Besitzer der Webseite zugute kommt, weil sie deren Attraktivität steigert. Das gilt von der Amazon-Leserkritik bis zum Blog in der ehrenwerten nmz. Doch darf man anfügen: Leer geht auch der Teilnehmer nicht aus. Sein Honorar besteht in der Möglichkeit der öffentlichen Selbstpräsentation – eine begehrte Währung, denn sie schmeichelt dem Ego und befriedigt die Eitelkeit. Frei davon ist weder der Teenager auf Facebook noch der professionelle Selbstdarsteller in der Fernseh-Talkshow.

Kommunikation bedeutet immer auch miteinander handeln und setzt auf beiden Seiten Interessen voraus, die nach einem Ausgleich streben. Im nicht virtuellen Alltag ist das natürlich auch nicht unbekannt. Auch hier wird eine Arbeit nicht nur um des Geldes willen gemacht, sondern auch weil sie einem „etwas bringt“, das heißt: eine Befriedigung verschafft, die sich nicht in einem unmittelbar materiellen Ertrag messen lässt. Das kann im Extremfall bis zur lustvollen Selbstausbeutung gehen.

Solche Themen sind Gegenstand des lesenswerten Buchs „The Big Switch“ (Der große Wandel) von Nicholas Carr, das einen überaus sachkundigen Einblick in die Möglichkeiten des heutigen Internet 2.0 gibt; zugleich wird das Augenmerk auf die kommenden Entwicklungen gelenkt, die sich bereits am Horizont abzeichnen. Was gegenwärtig stattfindet, ist laut Carr vergleichbar mit der Wandlung der Elektrizität von der punktuellen Erzeugung durch firmeneigene Kleinkraftwerke zur flächendeckenden gesellschaftlichen Produktion und Nutzung.

Und wie heute der Strom ganz selbstverständlich aus der Steckdose kommt, wird auch der Content des Internets – Software, Daten, das gesammelte Wissen – künftig in riesigen „Speicherfarmen“ aufbewahrt und jederzeit und überall online abrufbar sein – der Musik-Download macht’s vor … Die Weichen sind bereits gestellt, Firmen wie Salesforce.com und Google sind schon seit längerem am Bauen. Der PC mit seiner Festplatte und Einzelplatz-Software wird der Vergangenheit angehören und einem Tablet-Computer mit permanentem Online-Anschluss Platz gemacht haben. Als Prototyp kann das heutige iPad gelten.

Aus dem World Wide Web wird dann der WWC – der virtuelle World Wide Computer. Und die großen Software-Unternehmen, die sich vom stationären Denken nicht lösen können, werden verschwinden. Der weitsichtige Bill Gates hat sich 2008 von Microsoft zurückgezogen und macht auf der Basis der alten PC-Technologie jetzt private Entwicklungshilfe in Afrika; das Geschäft überlässt er anderen. Auch einem Großkonzern wie SAP könnte es an den Kragen gehen, sollte er die Umstellung verschlafen. Dann würde in zehn Jahren nur noch eine kulturelle Hinterlassenschaft an ihn erinnern: der TSG 1899 Hoffenheim.

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