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Alle Artikel kategorisiert unter »Georg Beck«

Nur Musiktheater ist ihnen zu wenig

07.10.19 (Georg Beck) -
Ob es eine Krise der Ruhrtriennale ist, können wir offen lassen. Die Krise der Musiktheater-Produktionen dieser zweiten Stefanie Carp-Intendantinnenrunde jedenfalls ist mit Händen zu greifen. Allenthalben Ratlosigkeit, freilich virtuos überspielt. Ratlosigkeit über den Zustand der Welt (was man sehr gut verstehen kann), vor allem aber (was man nur schwer verstehen kann) über die Kunstform, die man sich gewählt, die einem niemand aufgezwungen hatte: Heiner Goebbels nicht, Christoph Marthaler nicht, David Marton nicht. Musiktheater, das sich auf eine eigentümliche Weise selbst fremd geworden scheint.

Erforscher des musikalischen Materials

29.06.19 (Georg Beck) -
„Keine Fragen? War ich wirklich so klar?“ – Die Enttäuschung war dem Referenten anzumerken. Tags zuvor hatte derselbe Simha Arom, dessen Feldforschungen zur subsaharischen Musik vor einer halben Ewigkeit Luciano Berio, György Ligeti, Steve Reich so nachhaltig inspiriert hatten, vor deren Nachnachfahren gesprochen, vor einer Generation von Kompositions-, von Musikwissenschafts­studenten, die gut und gern seine Enkel hätten sein können. Hinterher sprach der alte Herr von den „Kindern“, die ihm da gegenübersaßen, was freilich in keiner Weise abschätzig gemeint war. Im Gegenteil.

Der Meister des musikalischen Lachens

20.06.19 (Georg Beck) -
Köln hat ein Offenbachjahr ausgerufen. Eine Kölner Offenbach-Gesellschaft, von der man glaubte, es habe sie eigentlich immer schon gegeben, wenn nicht geben müssen, (in Wahrheit gibt es sie seit Dezember 2015) hat unter weitgehender Ausschöpfung ihrer Möglichkeiten die Kultur- wie die Politikschaffenden der Domstadt und des Bundeslandes mit dem Offenbachvirus infiziert. Was schon mal als Erfolg gewertet werden darf. Sehr beachtlich, was aus der Flüstertüte da alles herausschallt. Es regnet Veranstaltungen. Eine Offenbach-Ausstellung wandert. Es wird choreographiert, debattiert und konferiert (in Köln und in Paris), promeniert („Wandeln Sie nachts durchs Museum und genießen Sie kammermusikalische Leckerbissen.“), und, ja, musiziert wird auch. Ganz viel sogar.

Die kopernikanische Wende von Raderthal

03.05.19 (Georg Beck) -
Köln, im April. – Kopernikanische Wenden sind eine heiße Sache. In der Wissenschaft, im Leben, in der Kunst. Wo gewohnte Standpunkte aufgegeben, wo Blickrichtungen, die uns vertraut sind, umgekehrt werden, rückt die interessierte Öffentlichkeit automatisch auf die Stuhlkante vor, stellt die Ohren in den Wind. Reaktionen, die Frank Kämpfer gut bekannt sind. Mit dem Start seiner themenzentrierten Forum-Ausgaben, der Abkehr vom „Avantgarde“-Prinzip, das sich für ihn als veraltet, weil mit „Dogma und Ausgrenzung“ verbunden, darstellte, sorgt der Neue Musik-Redakteur beim Kölner Deutschlandfunk für Wetterleuchten am Festivalhimmel. Pointiertes Hör-erecho inbegriffen. Jetzt, zum 20-Jahr-Jubiläum des Forum neuer Musik, war Gelegenheit zur Rückschau.

Wie aus Hans Jochanan wurde – Ein Konzertprojekt zum jüdischen Komponisten Hans Samuel

17.04.19 (Georg Beck) -
Essen, im April. Verwüstet, verschüttet, verloren – die jüdischen Künstlerbiographien treiben uns um. Unterhalb der Schwelle von Exzellenz mit den bekannten, den gut erforschten Namen wird die Überlieferungslage schnell prekär, gehen die Vorkenntnisse gen Null. Wie jetzt wieder, als im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Rhein-Ruhr einer dieser im Geschichtsschutt Begrabenen ans Licht trat. Das heißt: So richtig eigentlich nicht. Bis in die Zielgerade kämpfte ein ambitioniertes Konzertprojekt an zwei Fronten: Wer war Hans Samuel? Und: Was sagt uns die Musik des Hans Samuel? Georg Beck mit Antworten und neuen Fragen.

Einfach mal performativ denken

29.11.18 (Georg Beck) -
Essen, Ende Oktober − Günter Steinke, der kuratierende Kopf beim Essener NOW!-Festival, ist vom Fach, ist Komponist, ist Kompositionsprofessor, ist Autor. Nichts Zeitgenössisches ist ihm fremd. Wenn musikalische Zellen keimen, wenn sie sich aufspalten, ineinander übergehen, sich verformen − dann ist genau dies sein Metier. „form per form“, das Thema der zurückliegenden achten NOW!-Ausgabe, ist ihm deswegen auch kein Rätselwort, sondern lingua franca, Verkehrssprache. So sprechen wir, wenn wir über „Neue Musik“, wenn wir in einem „Festival für Neue Musik“ sprechen!

Zukünftiges erinnern, Vergangenes ahnen

29.11.18 (Georg Beck) -
Drei Konzerte wie Perlen auf der Kette. Und, jedes Mal, mit diesem selten gewordenen Hörerleben, diesem Dabeibleibenwollen, dieser Neugierde, die uns diese eine Frage ganz automatisch auf die Lippen legte: Ja, ist Zimmermann denn kein bisschen gealtert? Offenbar nicht. Sicher, er ist ein Klassiker. Als solcher wird er hier und jetzt, pünktlich zum Hundertsten, rauf und runter gefeiert. Nur, dass man ihn eben nicht als Klassiker hört, womöglich als Schöpfer von Schlüsselwerken mit schönen Stellen und dergleichen. Andersherum wird ein Schuh daraus. Die Musik dieses 1970 abgrundtief verzweifelt aus dem Leben geschiedenen Komponisten hat ihre Zukunft, nicht anders haben wir es gehört, noch vor sich oder, um es in Zimmermanns ureigenem dialektisch-prophetischem Idiom zu sagen: Sie erinnert uns an Zukünftiges und lässt uns Vergangenes erahnen.

Lebensmut haben, Brücken bauen

21.11.18 (Georg Beck) -
Berlin, Konzerthaus am Gendarmenmarkt, im Juni – Samuel Adler hat Humor. Und Freude daran, ihn mit anderen zu teilen. Sicher, da sind diese bitteren Erfahrungen, die mit seiner Emigration aus Nazideutschland zusammenhängen. So weit das alles zurückliegt, es ist präsent, abrufbar. Wie jetzt, beim Gesprächskonzert des Berliner Geschichtsvereins musica reanimata, zu dem er als Ehrengast geladen ist. Ein hervorragend besuchter Abend, ein abwechslungsreiches Programm, exzellente Ausführende und ein Samuel Adler, Jahrgang 1928, der von der Schule erzählt, in die er nicht mehr gehen durfte, von seinem jüdischen Geigenlehrer, der ihn jeden Tag unterrichtete, weil er Hunger hatte. Diese Dinge.

Zwischenzeiten bringen nicht nur Ungeheuer hervor

31.10.18 (Georg Beck) -
Bochum, im August/September. – Wo fängt die Kunst an? Mit einem Blick auf die Welt, auf den aktuellen Zustand der Gesellschaft; da genau beginnt sie, dort muss sie beginnen, sagt Stefanie Carp. Es ist das Zeitdiagnostische, das für die neuberufene, damit erste Intendantin der Ruhrtriennale wie für ihren Musikkurator Matthias Osterwold am Anfang stehen. „Eine Zwischenzeit ist angebrochen, laut, lärmend, lähmend und stag-nierend zugleich – eine diffuse Zeit.“ 33 Projekte, 120 Aufführungen, ein „Festival der Künste“, das Gegenwärtigkeit, das Wachheit, Wachsamkeit reklamiert – dies der Anspruch ihrer gemeinsamen, auf drei Jahre angelegten Programmplanung.

Zusammen schaffen wir was

28.09.18 (Georg Beck) -
Nottuln/Westfalen, im August. – Alle nennen ihn hier Mo. Klarname Mohammed. Wie Mohammad, den es hier auch noch gibt, kommt Mo aus Syrien, wo er eigentlich gut und gerne gelebt hat. So lange bis es nicht mehr ging. Dann mussten die Alfayads weg. Drei Jahre ist das jetzt her. Mo ist 14, als er einen Bus besteigt, der ihn in den Libanon bringt. Von dort geht es auf ein Schlauchboot. Ziel: türkische Küste. Ticketpreis: 3.000 Euro. Ja, sagt der sympathische, erstaunlich erwachsen wirkende Junge, er wisse, dass das kriminelle Fluchthelfer gewesen seien. Nur, was hätte er machen sollen? „Wäre ich geblieben, wäre ich heute tot.“ Wie die Familie die horrende Summe aufgebracht hat? – „Wir waren reich.“
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