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Alle Artikel kategorisiert unter »Helmut Hein«

Nachschub

01.07.00 (Helmut Hein) -

Die Zeit der Sicherheiten ist vorbei. Nichts ist, wie es scheint oder vorgibt zu sein. Das Eine maskiert sich als das Andere. Anth Brown und Tom Doyle zum Beispiel nennen ihre Band oder vielleicht eher ihr Projekt: „Electric Music“. Aber die Sounds sind gar nicht „future“, die Vorgehensweise ist nicht technoid oder technophil. Die beiden sind klassische britische Songwriter, die ins Detail verliebt sind. Und sie lassen sich sehr viel Zeit. Wenn ihnen etwa Bim Sherman, der auf „Baptised By The Piano King“ mit seinem Reggae-Ikonen-Voodoo-Gesang zu hören ist, für drei Monate sein Mischpult zur Verfügung stellt, werden daraus zwei Jahre. Die Spontaneität, die „North London Spiritual Church“ (Grand Royal/Zomba) ausstrahlt, ist nicht Ausdruck der Seele, sondern Produkt endloser Bastelei; also eines Plans, dessen Leerstellen nach und nach ausgefüllt werden. Und die Intensität der Songs verdankt sich nicht roher Erfahrung (wie bei den ewigen Hobos des Typs Townes van Zandt oder Jeff Buckley) oder einer Erhöhung des Drucks (wie bei Built To Spill), sondern der Fülle der Einzelheiten, die sich hier selbstverständlich ineinander fügen; einem Sound-Patchwork, das auf Traditionen anspielt, ohne je Zitat-Pop oder Retro zu werden. Ex-Pop-Papst-und-SPEX-Herausgeber Diedrich Diederichsen („Hätte nie gedacht, dass mir sowas nochmal so gefallen könnte“) kommt in seinem Kunsthochschulen-Theoretiker-Austragshäuschen auf die richtige Idee: Electric Music ist Prog-Rock, aber so reduziert, dass alles Peinliche verschwindet. Das Paradox von „North London Spiritualist Church“: eine unendlich reichhaltige Musik, wie sie nur entsteht, wenn alles außer dem absolut Notwenigen zum Verschwinden gebracht wird. Und wenn das psychedelisch klingt, so nicht, weil längst historisch gewordene Effekte imitiert werden, sondern die Seele der Songs selbst „trancig“ wird. Wunderbares Album!

Der Orden der Selbstzerfleischer

01.07.00 (Helmut Hein) -

Steve Earle, der Einzelgänger, war immer unterwegs. Er hat nicht nur mit Lebens-, sondern auch mit Musik-Formen experimentiert. Für seine Expedition mitten ins Herz des Bluegrass-Universums hat er sich sogar in stets zu enge Anzüge gezwängt und sich die Hüte aufgesetzt, die Mr. McCoury nicht nur für passend, sondern für unvermeidlich hielt. Musikalisch war diese Reise zu den „roots“ durchaus ergiebig, biografisch war sie ein fatales Missverständnis, eine Sackgasse: Earle, der Sucher und Flucher, und McCoury, der autoritär die wahren Werte verwaltet, das konnte nicht zusammenpassen.

Alles und sein Gegenteil

01.07.00 (Helmut Hein) -

Aber Thomas Meinecke möchte die Karrieren auseinander halten, so gut es eben geht. Das „Poppige“, das seine verschiedenen Tätigkeitsfelder vereint, ist höchstens eine Haltung oder Vorgehensweise: Meinecke verpönt das Besserwissertum, das am Ende doch am Daten-Overkill einer zersplittert-ausdifferenzierten (Medien-)Welt scheitern muss. Er nähert sich seinen Gegenständen als Fan und Dilettant im positiven Ursprungs-Wortsinn des Aufklärungszeitalters, dessen liebende Recherche so gründlich und einsehbar ist, dass sie alle Bedürfnisse befriedigt.

Das Experiment als kleinster gemeinsamer Nenner

01.07.00 (Helmut Hein) -

Komponist Wilhelm Killmayer, Jahrgang 1927, das Einzelgängertum jenseits aller Schulen ohnehin gewohnt, wirkte fast euphorisch: Nachdem in der St. Oswald-Kirche der Altmusik-Star Mark Kroll und der große Kommunikator und Neue-Musik-Impresario Siegfried Mauser in einem janusköpfigen Doppel-Konzert Bachs Schemelli-Gesangsbuch und Killmayers Hölderlin-Lieder für Tenor (Christoph Prégardien) und Klavier geboten hatten, sprach er vom Ausbruch aus dem Ghetto der Spezialisten-Zirkel. Die Neue-Musik-Gurus, die meist ihre Fans mit Namen und Anschrift kennen, sind bescheiden geworden.

Ein Hemingway des Rock und Archivar des Glücks

01.06.00 (Helmut Hein) -

Während er unermüdlich weiterproduziert – im vergangenen Herbst das unterschätzte „Crosby, Stills, Nash & Young“-Album „Looking Forward“, eben erst das heftig gefeierte Balladen-Patchwork „Silver and Gold“ –, wird Neil Young im Zweit-Job zum pingeligen Archivar des eigenen Künstler-Lebens.

Revitalisierter Outsider-Rock

01.06.00 (Helmut Hein) -

Eigentlich sind die „Flaming Lips“ Schuld! Und deshalb ist es nur recht und billig, dass sie, längst eine „Major“-Band, als eine Art Headliner beim Zehn-Jahre-„City Slang“-Lieblings-Bands-Konzertabend auftreten. Die Flaming Lips fragten nämlich anno 90 Christof Ellinghaus um Rat, wie und wo sie denn ihr Album „In A Priest Driven Ambulance“ in Europa veröffentlichen könnten. Und dem gefielen diese Aufnahmen so gut, dass er prompt und voller Chuzpe behauptete, er habe ein Label – was damals gar nicht der Fall war. So gesehen war die Gründung der Fluch einer „bösen“ Tat.

Tag- und Nachtgeschichten: Roman eines Jahres

01.06.00 (Helmut Hein) -

Eine Schlüssel-Szene wenn schon nicht der Literatur, so doch ihres Betriebs in den 80er-Jahren: Sie zitiert Motive der Avantgarde und ihrer Schock-Ästhetik, bricht sie ironisch und versucht sie, „authentizistisch“ und medienbewusst zugleich, zu überbieten. Rainald Goetz wusste, wie ein gutes Dutzend Jahre vor ihm der Sixties-Pop-Autor Peter Handke, dass man nicht partout einen Preis gewinnen muss. Es reicht, wenn man ein Zeichen setzt: Berühmt ist der, der für immer mit einem Ereignis verbunden wird.

Nachschub

01.06.00 (Helmut Hein) -

Weil es um chirurgische Eingriffe geht, nennen die Liverpooler Blackburn und Hartley ihre Band schneidend präzise „Clinic“. Live tragen die Herren schon mal grüne Kittel. In ihrem Rock-Hospital geht es angeblich um „Entgiftung“ und „Schocktherapie“. Aber was sie da aus brauchbaren Trümmern einer Pop-Vergangenheit aus Uptown-Glamour und Underground-Dreck montieren, das wirkt weder verkopft noch verbraucht. „Internal Wrangler“ (Domino/Zomba) ist amerikanophiler Zitat-Pop der eher jungfräulichen Art. Und während Kollegen bei diesem frischen Frontier-Sound merkwürdigerweise Velvet Underground einfällt, denke ich eher an die Residents, deren ethnologische Eskapaden irgendwann auch unweigerlich bei einem „Commercial Album“ der verfügbaren und vermarktbaren Töne landeten.

Reichtum und Ruhm im Schattenreich neuer Medien

01.05.00 (Helmut Hein) -

Kultur lebt von der Differenz: vom Abstand zu dem, was vorher war und sonst noch ist. Jeder Autor, der mehr sein will als Epigone, also Verwalter von Traditionsbeständen, bricht mit einer Konvention und provoziert. Der permanente Skandal ist Motor der Kulturgeschichte: Die neue Sprache kann von denen, die nur die alte erlernt haben, nicht verstanden werden. Enttäuschte Erwartungen und Missverständnisse führen zu einem explosiven Gemisch.

Bleibende Bilder und bröckelnde Illusionen

01.05.00 (Helmut Hein) -

Im Grunde gab sich Joni Mitchell schon altersweise als sie 24 war und ihre Karriere gerade erst begann. Damals, im „summer of love“ 1967, schrieb sie den Song „Both Sides Now“, der zwei Jahre später auf ihrem Album „Clouds“ zum Klassiker wurde. Die poetische Bilanz lautet: Ich kenne jetzt beide Seiten, die schöne, vielversprechende und die böse, verstellende. Als Kind glaubte sie, dass alle Märchen wahr werden, sah im Himmel Eiskremburgen und Schluchten aus Federn. Jetzt weiß sie, dass die Wolken vor allem den Blick auf die Sonne verstellen und Regen bringen. Sie ist desillusioniert, aber nicht vollkommen. Denn sie bekennt, dass sie das Leben und die Liebe immer noch nicht versteht. Und durch alle Enttäuschungen hindurch hält sie an dem fest, was man ihre ursprüngliche poetische Initiation nennen könnte. Die düstere Joni bleibt die Prinzessin im Feenland – und wenn andere sie als „zickig“ oder zumindest „schwierig“ empfinden, dann vor allem deshalb, weil sie die Differenz von Wunsch und Realität so heftig spürt.

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