Bayern 4 Klassik kontra Jugendradio: Wäre tragfähiger Kompromiss eine Lösung?


28.11.06 -
Die Initiative für Radiokultur, Das GANZE Werk (Nord), führte zum aktuellen Thema „Klassikwelle oder Jugendradio im Bayerischen Rundfunk“ Gespräche mit zwei Interviewpartnern, der 1. Präsidentin des Bayerischen Jugendrings, Martina Kobriger, und dem Präsidenten des Bayerischen Musikrats, Wilfried Hiller:
28.11.2006 - Von nmz-red/leipzig, KIZ

1. Interview mit der 1. Präsidentin des Bayerischen Jugendrings, Martina Kobriger:

Wir brauchen einen tragfähigen Kompromiss, der sicherstellt, dass alle Zielgruppen gleichermaßen erreicht werden.

Das GANZE Werk: Frau Kobriger, was bedeutet für Sie persönlich das Radio? Wie benutzen Sie normalerweise täglich das Radio?
Martina Kobriger: Für mich ist Radio in erster Linie ein Informationsmedium. Ich benutze es vor allem im Auto, aber auch, wenn ich ganz schnell eine Information brauche. Dann schalte ich Bayern 5 ein.

Was meinen Sie zu dem Bild der „Reise nach Jerusalem“ in der gegenwärtigen Debatte: für zwei Interessenten gibt es nur einen Stuhl?
Vordergründig sieht es momentan so aus. Aber ich glaube, es gibt mehr Lösungsmöglichkeiten, wenn man sich ernsthaft mit allen alternativen Verbindungswegen auseinandersetzt.

Wer ist Ihrer Meinung nach für das jetzige Desaster zuständig, das sich für Außenstehende so darstellt: beim Bayerischen Rundfunk findet ein Kampf Alt gegen Jung statt oder, wie es die taz schreibt, ein „Kampf der Kulturen“?
Ich bin erst seit fünf Jahren im Rundfunkrat. Ich glaube aber, dass man vor zehn Jahren als es noch keine Beschränkung der Zahl der UKW-Wellen gab, eine Junge Welle leichter hätte implementieren können. Der aktuelle Rundfunkstaatsvertrag lässt leider für den Bayerischen Rundfunk (BR) nur fünf UKW-Stationen zu.

Welche Altersgruppe wird Ihrer Meinung nach zu wenig von den Hörfunkprogrammen des Bayerischen Rundfunks berücksichtigt?
Die Altersgruppe der bis zu 35-jährigen wird aus meiner Sicht stark vernachlässigt. Für diese gibt es neben 17 Stunden „Zündfunk“ auf Bayern 2 nur noch wenige Angebote, die sie sich auf allen Wellen zusammensuchen müssen. Der öffentlich-rechtliche Bildungs- und Informationsauftrag gilt aber für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen. Auch die unter 35-jährigen zahlen GEZ-Gebühren und haben deshalb Anspruch auf passende Angebote auf UKW. Aus diesem Grund haben wir auch die Unterschriftenaktion auf www.jungewelle-auf-ukw.de/ gestartet.

Wie sollte nach Meinung des Bayerischen Jugendrings eine Junge Welle in den Grundzügen gestaltet sein? Wo können Interessierte es genauer nachlesen?
Eine Junge Welle sollte aus der Sicht des Bayerischen Jugendrings (BJR) Lebensthemen junger Menschen inhaltlich ambitioniert aufgreifen, junge Kultur für junge Menschen interessant vermitteln und Aktivitäten junger Menschen eine Plattform bieten. Nachzulesen ist dies unter anderem in dem Beschluss des BJR Ende März 2006 (www.dasganzewerk.de/pdf/20060325-bj…). Es gibt außerdem ein hervorragendes Konzept der BR-Projektgruppe Junge Welle, das bislang leider nur dem Hörfunkausschuss bekannt ist. Dies deckt sich in hohem Maß mit unseren Vorstellungen.

Könnten Sie ein formatiertes Jugendprogramm tagsüber – zeitweilig oder auch durchgehend – akzeptieren?
Wenn dies dazu führt, dass gerade inhaltliche Beiträge staccatohaft entleert werden, ist das nicht die richtige Form einer Jungen Welle, wie sie sich der BJR vorstellt.

Welche Möglichkeiten der digitalen Nutzung einer Jungen Welle können Sie sich vorstellen – außer dem unmittelbaren digitalen Empfang selbst?
Ich kann mir viele zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten vorstellen. Diese sehe ich aber eher als Ergänzung zu einem frei empfangbaren Programm auf UKW. Es ist eine Mär, dass junge Menschen kein Radio mehr hören, allerdings hören sie kaum noch öffentlich-rechtlich. Wenn man zudem bedenkt, dass vor allem junge Menschen von Armut betroffen sind, dann würde ich es für fatal halten, gerade bei dieser Zielgruppe Verbreitungswege zu forcieren, die für die jungen Menschen eine unnötige finanzielle Belastung sind. Informationsbeschaffung darf nicht vom Geldbeutel abhängig sein. Deswegen bestehen wir darauf, dass die Junge Welle auf UKW kommt.

Wie erklären Sie sich die besondere Initiative von Vertretern der Bayerischen Industrie- und Handelskammer und der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft auf der letzten Rundfunkratssitzung für eine Junge Welle, wie es die neue musikzeitung gemeldet hatte?
Für das Engagement sehe ich zwei Gründe: Zum einen die Sorge um die zukünftigen Hörer des BR und zum anderen persönliche Motivation, endlich Angebote für junge Menschen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu schaffen.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der „Münchner Erklärung zur Digitalisierung“ (Mitte Oktober 2006) und der Initiative für eine Junge Welle?
Der BJR setzt sich seit Jahren für eine Junge Welle auf UKW ein, die für alle frei empfangbar ist. Daran ändert auch die „Münchner Erklärung“ nichts. Grundsätzlich ist jedoch zu befürworten, dass die flächendeckende Digitalisierung vorangetrieben wird.

Haben die Industrie- und Handwerkskammer, hat die Automobilindustrie in der Frage der Jungen Welle direkt oder indirekt mit dem Bayerischen Jugendring Kontakt aufgenommen?
Nein.

Wäre Ihrer Meinung nach ein föderal strukturierter ARD-Sender theoretisch, wenn es die Beschrän¬kung der Senderanzahl nicht gäbe, mit den sechs Säulen Junge Welle, „Mittlere Welle“, „Alte Welle“, Info-Welle, Kultur-Welle und Musik-Welle gut „aufgestellt“?
Wenn es sechs Wellen gäbe, hätten wir derzeit diese Diskussion nicht. Weil dies zurzeit aber nicht möglich ist, brauchen wir einen tragfähigen Kompromiss, der sicherstellt, dass alle Zielgruppen gleichermaßen erreicht werden. Dazu müssen aber – unter Berücksichtigung der Hörgewohnheiten aller Zielgruppen – alle Verbreitungswege herangezogen werden.

Kann man sagen, das „das Programm“ Bayern 3 mit seinen Stammhörern einen großen Schritt mitgealtert ist?
Bayern 3 ist es gelungen, seine Hörer über die Jahre kontinuierlich an sich zu binden. Dies bewerte ich positiv. Es ist ein wichtiges Programm für die Zielgruppe 35 bis 55, für die es sonst keine öffentlich-rechtliche Alternative gibt.

Wie weit sehen Sie Überschneidungen zwischen Bayern 1 und Bayern 3?
Ich sehe keinerlei Überschneidungen zwischen Bayern 1 und Bayern 3, weder in den Themen, die aufgegriffen werden, noch in der vorherrschenden Musik. Durch eine Verbindung würden wir auf beiden Seiten viele Hörer verlieren.

Und zwischen Bayern 3 und einer Jungen Welle?
Ich sehe wenig Überschneidungen, da sich bei Bayern 3 Themen und Musik stark an den Interessen der eben genannten Zielgruppen orientieren. Auch hier gilt: Würde man Bayern 3 jünger machen wollen, würden wir viele Stammhörer verlieren, und ich bezweifle, dass wir junge Hörer in großem Maße für das Programm ihrer Eltern gewinnen könnten. Genau das hatte man vor einigen Jahren mit dem Projekt „Super 3“ versucht, das kläglich gescheitert ist.

Halten Sie es für denkbar, dass der Bayerische Rundfunk, statt theoretisch drei Wellen für jung, mittel und alt zu haben, zwei ganz neue, den Altersaufbau berücksichtigende Wellen für jünger und älter betreibt?
Ich halte das nicht für möglich, weil die Spannbreiten in den Lebensthemen und im Musikgeschmack zu groß sind. Schon bei drei altersspezifischen Wellen ist die Anforderung an die Radiomacher sehr hoch, den immer noch sehr heterogenen Interessen der Hörergruppen gerecht zu werden.

Wie weit können Sie sich eine Kooperation zwischen einem anspruchsvollen Kulturprogramm und der Infowelle Bayern 5 vorstellen?
Ich kann mir das nicht gut vorstellen. Die Interessen der jeweiligen Hörergruppen sind gänzlich unterschiedlich. Bei einer Kombination würde man entweder die Aktualität vernachlässigen oder auf längere Features oder Hintergrundinformationen verzichten müssen. Zudem fürchte ich, dass dann kulturelle Beiträge bzw. Bildungsinhalte wie z.B. das derzeitige Radiowissen auf Bayern 2 insgesamt zu kurz kämen.

Und zwischen einem anspruchsvollen Kulturprogramm und Bayern 4 Klassik?
Klassik ist für mich ein wichtiger Teil von Kultur. Die Zielgruppen beider Wellen haben aus meiner Sicht die größten Interessensüberschneidungen.

Wird Ihrer Meinung nach der Kulturauftrag verletzt, wenn Bayern 4 Klassik auf UKW verschwände?
Wenn es nach mir geht, würde Bayern 4 Klassik nicht einfach auf UKW verschwinden. Ich könnte mir durchaus eine Kombination von Bayern 2 und Bayern 4 Klassik auf UKW vorstellen. Grundlage wären für mich konkrete Analysen, wer wann was hört. Beispielsweise die Übertragung von Konzerten oder Opern wäre dann in zeitlich festen Hörfenstern auf UKW zu empfangen. Zusätzlich halte ich es aber für erforderlich, ein Klassik-Programm rund um die Uhr über Kabel und digital anzubieten, so würden ca. 60 % der bisherigen Hörerschaft erreicht werden. Für viele der jetzigen Bayern-4-Klassik-Hörer würde sich also nicht viel ändern, unter Umstände würde sich die Empfangsqualität sogar verbessern.

Sehen Sie dann Konsequenzen für die Orchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks?
Da sehe ich keinerlei Konsequenz. Die Orchester und der Chor sind Einrichtungen des gesamten BR und nicht nur von Bayern 4 Klassik. Daher ist ihre Existenz und Notwendigkeit völlig unabhängig von den Verbreitungswegen von B4 Klassik zu sehen. Zudem passen aus meiner Sicht die Konzertübertragungen auch gutzu Bayern 2 bzw. die speziellen Jugendkonzerte des BR-Rundfunkorchesters zu einer Jungen Welle.

Von Klassik-4-Befürwortern wird dem BJR der Vorwurf gemacht, dass er stillschweigend die Auflösung von Bayern 4 Klassik in Kauf nehmen würde, wenn die Junge Welle kommt. Was meinen Sie dazu?
Ich denke, dass meine bisherigen Ausführungen deutlich gemacht haben, dass es mir in keinster Weise um die Auflösung von Bayern 4 Klassik geht.

Was meinen Sie zu der von NDR-Intendant Professor Jobst Plog am 5. Juli 2006 im „Hamburger Abendblatt“ lancierten Perspektive: „Man könnte nur als eine mögliche Entwicklungsidee gemeinschaftlich ein traditionelles Klassikprogramm machen und die regional ausgeprägten Klassikwellen noch stärker auf jüngere Zuhörer ausrichten“?
(www.dasganzewerk.de/presse/20060705…)
Ich kann mir vorstellen, dass bei einem gemeinsamen ARD-Klassikprogramm die regionalen Besonderheiten zu kurz kommen, zumal auch dieses Programm in Bayern eine UKW-Welle beanspruchen würde. Unser aktuelles Problem würde sich damit also nicht lösen lassen.

In welcher Form und in welchem Zeitraum sollte Ihrer Meinung nach die Entscheidungsfindung zu einer Jungen Welle ablaufen?
Ich denke, die Entscheidung sollte so gut vorbereitet wie möglich, aber auch zügig getroffen werden. Die jungen Menschen warten schon viel zu lange auf ihre Junge Welle.

Möchten Sie auf diesem Wege dem Bayerischen Musikrat etwas mitteilen?
Ich würde mir wünschen, dass alle Beteiligten zu einer sachlichen Diskussion zurückfinden. Aussa¬gen, dass Bayern 4 Klassik einer seichten Pop-Dudelwelle weichen soll, wie wohl im Rahmen der Unterschriftenaktion des Bayerischen Musikrats immer wieder argumentiert wurde, halte ich nicht für zweckdienlich. Wenn der BR auf Dauer zukunftsfähig bleiben soll, darf er sich notwendigen Verän¬derungen nicht verschließen. Nur weil etwas neu ist, muss es nicht schlechter sein.

Frau Kobriger, wir danken Ihnen für das Interview.



2. Interview mit dem Präsidenten des Bayerischen Musikrats, Wilfried Hiller:

Eine Kombination von Bayern 2 und Bayern 4 Klassik wäre ein literarisch-musikalischer Kahlschlag
Das GANZE Werk: Herr Hiller, was bedeutet für Sie persönlich das Radio? Wie benutzen Sie normalerweise täglich das Radio?
Das Radio ist für mich seit meinem 12. Lebensjahr lebensnotwendig und hat mich auch zu meinem Beruf geführt. Ich hörte damals im Süddeutschen Rundfunk eine Rundfunkübertragung der Z a u b e r f l ö t e und beschloss, Musiker zu werden. Seit dieser Zeit habe ich Radio immer sehr konzentriert gehört. 35 Jahre lang durfte ich das Musikprogramm des Bayerischen Rundfunks (BR) aktiv mitgestalten und mit über 21.000 Stunden Sendung auch meine persönliche Handschrift einbringen. Eine persönliche Handschrift ist aber heute kaum noch gefragt. Es soll zum Beispiel im „Allegro“ (6 bis 9 Uhr) alles gleichmäßig in eine barocke Soße eingetaucht werden. Radio höre ich immer noch sehr bewusst. Jedes Wochenende sehe ich mir die Radiozeitung durch und streiche mir an, welche Sendungen ich in der kommenden Woche hören möchte, sofern es die Zeit erlaubt. Wochentags höre ich meistens ab 6 Uhr Bayern 5, um mich über das Neueste zu informieren, später dann Bayern 4 Klassik. Abends höre ich die großen Muslksendungen, Opernübertragungen oder Symphoniekonzerte.

Was meinen Sie zu dem Bild der „Reise nach Jerusalem” in der gegenwärtigen Debatte: für zwei Interessenten gibt es nur einen Stuhl?
Im Grunde müsste ein Alter auf einem Stuhl sitzen und einen Jungen auf den Schoß nehmen. Anders geht es nicht. Auch ein solcher Weg führt nach Jerusalem.

Wer ist Ihrer Meinung nach für das jetzige Desaster zuständig, das sich für Außenstehende so darstellt: beim BR findet ein Kampf Alt gegen Jung statt oder, wie es die taz schreibt, ein „Kampf der Kulturen”?
Im Grunde sind Personen zuständig, denen es mehr um ihre persönliche Karriere geht als um die Hörer. Alt und Jung darf auf k e i n e n F a l l gegeneinander ausgespielt werden.

Können Sie dem Bayerischen Jugendring (BJR) zustimmen, dass die 12- bis 35-Jährigen zu wenig von den Hörfunkprogrammen des BR berücksichtigt werden?
Ich finde nicht, dass Jugendliche im BR-Hörfunkprogramm zu wenig berücksichtigt werden. Ich denke dabei an DO-RE-MIKRO, an CINEMA – Kino für die Ohren, an den ZÜNDFUNK, an 19.04, an die JAZZTIME und an die Kinder- und Jugendkonzerte des Münchner Rundfunkorchesters. Ich glaube, dass junge Hörer es gewohnt sind, zwischen den Programmen zu wechseln, die Älteren haben diese Gewohnheit nicht.

Was halten Sie von dem Konzept des BJR: „Eine Junge Welle sollte (…) Lebensthemen junger Menschen inhaltlich ambitioniert aufgreifen, junge Kultur für junge Menschen interessant vermitteln und Aktivitäten junger Menschen eine Plattform bieten.”?
„Das klinget so herrlich“ heißt es in der Z a u b e r f l ö t e, aber was hilft uns eine Junge Welle, die sehr wenige hören, weil sich die Jugend heutzutage auf völlig neue Weise den Zugang zu Musik und Informationen verschafft?

Sollte man eine Junge Welle auf bestimmte Zeiten begrenzen?
Ich fände es phantastisch, wenn man t ä g l i c h um 17 Uhr DO-RE-MIKRO hätte, anschließend Filmmusik oder Jazztime (von 23 Uhr vorgezogen) und danach 19.04. So wäre den Jugendlichen auf Bayern 4 Klassik sehr geholfen.

Wie erklären Sie sich die besondere Initiative von Vertretern der Bayerischen Industrie- und Handelskammer und der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft auf der letzten Rundfunk¬ratssitzung für eine Junge Welle, wie es die neue musikzeitung gemeldet hatte?
Das Interesse an einer J u n g e n W e l l e ist nicht neu. Es stand immer schon wie ein dunkler Schatten hinter Bayern 4 Klassik, und nur hinter Bayern 4 Klassik. Es besteht ein Interesse der Geräte- und Automobolindustrie, zu gegebener Zeit neue Empfangs- und Multimedia-Geräte bei einer jüngeren Kundschaft abzusetzen, wie es auch aus der „Münchner Erklärung“ deutlich wird.

Wäre Ihrer Meinung nach ein föderal strukturierter ARD-Sender theoretisch, wenn es die Beschränkung der Senderanzahl nicht gäbe, mit den sechs Säulen Junge Welle, „Mittlere Welle”, „Alte Welle”, Info-Welle, Kultur-Welle und Musik-Welle gut „aufgestellt”?
Ich halte es nicht für nötig – und ich spreche da auf Grund meiner Erfahrungen beim BR –, dass es sechs Wellen gibt. Nach meiner Vorstellung sollte es auf Bayern 4 Klassik täglich Sendungen für Kinder und junge Menschen geben, die kulturell aufgeschlossen sind. Außerdem sollte Bayern 3 unbedingt verjüngt werden, womit die andere große Gruppe der Jugendlichen angesprochen werden könnte.

Wie weit sehen Sie Überschneidungen zwischen Bayern 1 und Bayern 3?
Meiner Meinung nach handelt es sich um zwei völlig verschiedene Hörerschichten, die man nicht mischen kann, sonst würde man beide verlieren.

Kann man sagen, dass „das Programm” Bayern 3 mit seinen Stammhörern einen großen Schritt mitgealtert ist?
Als Bayern 3 gegründet wurde, waren dessen Redakteure noch relativ jung. Natürlich sind sie gealtert und mit ihnen das gesamte Programm. Eine Verjüngungskur würde Bayern 3 nicht schaden. Dann kann man auch die jungen Menschen erreichen, die mit der Jungen Welle erreicht werden sollen.

Halten Sie es für denkbar, dass der BR, statt theoretisch drei Wellen für jung, mittel und alt zu haben, zwei, den Altersaufbau berücksichtigende Wellen für jünger und älter hätte?
Ja, mit der Ergänzung durch Bayern 4 Klassik.

Wie weit können Sie sich eine Kooperation zwischen einem anspruchsvollen Kulturprogramm und der Infowelle Bayern 5 vorstellen?
Das geht auf keinen Fall, weil es sich bei Bayern 5 um einen reinen Informationssender im Viertelstundentakt handelt.

Und zwischen einem anspruchsvollen Kulturprogramm und Bayern 4 Klassik?
Das war auf Bayern 2 vor der Gründung von Bayern 4 Klassik der Fall. Eine Rückverwandlung wäre auch ein Rückschritt. Viele Sendereihen wie Laudate Dominum, Bachkantate, Musik der Welt etc. gäbe es dann nicht mehr. Deshalb halte ich auch von dem entsprechenden Vorschlag des BJR einer „Kombination von Bayern 2 und Bayern 4 Klassik auf UKW“ nichts.

Was meinen Sie zu dem weiteren Vorschlag des BJR, „zusätzlich (…) ein Klassik-Programm rund um die Uhr über Kabel und digital anzubieten”?
Es wäre insofern ein Fortschritt, als man Bayern 4 Klassik auch in den Gebieten gut hören könnte, wo heute der Empfang schwach ist. Es wäre aber ein großer Rückschritt, da das wesentliche Standbein für den Sender wegfiele und die Autofahrer noch schlechter als jetzt versorgt wären.

Wird Ihrer Meinung nach der Kulturauftrag verletzt, wenn Bayern 4 Klassik auf UKW ganz verschwände?
Ja! Vom Kulturauftrag bei öffentlich-rechtlichen Anstalten wird schon lange nicht mehr gesprochen. Selbst Peter Hufe (SPD) sprach bei der Delegiertenversammlung des BMR am 11. November 2006 nur noch von Quoten. Das ist mehr als besorgniserregend.

Wird nach Ihrer Meinung bei einer Kombination von Bayern 2 und Bayern 4 Klassik der Kultur¬auftrag verletzt?
Auch hier: Ja! Es würden viel zu viele für die Kultur essentielle Beiträge gerade aus dem literarischen Bereich wie z.B. Portraits, Dichterlesungen, Hörspiele, ausführliche Buchbespre¬chungen wegfallen. Gleichzeitig müsste man im Bereich der Musik auf viele wesentliche Sendungen verzichten. Es wäre also ein literarisch-musikalischer Kahlschlag.

Sehen Sie im Fall des Vorschlags des BJR oder im Fall, dass Bayern 4 Klassik auf UKW ganz verschwände, Konsequenzen für die Orchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks?
Es gäbe selbst im ersten Fall kaum noch Sendeplätze für die großartigen Klangkörper des BR. Was immer wieder diskutiert wurde, könnte dann vielleicht traurige Wahrheit werden: aus dem Rundfunksymphonieorchester eine GmbH zu machen. Auch das erst vor kurzem gerettete Rundfunkorchester stünde wieder vor dem Aus. Schließlich begründete dies ein Rundfunkratsmitglied mit der Bemerkung, dass der BR sich auch keine Fußballmannschaft leiste.

In welcher Form und in welchem Zeitraum sollte Ihrer Meinung nach die Entscheidungsfindung zu einer Jungen Welle ablaufen?
Ich fürchte, dass sich bereits in der Rundfunkratssitzung am 7. Dezember alles zwischen Bayern 4 Klassik und Junge Welle entscheiden wird.

Von Befürwortern der Jungen Welle wird Aktivisten zur Rettung von Bayern 4 Klassik der Vorwurf gemacht, dass das Konzept für eine Junge Welle durch Bezeichnungen wie „seichte Pop-Dudelwelle” in Misskredit gebracht wird. Was meinen Sie dazu?
Meine Sorge ist nach wie vor, dass durch die Abschiebung von Bayern 4 Klassik ins Digitale unsere ältere Hörerschaft langsam abdriftet, weil sie mit modernen Geräten kaum umzugehen weiß. Das hätte einen massiven Hörerschwund zur Folge, der wiederum eine gänzliche Auflösung von Bayern 4 Klassik nach sich ziehen würde. Der BMR hat nie von einer „seichten Dudelwelle“ gesprochen.
Der Bayerische Jugendring sollte sich intensiv damit auseinandersetzen, auf welche Weise Jugendliche heute Musik – welcher Art auch immer – zu hören pflegen.
Als Fazit möchte ich den berühmten Satz meines früheren Intendanten Albert Scharf zitieren: „Kultur rechnet sich nicht, aber sie zahlt sich aus.“

Herr Hiller, wir bedanken uns für das Gespräch.

Die Interviews führte Theodor Clostermann am 25. und 26. November 2006



















































































































































Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: