In Konzertsaaldebatte breiter Widerstand gegen Standortentscheidung

05.02.15 -
München - Nach der Festlegung von Freistaat und Landeshauptstadt gegen einen weiteren Konzertsaal in München formiert sich breiter Widerstand. Der Bayerische Musikrat, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) und Oppositionspolitiker im Landtag forderten am Donnerstag ein Umdenken von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Beide Politiker hatten am Montag verkündet, statt einem weiteren Konzertsaal die Philharmonie am Gasteig zu entkernen und dort einen neuen Aufführungsort zu errichten.
05.02.2015 - Von dpa, KIZ

Die Mitgliedsverbände im Bayerischen Musikrat reagierten enttäuscht. Ein neuer Saal hätte zu einem «Anziehungspunkt für eine führende Musikstadt» werden können, heißt es in einer Mitteilung. «Internationale Strahlkraft braucht den neuen Akzent.» Der Musikrat forderte, dass für die Umbauzeit des Gasteigs, in der die Philharmonie nicht als Konzertraum zur Verfügung steht, eine Übergangslösung gefunden werden müsse, «die den Konzertbetrieb in München nicht nachhaltig beeinträchtigt».

Das von Stardirigent Mariss Jansons geleitete BR-Symphonieorchester protestierte scharf. Es habe die Entscheidung Seehofers und Reiters «mit Entsetzen und Unverständnis vernommen», schreibt der Orchestervorstand in einem offenen Brief. Das Aus für den Saal gefährde nicht nur die Zukunft des Symphonieorchesters, «sondern setzt auch Münchens und Bayerns Ruf als international bedeutende Musikmetropole aufs Spiel». Jansons gilt als der engagierteste Kämpfer für einen neuen Konzertsaal in München.

Das Orchester stellte zahlreiche Fragen an die Politiker: «Weshalb ignorieren Sie die Ergebnisse einer hochrangigen Expertenkommission und entscheiden sich für ein ungeprüftes Modell?» Oder: «Warum sagen Sie nicht offen, dass Ihre Pläne substanzielle Einschränkungen für circa 40 000 Klassik-Abonnenten mit sich bringen werden?» Zudem wird moniert, dass bei der Erstellung des vorgeschlagenen Modells nur die Münchner Philharmoniker, nicht aber die privaten Konzertveranstalter und nicht das BR-Symphonieorchester vertreten gewesen sei.

SPD-Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher warf Seehofer vor, vom Versprechen in der Regierungserklärung von 2013 abgerückt zu sein, in München einen zusätzlichen Konzertsaal zu errichten. Er forderte Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) in einem Brief auf, die Pläne für einen Neubau am Finanzgarten nicht ad acta zu legen. Er hielt dem Minister aber zugute, lediglich «der Vollstrecker des Willens des Ministerpräsidenten» zu sein. Die Hauptverantwortung für die Kehrtwende liege bei Seehofer. «Gedanklich haben Sie sicher bereits heute die Hand an der Notbremse», schrieb Rinderspacher.

Spaenle reagierte prompt. Er könne die Enttäuschung von Musikern und Musikfreunden verstehen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Er wundere sich aber, dass die Betroffenen sich mit den Elementen des Neukonzepts «im Kern nicht auseinandersetzen». Erstmals bestehe jetzt die Chance, für «zwei Weltklasseorchester zwei Weltklassesäle» in einer nie zuvor dagewesenen Form der Zusammenarbeit von Freistaat Bayern und Stadt München zu schaffen. Dabei würden auch das Raumprogramm des BR-Symphonieorchesters und die Wünsche der privaten Konzertbetreiber berücksichtigt. Spaenle kritisierte, die Debatte werde «schrill und in der Form eindimensional» geführt.

Nach Überzeugung des Freie-Wähler-Politikers Michael Piazolo kann Münchens Bedeutung als internationale Kunst- und Musikmetropole nur durch einen Konzertsaalneubau sichergestellt werden. «Die hierfür erforderliche 180-Grad-Wendung des Ministerpräsidenten würden wir Freien Wähler in diesem Fall begrüßen», sagte der Vorsitzende des Kunstausschusses im Landtag. Allerdings sei klar: «Mit seinen ständigen Wendungen und überstürzten Tempi-Wechseln würde Seehofer als Musiker jedes Orchester sofort aus dem Rhythmus bringen.»

Seehofer beharrt auf seiner Festlegung, wonach in der Hülle der Philharmonie im Kulturzentrum Gasteig ein neuer Saal entstehen, auf den Bau eines weiteren Konzertsaals aber verzichtet werden soll. Die Weltklasse-Geigerin Anne-Sophie Mutter sprach daraufhin von einer «katastrophalen Fehlentscheidung» und warf Seehofer Wortbruch vor. 

 



Anne-Sophie Mutter wirft Seehofer Wortbruch vor

Interview: Paul Winterer, dpa

Die Weltklasse-Geigerin Anne-Sophie Mutter nimmt kein Blatt vor den Mund. Nach der Festlegung von Bayerns Ministerpräsident Seehofer gegen einen dritten Konzertsaal in München spricht sie von einer katastrophalen Fehlentscheidung, gibt die Hoffnung aber nicht auf.

Frage: Was sagen Sie dazu, die Philharmonie im Gasteig zu entkernen und anstelle des bestehenden einen neuen Konzertsaal zu bauen?

Antwort: Das ist die schlechteste aller denkbaren Alternativen - von Lösung will ich schon gar nicht sprechen: eine katastrophale Fehlentscheidung.

Frage: Bei einem Umbau der Philharmonie gäbe es in München für einige Jahre überhaupt keinen großen Konzertsaal mehr. Besteht die Gefahr, dass berühmte Orchester und Solisten deshalb dauerhaft einen Bogen um die Stadt machen?

Antwort: Im Jahr 2020, wenn nach Seehofers Plan mit der Entkernung des Gasteig begonnen werden soll, wird weltweit der 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens gefeiert. München wird also nicht Teil dieses Festes sein können. Erst 50 Jahre danach wird es erneut die Chance zu einer vergleichbaren Repertoire-Wiederentdeckung geben. Aber nicht nur wegen des Beethoven-Jubiläums brauchen wir einen zusätzlichen Konzertsaal in München. Denn es ist - entgegen den von Seehofer zitierten Zahlen - eine steigende Konzertnachfrage zu beobachten, die auch für die Zukunft tragen wird. Und neben der Klassik gibt es auch noch weitere lebenswichtige Musikformen, denen das Wasser abgegraben wird, wie beispielsweise dem Jazz. Die Konsequenzen liegen auf der Hand: eine Beschneidung des Repertoires sowie der Anzahl der Künstler und Orchester, die in München auftreten können. Wenn so wenig Auftrittsmöglichkeiten übrig bleiben, werden die Veranstalter noch stärker auf bereits bekannte Namen setzen, für junge Musiker ist in München dann gar kein Platz mehr.

Frage: Sehen Sie noch eine Chance, dass die Entscheidung revidiert wird?

Antwort: Ja natürlich, denn ich bin der Überzeugung, dass der Ministerpräsident den breiten Unmut über sein Konzept unterschätzt hat. Seine Begründung, es würden sich zukünftig weniger Menschen für die klassische Musik interessieren, geht nicht nur an den Tatsachen vorbei, sie ist auch ein Schlag ins Gesicht aller Kulturinteressierten. Eigentlich müssten alle Musiker und Musikfans, die Seehofer als Ministerpräsident ausgezeichnet hat, ihre Orden zurückgeben. Ein Glück nur: Politiker seines Schlages kommen und gehen, die Musik aber bleibt.

Frage: Ist Seehofer in Ihren Augen wortbrüchig geworden?

Antwort: Zweifellos ist Seehofer wortbrüchig geworden, denn ein Umbau ist kein neuer Konzertsaal. Aber nicht nur Seehofer: Mir hat Kultusminister Spaenle im persönlichen Gespräch zugesagt, dass eine Entscheidung für einen neuen, einen weiteren Konzertsaal fallen wird.

Frage: Werden Sie sich trotz der nun getroffenen Festlegung weiterhin für einen neuen Konzertsaal einsetzen oder geben Sie die Hoffnung auf?

Antwort: Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es geht jetzt darum, die Konsequenzen dieser Fehlentscheidung einer breiten Öffentlichkeit deutlich zu machen. Und dafür kämpfe ich.

Frage: Sie sind seit langem in München daheim, wenn Sie nicht gerade in New York, Tokio oder einer anderen Musikmetropole der Welt gastieren. Schmerzt es Sie, dass ausgerechnet Ihre Heimatstadt sich mit einem neuen Konzertsaal von internationaler Güte so schwertut?

Antwort: Ich schäme mich zutiefst und bin seit langem in einer endlosen Erklärungsnot. Ich schäme mich auch für die Respektlosigkeit dem treuen Publikum und den zahlreich nachwachsenden jungen Konzertbesuchern gegenüber, denn ihre Interessen werden schlichtweg ignoriert.

ZUR PERSON: Anne-Sophie Mutter gehört zu den weltbesten Geigerinnen. Sie begann ihre internationale Karriere 1976 bei den Festwochen Luzern. Im Jahr darauf gab sie unter Leitung Herbert von Karajans ihr Salzburg-Debüt. Seitdem gastiert sie weltweit in allen bedeutenden Musikzentren. Die Mutter zweier erwachsener Kinder engagiert sich für zeitgenössische Musik und nutzt ihre Popularität für Benefizprojekte und die Förderung musikalischen Spitzennachwuchses. 

 

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