Jazz statt Klassik: Thomas Quasthoff will konsequent bleiben


15.05.18 -
Berlin - Die Traurigkeit nahm ihm seine grandiose Stimme zum Glück nicht auf Dauer. «Es war eine Kopfsache. Ich hatte eine verletzte Seele», sagt der mit zahllosen Musikpreisen von Grammy bis Echo dekorierte Bassbariton Thomas Quasthoff über die schwere Zeit nach dem Tod des geliebten Bruders Michael und die mehrmonatige Krise seiner Ehe. Nun sei die Stimme zurück - und er wieder ein «sehr glücklicher Mensch».
15.05.2018 - Von dpa, Werner Herpell, KIZ

Glücklich und gelöst klingt der vor 58 Jahren als «Contergan-Kind» mit verkürzten Armen und Beinen geborene Wahl-Berliner auch auf dem Bigband-Album «Nice 'n' Easy». Ein sehr gelungenes Comeback - nicht im klassischen Fach, das ihn vor rund 20 Jahren zum Weltstar machte und von dem er 2012 zurücktrat, sondern im Jazz.

Mit der opulent arrangierten neuen Platte ging für Quasthoff ein Wunschtraum in Erfüllung. Eine Woche lang war er im Januar mit der NDR-Bigband unter Leitung von Jörg Achim Keller in einem Hamburger Studio, um zwölf Lieder einzuspielen: US-amerikanische Standards von George und Ira Gershwin («But Not For Me») über Richard Rodgers/Oscar Hammerstein II («Some Enchanted Evening») und Arthur Hamilton («Cry Me A River») bis zu einem Pop-Klassiker von John Lennon («Imagine»).

Bei der Songauswahl orientierte sich Quasthoff an persönlichen Favoriten, es gab keine Vorgaben seines neuen Labels Sony: «Ich habe auch diesmal wieder nur Titel ausgesucht, die ich gerne singe», sagt er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Das war schon bei früheren Ausflügen in Jazz, Pop und Soul so, mit den gefeierten, auch kommerziell erfolgreichen Alben «Watch What Happens» (2007) und «Tell It Like It Is» (2010).

Die zeitweise verloren gegangene, tiefe, warme Quasthoff-Stimme lässt auch betagte und vielleicht schon zu oft gespielte Balladen wie «Body And Soul», «I Remember You» oder «Willow Weep For Me» neu erblühen. Die NDR-Bläser und eine 15-köpfige Streichergruppe steuern Swing und Schmelz bei, die bewährten Begleiter Frank Chastenier (Piano), Dieter Ilg (Kontrabass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug) spielen zurückhaltend und sensibel. Bei zwei Stücken schaut der Berliner Star-Trompeter Till Brönner vorbei.

Das befürchtete Karriere-Ende hat Thomas Quasthoff also vertagt. Beim freiwilligen Rückzug von der Klassik will er konsequent bleiben: «Das ist durch», er müsse da nach drei Grammys und etlichen Echo-Preisen wirklich nichts mehr beweisen, und «letztendlich war die Entscheidung genau richtig». Aber Jazz will er «noch ein paar Jahre machen - wenn die Stimme mitspielt». Im Jazz könne er nämlich «die Tonarten so wählen, dass es für mich total bequem und angenehm ist, zu singen».

Diese Pläne bedeuten für Quasthoff auch: Konzerte gehören weiter dazu. «Im Jazz wird kein Mensch allein mit CD-Verkäufen Millionär, kein Gregory Porter, kein Till Brönner», sagt er. Und betont: «Live zu spielen macht mir so viel Freude.»

Bei diesen Auftritten reizt der große kleine Mann mit der mächtigen Stimme seinen Charme aus, und er genießt das vertraute Zusammenspiel mit «meinen drei Jungs» Chastenier, Ilg und Haffner. «Zwischen uns vieren passiert im Konzert wirklich etwas Besonderes», sagt Quasthoff. Zudem kämen die Leute ja auch deshalb in Scharen zu seinen Auftritten, «weil der Thomas Quasthoff eine Marke ist. Nicht, weil sie einen Mann mit sieben Fingern sehen wollen, der 1,35 Meter groß ist.» Seinen selbstironischen Humor hat er nicht verloren.

In den Songs von «Nice 'n' Easy» erstaunt erneut, wie authentisch Quasthoffs Jazz-Gesang ist. «Er hat dieses Instrumentarium Stimme mit einer so großen, jahrelang trainierten Selbstverständlichkeit unter Kontrolle», hebt NDR-Bigband-Chef Keller hervor. «Dennoch - er singt Jazz keineswegs mit klassischer Stimme. Man merkt, dass er genau weiß, worum es in dieser Musik geht.» Ein Kompliment, das Quasthoff in seinem Kurswechsel erneut bestätigen dürfte.

Das Album «Nice 'n' Easy» von Thomas Quasthoff erscheint am Freitag (18. Mai) über Okeh/Sony Music.

Konzerte: 20.5. Hildesheim, 23.5. Köstritz, 10.6. Frankfurt/Main, 18.6. Graz, 30.6. Bielefeld Essen, 3.7. Wien, 24.8. Lüneburg, 25.8. Hamburg

Interview: Werner Herpell, dpa

Frage: Viele Ihrer Fans werden sich freuen, dass Sie nun wieder Musik veröffentlichen - ein neues Jazz-Album. Kommt danach vielleicht auch ein Comeback als klassischer Sänger?

Antwort: Nein, für die Klassik bin ich verloren, das ist durch. Wenn man zurücktritt, ist es besser und konsequenter, dabei zu bleiben. Ich hatte in meinem Leben als klassischer Sänger schon so große Höhepunkte, war etliche Male für den Grammy nominiert und habe drei gewonnen. Letztendlich war die Entscheidung, mit der Klassik aufzuhören, genau richtig - die beste in meinem Leben.

Frage: Aber dem Jazz bleiben Sie jetzt treu?

Antwort: Mit Jazz ist es etwas Anderes. Da kann ich die Tonarten so wählen, dass es für mich total bequem und angenehm ist, zu singen. Also das werde ich sicher noch ein paar Jahre machen. Ich habe große Lust darauf. Mal gucken - wenn die Stimme mitspielt. Mit 70 werde ich aber sicher nicht mehr auf der Bühne stehen.

Frage: Sie haben «Nice 'n' Easy» Ihrem 2010 gestorbenen Bruder Michael gewidmet. War sein Tod der Grund für Ihren Rückzug?

Antwort: Schauen Sie, wenn der Ihnen am nächsten stehende Mensch stirbt, dann ist das so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann. Damals kam einfach zu viel zusammen. Meine Mutter war ein knappes dreiviertel Jahr vorher gestorben, ich durchlebte eine Ehekrise, und dann starb auch noch mein Bruder. Sowas steckt man nicht ohne Weiteres weg. Das hat mich zwei Jahre gesundheitlich, psychisch vor allem, sehr negativ beeinflusst. Zum Glück ist meine Frau seit Jahren wieder bei mir, ich führe eine tolle Ehe und bin sehr froh darüber.

Frage: Ihnen blieb damals buchstäblich die Stimme weg. Was ist passiert?

Antwort: Ich hatte jedenfalls keine Kehlkopferkrankung. Keine Ahnung, wer das lanciert hat. Nein, ich konnte durch den Tod meines Bruders einfach nicht mehr singen. Meine Stimmbänder waren in Ordnung. Ich bin von einem HNO-Arzt zum nächsten gerannt, aber da war nichts. Es war eine Kopfsache. Ich hatte eine verletzte Seele.

Frage: Was reizt Sie so daran, nun mit Jazz-Gesang zurückzukehren?

Antwort: Sicher nicht das Geld. Selbst wenn jetzt jemand kommt und sagt: Der Quasthoff hat wohl Geldsorgen - Quatsch, so viel verdient man mit Jazz-CDs nicht. Nein, ich tue das, weil es mir Spaß macht. Ich muss doch niemandem mehr etwas beweisen. Mit meinen drei Jungs zu spielen ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann.

Frage: Treten Sie mit Ihrer Band auch wieder live auf?

Antwort: Ja, denn durch Konzerte verdient man in dem Business sein Geld. Wie gesagt: Im Jazz wird kein Mensch allein mit CD-Verkäufen Millionär, kein Gregory Porter, kein Till Brönner. Live zu spielen macht mir so viel Freude. Zwischen uns vieren passiert im Konzert wirklich etwas Besonderes. Und die Leute kommen ja auch so zahlreich dahin, weil der Thomas Quasthoff eine Marke ist. Nicht, weil sie einen Mann mit sieben Fingern sehen wollen, der 1,35 Meter groß ist.

Frage: Ihren selbstironischen Humor haben Sie also nicht verloren?

Antwort: Ach wissen Sie, wenn Sie 58 Jahre mit einer Schwerstbehinderung leben und keinen Humor haben, dann haben Sie etwas falsch gemacht in Ihrem Leben.

ZUR PERSON: Der Bassbariton Thomas Quasthoff gilt als einer der weltbesten klassischen Sänger. Er wurde 1959 in Hildesheim (Niedersachsen) mit einer schweren Contergan-Schädigung geboren. Quasthoff erhielt dank intensiver Förderung durch seine Familie die Möglichkeit, sein Talent voll zu entfalten. Nach zahlreichen großen Auszeichnungen für seine Klassik-Leistungen nimmt Quasthoff seit 2007 auch Jazz-, Soul- und Popsongs auf. Er ist Professor an der Berliner Hochschule für Musik «Hanns Eisler» und lebt mit seiner Ehefrau und einer Tochter im Südwesten der Hauptstadt.

 

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