Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit

Zur Kulturkonferenz des Bundesverbandes der Musikindustrie


(nmz) -
Man hatte einige Hoffnung hegen können. Die Musikindustrie setzt sich mit den Zeichen der digitalen Welt auseinander. Endlich! Vor allem: endlich in der Öffentlichkeit. Es ist ja nicht so, dass man die ganze Zeit die Hände in den Schoß gelegt hätte. Die Absatzzahlen verkaufter Musik auf CD und Co. sind in den letzten zehn Jahren auf die Hälfte eingebrochen. Die Branche meint, die Talsohle ist erreicht und vielleicht gar durchschritten. So fragte man als Kongressthema: „Musik: Angekommen in der digitalen Zukunft?“ Und das hätte stutzig machen müssen.
Ein Artikel von Martin Hufner

Man hatte einige Hoffnung hegen können. Die Musikindustrie setzt sich mit den Zeichen der digitalen Welt auseinander. Endlich! Vor allem: endlich in der Öffentlichkeit. Es ist ja nicht so, dass man die ganze Zeit die Hände in den Schoß gelegt hätte. Die Absatzzahlen verkaufter Musik auf CD und Co. sind in den letzten zehn Jahren auf die Hälfte eingebrochen. Die Branche meint, die Talsohle ist erreicht und vielleicht gar durchschritten. So fragte man als Kongressthema: „Musik: Angekommen in der digitalen Zukunft?“ Und das hätte stutzig machen müssen.

Eine Branche, die gerade eine wirtschaftliche Katastrophe bewältigen musste, kümmert sich um die Zukunft? Die Antwort auf die Frage ist indes aus Sicht der Musikindustrie einfach zu beantworten: „Nein!“ Sie ist ja nicht einmal in der Gegenwart angekommen. Wer sich auf eine frohe, die Perspektiven in die Zukunft leitende, fröhliche Veranstaltung freuen wollte, musste sich enttäuscht fühlen. Man hat vermehrt den Eindruck, die Musikindustrie ist unglücklicher denn je. Und sie ist auf der Suche danach, wer daran die Schuld trägt.

Frank Briegmann (President Central Europe und Deutsche Grammophon Universal Music International) in seiner Keynote: „Das Potential eines funktionierenden Download- und aufstrebenden Streaming-Marktes lässt sich aber für die gesamte Branche und vor allem ihre Kreative nur heben, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen, wenn unsere Inhalte, das heißt unsere Investitionen, unser Kapital geschützt sind.“

Und hier beginnt der unbequeme Teil der Geschichte. Denn der Schlüssel der aktuellen Marktstärke liegt auch in der konsequenten Durchsetzung unserer Rechte, mit der wir dem legalen Angebot den Rücken gestärkt und zum Aufbau eines Unrechtsbewusstseins bei Rechtsverletzern beigetragen haben. Dabei waren wir weitestgehend auf uns selbst gestellt. Die Politik hat uns bislang nicht nur mit der Durchsetzung unserer Rechte allein gelassen, sondern genau dafür dann auch noch kritisiert.“ Der Musikkonsum hat über die Jahre nicht nachgelassen. Allein die Monetarisierungsmodelle sind ins Wanken gekommen. Das ist ein richtiges Problem, gar keine Frage. Auch dass „Unternehmen“ mit den Leistungen, die an anderer Stelle erbracht werden, „Geschäftsmodelle“ aufsetzen, von einer juristischen Grauzone geschützt, ist ein wirkliches Problem. Dass Musikindustrieprodukte nicht wirklich wertgeschätzt werden, ist ein Problem. Dass viele musikalisch alles jetzt und sofort und kostenlos haben möchten, ist ein Problem – aber wo kommt es her, ist es etwa eine anthropologische Konstante?

Die Politik ist gefragt

Und die Lösungen der Musikindustrie? Sie fordert eine Haftung für Hostprovider im Fall der Verbreitung urheberrechtlich geschützten Materials. Die Politik ziert sich deswegen, man weiß nicht warum. Aber sie hat auf der Konferenz versprochen, sich in Zukunft darum zu kümmern. Das sagte der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Bundestages, Siegfried Kauder, der der Konferenz beiwohnte. Gut. Es gibt fette Lücken in der digitalen Wirtschaft – und es ist die Frage, wie man sie korrigieren kann.

Auf der anderen Seite werden aber nach wie vor die Nutzer der Produkte der Musikindustrie mit Argwohn gesehen. Sie sind Kunde und zugleich Feind. Doch wie will man das Problem in den Griff bekommen? Wieder über das Recht. Julia Neigel, Panelteilnehmer in der Diskussion „Navigation im digitalen Raum: eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, verwies sich dauernd wiederholend auf das ihrer Meinung nach total veraltete Telemediengesetz von 1998 – dieses schütze so ziemlich jeden und alles, nur nicht die Kreativen. Letztere treten in diesem Zusammenhang immer nur als Opfer auf. Vor allem ihnen werde übel mitgespielt. Sie machen so tolle Produkte, aber man schätzt sie nicht wert. Und sagen es die Kreativen ihren Kunden, werden sie beleidigt bis hin zu Morddrohungen – in welcher Form auch immer. Aber auf die Idee zu kommen, sich in der Summe dagegen zu wehren, gegen eine „kleine Gruppe von Netzaktivisten, die aber die öffentliche Meinung bestimmen“ würden, wie ein Konferenzteilnehmer unkte, scheint nicht möglich – wo sind da die Relationen und warum fällt es den „Kreativen“ so schwer, sich zu solidarisieren? Die Kreativen wollen ihre Arbeit machen, die Rahmenbedingungen hätten andere zu erbringen. Eben die Politik! Und die macht gerade etwaigen Strafaktionen über Abmahnungen einen Strich durch die Rechnung, indem sie diese mit einem wohl kommenden Gesetz deckeln will.

Das ist die Gegenwart. Man hat den Eindruck, wirtschaftlich kommt die Musikindustrie langsam wieder auf die Beine. Aber das Verhältnis zwischen Produkt und Kunde ist total zerrüttet. Daran ändern auch neue Wirtschaftsmodelle, die jetzt vielleicht besser funktionieren als früher, nichts. Umso trauriger, dass auf dem Panel „Navigation im digitalen Raum: eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ mehr über Recht und Unrecht als über Musik im gesellschaftlichen Raum gesprochen wurde. Das konnten auch Teilnehmer wie Daniel Reinke (Autor von „Der Wert von Musik in der Schule“) und Moderator Hans Bäßler (unter anderem Schulmusikprofessor in Hannover) nicht verhindern.

Wert von Musik in der Schule

Gleichwohl bekam Bäßler immer wieder Applaus als Teilnehmer der Schlussrunde zum Thema „Neue Parameter der Kultur- und Kreativwirtschaft: Was muss sich ändern? Was hat Bestand?“, wenn er auf die bedrohte Situation der Musik (und der anderen Kreativfächer) an der Schule hinwies. Starke Worte, ein schönes zustimmendes Echo, aber ein bisschen wie bei der Fischpredigt des Heiligen Antonius. Die Musikindustrie setzt fast refelxartig auf das Recht und seine Durchsetzung, auch mit Abmahnungen. Das ist auch ihr gutes Recht! Aber manchmal ist es vielleicht besser, Recht nicht durchzusetzen, sondern die gesellschaftlichen, bildungspolitischen Bedingungen zu bessern, statt am Symptom herumzudoktern. Und so weiß man nicht richtig, vielleicht war der Fall der Musikindustrie doch nicht tief genug. Vielleicht spielt sie aber sowieso eine andere Rolle, als sie sich selbst zuschreibt. Kreativ und kreativ kann etwas komplett anderes bedeuten. Eine Stunde nach Abschluss der Konferenz konnte man sich davon überzeugen. Während die Musikindustrie sich darauf vorbereitete, sich mit einem ECHO zu feiern, präsentierten im Foyer der kleinen Philharmonie drei Schüler/innen-Gruppen ihre Werke Neuer Musik. Irgendwie bekomme ich beide Phänomene nicht richtig zusammen.

Frank Briegmann in seiner Keynote: „Schlussendlich geht es aber längst nicht mehr darum, ein paar Musikdateien oder Filme im Internet zu schützen, sondern darum, das Bewusstsein für den Wert geistigen Eigentums zu stärken.“ Soweit ist das Thema abgehandelt, diese Aufgabe scheint nämlich nur Mittel zum Zweck. Briegmann fährt unmittelbar fort: „Es geht darum, eingebettet in einer gesellschaftlichen Debatte nachhaltig zu vermitteln, dass das geistige Eigentum schon immer der Motor der deutschen Wirtschaft war – egal, ob es nun um Ingenieursleistungen oder musikalische Meisterwerke geht. Deshalb muss es nicht nur geschätzt, sondern auch geschützt werden.“

Das lässt sich so lesen: „Werte-Bewusstsein ist nett, aber nur zu gebrauchen, wenn es die Wirtschaft antreibt. Und diese (die Wirtschaft) brauchen wir, damit wir Werte (in doppelter Bedeutung) aufbauen können.“

Die Frage des Kongresses wäre eigentlich besser anders und produktiver zu stellen, wenn man sie etwas schnippisch umformulierte: „Gesellschaft: Angekommen in der digitalen Gegenwart?“

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