Zornige Reflexionen, gut dosiert

Das 24. Kurt-Weill-Fest unter dem Motto „Krenek, Weill und die Moderne“


(nmz) -
Trotz des Gastspiels von Nina Hagen im Magdeburger Opernhaus kam der Rekord von 18.400 Besuchern beim 24. Kurt-Weill-Fest in Dessau-Roßlau überraschend, denn das Motto „Krenek, Weill und die Moderne“ sah zunächst nicht nach einem Publikumsmagneten aus. In Kooperation mit der Ernst-Krenek-Privatstiftung in Krems (Nieder­österreich) nahm das Festival neben seinem Namenspatron auch dessen gleichaltrigen Kollegen Krenek in den Blick. Artist-in-Residence war der Wiener Geiger, Hochschullehrer und Krenek-Experte Ernst Kovacic. Er spielte (unter anderem) die beiden schon 1925 in Dessau erst- beziehungsweise uraufgeführten Violinkonzerte beider Komponisten und führte damit in eine spannende Zeitepoche, in der junge Leute, Mitt- und Endzwanziger (!), markante Spuren im Musikleben hinterließen.
Ein Artikel von Andreas Hauff

Die beiden im Jahr 1900 geborenen Komponisten bewegten sich eine Zeit lang fast parallel. Beide studierten in Berlin, Krenek bei Franz Schreker und Weill bei Ferruccio Busoni. Der eine hatte einen Sensationserfolg mit „Johnny spielt auf“, der andere mit der „Dreigroschenoper“. Weill floh 1933 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich, 1935 dann weiter in die USA; der Österreicher Krenek folgte ihm 1938 über den Atlantik. Inzwischen hatte sich Krenek Schönbergs Zwölftontechnik zugewandt, Weill hingegen suchte am Broadway nicht nur den Anschluss, sondern auch den Einfluss auf das US-amerikanische Musiktheater. Er starb früh mit 50 Jahren in New York, ohne nach Deutschland zurückgekehrt zu sein. Krenek überlebte ihn um 41 Jahre und war bei seinem Tod 1991 im kalifornischen Palm Springs auch in seiner österreichischen Heimat wieder ein geachteter Mann.

Besonders neugierig machte die Kombination zweier 1928 uraufgeführter Einakter. In Kreneks etwas melodramatischem Bühnenwerk „Der Diktator“ ist die Titelfigur dem italienischen „Duce“ Benito Mussolini nachgebildet; die Frau eines kriegsverletzten und traumatisierten Weltkrieg-Offiziers will auf ihn ein Attentat verüben, fällt aber seinem männlichen Charme zum Opfer und wirft sich schließlich schützend vor ihn, als die eifersüchtige Ehefrau ihn erschießen will. In Weills „Opera buffa in einem Akt“ unter dem Titel „Der Zar lässt sich photographieren“ ist die Titelfigur ein moderner Monarch, der sich von seinem Paris-Aufenthalt ein amouröses Abenteuer erhofft. Eine Gruppe von anarchistischen Attentätern lockt ihn in ein Fotoatelier, wo sie eine Pistole in den Fotoapparat montiert haben, doch die Spontaneität des Zaren und die zunehmende Aktivität der Sicherheitskräfte verhindern das rechtzeitige Drücken des Auslösers. So bleibt es bei einer witzigen Kombination von Situationskomik und schwarzem Humor, die durch einen aufgeregt kommentierenden Männerchor noch weiter angeheizt wird. – Ein Macho-Diktator auf der Bühne, ein Attentatsversuch in Paris – wer hätte vor Jahren noch gedacht, dass diese Sujets der 1920er-Jahre uns wieder so unbehaglich auf die Pelle rücken?

Erfreulich ist, dass das Anhaltische Theater unter dem neuen Intendanten Johannes Weigand erstmals seit 2011 wieder eine Weill-Oper produziert hat. Dass aber zwei potentiell so bühnenwirksame Stücke nur zweimal ge­spielt werden, um gleich nach dem Festival von der Bühne zu verschwinden, lässt sich wohl nur mit eklatanten Finanzierungsproblemen erklären. Eine ordentliche Aufführungsserie würde dem Abend gut tun, denn besonders dem Weill-Einakter merkt man an, dass die Darsteller noch nicht ganz auf die farcenhafte Mechanik des Ablaufs und das exakte Timing eingestellt sind. Immerhin funktioniert Doris Sophia Heinrichsens szenische Einrichtung in Nicole Bergmanns Bühnenbild so gut, dass man das Potential des Stückes schnell spürt. Ulf Paulsen als Zar und Iordanka Derilova als weibliche Attentäterin überzeugen im Zusammenspiel, und wenn Paulsen noch zu einer etwas leichteren Stimmgebung fände, könnte daraus ein musikalisch-dramatisches Kabinettsstückchen werden, zumal Interims-GMD Daniel Carlberg am Pult der Anhaltischen Philharmonie die musikalischen Impulse gut dosiert. Nicht ganz so gut gelingt der „Diktator“; Kreneks Einakter kippt leicht aus der Balance, weil Carlberg die buffonesken Aspekte der Partitur besonders präg­nant herausbringt und Paulsen an der Titelrolle stark das Gockelhafte ausspielt, während Derilova als Offizierswitwe Maria ihrer Stimme zuviel Vibrato und Schwergewicht beimischt.

Im Sinfoniekonzert der Anhaltischen Philharmonie steht Ernst Kovacic als Dirigent und Solist vor dem Orches­ter. Die Doppelrolle in Weills Konzert für Violine und Blasorchester führt zu einer aufschlussreichen Aufstellung: Der stark geforderte Geiger steht in der Mitte, im Halbkreis um ihn herum die Kammerbesetzung der zehn Bläser, dahinter nur noch Kontrabässe, Pauken und Schlagzeug. Die Rollenverteilung und Dialoge in der Partitur werden dadurch deutlich sicht- und hörbar; und das oft etwas spröde wirkende Werk gewinnt einen wunderbar sprechenden Charakter. Beeindruckend sind die geigerische Virtuosität und der jugendlich wirkende Elan des 71-Jährigen. Ergänzt wird das Programm durch Mozarts Haffner-Sinfonie, Erik Saties Musik zur Pantomime „Jack in the Box“ in der Orchesterfassung von Darius Milhaud und Ernst Kreneks „Potpourri für großes Orchester“ op. 54.

Letzteres ist ein ganz erstaunliches Stück, das der Komponist 1927 für eine Aufführung in Köln schrieb und das man – in Anlehnung an Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“ – „Ein Österreicher im Rheinland“ taufen möchte. Es verbindet Eindrücke vom bunten Karnevalstreiben (mit Operetten-Anklängen und laut und schräg aufspielenden rheinischen Musikkapellen), Jazz und lateinamerikanische Tänze mit dem Klang der Domglocken und kurzen Phasen des Innehaltens. Einen starken Eindruck hinterlässt die „Liednacht“ des Salzburger Mozarteums in der Johanniskirche. Ein erster, von drei fortgeschrittenen Studierenden sehr ansprechend gestalteter und von Wolfgang Holzmair betreuter Programmteil aus 24 Liedern schlägt einen Bogen von Wilhelm-Müller-Vertonungen der Berliner Komponisten Ludwig Berger (1777–1839) und Friedrich Curschmann (1805–1841) bis hin zu Weill-Chansons aus dessen französischer und amerikanischer Zeit. Den zweiten Teil des Programms mit noch einmal 24 Liedern übernimmt Holzmair persönlich, begleitet von seinem Salzburger Professoren-Kollegen Siegfried Mauser. Die beiden tragen Hanns Eislers „Lieder und Elegien“ nach Gedichten aus Bertolt Brechts „Hollywooder Liederbuch“ vor – melancholische, freundliche und auch zornige Reflexionen über Heimweh, die Situation des Exils und den Zustand der Welt. Dem eher spröden Tonfall Eislers gibt Holzmairs Bariton eine volltönende, sprechende Eindringlichkeit, Mauser sekundiert wohldosiert am Klavier, und die Musik wirkt plötzlich völlig auf der Höhe der Zeit. Am Ende steht das auf eine Dämonen-Maske gemünzte Lied „Die Maske des Bösen“: „Mitfühlend sehe ich die geschwollenen Stirn­adern, andeutend, wie anstrengend es ist, böse zu sein“. Diese Schlusszeile geleitet den Hörer freundlich in den kalten Spätwinterabend in einer gerade eben an Dämonen reichen und wenig freundlichen Welt.

Am nächsten Tag sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt; die Wahlbeteiligung ist recht hoch, viele Menschen tragen ein bitter-entschlossenes Gesicht in den Sonntagvormittag. Am Abend stellt sich heraus: Die AfD hat das Direktmandat im Wahlkreis Dessau-Roßlau gewonnen – und das in einer Stadt, die sich in den letzten Jahre tapfer gewehrt hat gegen die Neonazi-Aufmärsche zum Jahrestag des Bombardements von 1945, die inzwischen nicht ohne Stolz zurückblickt auf ihre aufklärerische Tradition und die sich etwas zugute hält auf ihre Offenheit gegenüber der klassischen Moderne vor 90 Jahren, als das Bauhaus aus Weimar nach Dessau zog. Doch da ist eben auch das „ewige“ Gefühl der Zurücksetzung gegenüber Magdeburg und Halle, der jahrelange Eindruck, dass in der Landeshauptstadt durchregiert wird, der schleichende und offene Rückbau von Wohnquartieren und Kulturinstitutionen, die zurückkehrende Furcht vor Abwanderung und Resignation. Dem widerspenstigen, undiplomatischen André Bücker, der bis 2015 das Anhaltische Theater geleitet hat, muss man im Nachhinein den Versuch zugute halten, den Protest zu artikulieren, ohne auf die Parolen und Sympathien der Rechten zu schielen. Die Landesregierung, allen voran Kultusminister Dorgerloh, wollte damals nicht hören. Nun muss das Nachfolge-Kabinett lernen.

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