Musik als Zeichen in der Krise - «Ode an die Freude» vom Balkon aus


23.03.20 -
Die Corona-Epidemie trifft auch die Musikszene hart. Konzerte werden verschoben, Opern abgesagt. In Italien machen viele Musiker sich und anderen Mut mit Gesangseinlagen vom Balkon aus. Deutsche Künstler nehmen sich nun ein Beispiel - mit einem verbindenden Musikstück.
23.03.2020 - Von dpa, KIZ

Musik als Zeichen in der Krise - ««Ode an die Freude» vom Balkon aus

Stuttgart - Zwischen Mailand und Sizilien erklingt seit Beginn der Corona-Epidemie die Musik von Balkonen und aus Fenstern, Menschen singen und musizieren gegen die Krise. Die Italiener machen es vor - jetzt ziehen die Deutschen gemeinsam nach. Profimusiker und Hobbyspieler haben am Sonntagabend zeitgleich zum Instrument gegriffen und vor allem von ihren Privatwohnungen aus in einer Art gemeinsamen Konzert Ludwig van Beethovens «Ode an die Freude» angestimmt.

Posaunen in Gütersloh und Streicher in Ludwigslust, eine musizierende Familie auf einem Balkon in Weimar, der Bratschist der Dresdner Philharmonie und Querflöten und Trompeter in einem Bonner Mehrfamilienhaus, Klavierspiel, Akkordeon und Gesang auch an zahlreichen anderen Orten. ««Alle Menschen werden Brüder» heißt es im Lied, das können wir in diesen Tagen alle brauchen», sagte Dirk Kaftan, Generalmusikdirektor der Stadt Bonn und des Beethoven Orchesters Bonn, im WDR-Fernsehen. «Wenn man den Geist mitnimmt in dieser schweren Zeit, dann ist das ja auch schon mal 'was wert.»

«Freude schöner Götterfunken» hieß es unter anderem auch an vielen Orten in Stuttgart, wo Musiker des Staatsorchesters ebenso wie Mitglieder der Stuttgarter Philharmoniker und des Kammerorchesters Stuttgart musizierten. «Wenn weder Opernaufführungen noch Konzerte mit einem Livepublikum möglich sind, müssen wir zu anderen Mitteln greifen», erklärte Stuttgarts Generalmusikdirektor Cornelius Meister den Auftritt seiner Künstler. Nach dem Vorbild des italienischen «Flashmob sonoro» sei die Aktion ein «Zeichen für Solidarität und Lebensfreude».

Bundesweit wurden zahlreiche Auftritte gefilmt und im Internet geteilt. In Freiburg ernteten Mitglieder des Barockorchesters nach ihrem Kurzauftritt in einem Hinterhof im Stadtteil Wiehre tosenden Applaus von den Menschen aus den umliegenden Häusern. In Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern) griffen die Schwestern Friederike und Marie (14 und 20) gemeinsam zu den Geigen. Sie wollten «dem einen oder anderen, der es vielleicht hört, eine Freude machen», sagten sie, bevor sie auf den Balkon traten und musizierten. Das Finalwerk aus Beethovens 9. Symphonie ist die «Hymne Europas».

Mit ähnlichen Initiativen machten auch weitere Sängerinnen und Sänger aus der Not eine Tugend. In sogenannten Balkonkonzerten unterhalten sie zumindest ihre Nachbarn. Ebenfalls am Sonntag begann im Wohnzimmer der Künstlerin Mathea ein Konzert, sie streamte es live via Instagram und gab im Laufe des Abends weiter an Michael Schulte, der lediglich über die Kommentare Kontakt zu seinen Fans halten konnte. «Es ist komisch, wenn es so still ist, wenn man fertig ist mit einem Song», sagte er in die Handykamera. Angekündigt waren zudem Wohnzimmer-Konzerte von Lotte, Nico Santos, Álvaro Soler, Max Giesinger und Lea, ehe Johannes Ording aus Hamburg die letzten Songs anstimmen sollte.

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nimmt sich das italienische Balkonsingen zum Vorbild. Sie lädt dazu ein, allabendlich um 19 Uhr «Der Mond ist aufgegangen» zu singen oder zu musizieren. «Jeder und jede kann mitmachen, denn singen verbindet und tut gut», warb die EKD für ihre Aktion.

 

Balkonkonzerte in Sachsen

Dresden - Als Zeichen der Solidarität und Lebensfreude haben Musikerinnen und Musiker am Sonntagabend auch in Dresden die von Beethoven vertonte «Ode an die Freude» gespielt. Auf Balkonen und aus Wohnungsfenstern heraus erklang der «Klassik-Hit» und fand Applaus der Zuhörer, die von ihren Fenstern aus lauschten. In ganz Deutschland waren Künstler aufgerufen, dem Vorbild aus Italien mit dem «Flashmob sonoro» zu folgen.

Im Innenhof des Wohnhauses von Heiko Mürbe, Bratscher in der Dresdner Philharmonie, formierte sich spontan ein Mini-Orchester. Mürbe hatte sich mit Frau (Flöte) und Sohn (Geige) auf dem Balkon platziert, auch ein Kontrabassist, ein Trompeter und eine Geigerin stimmten von ihren Wohnungen aus in die Ode ein. Philharmonie-Konzertmeister Wolfgang Hentrich spielte das Stück mit seiner Tochter auf der heimischen Terrasse in Radebeul.

«Wenn weder Opernaufführungen noch Konzerte mit einem Livepublikum möglich sind, müssen wir zu anderen Mitteln greifen», hatte Stuttgarts Generalmusikdirektor Cornelius Meister im Vorfeld für die Aktion geworben.

 

Pop-Streams aus Berlin

Berlin - Mit einem wegen der Coronavirus-Krise etwas anderen Musikfestival haben mehrere Popmusiker ihre Fans in der häuslichen Isolation begleitet. Sänger wie Johannes Oerding, Max Giesinger, Lotte oder Nico Santos spielten am Sonntagabend insgesamt vier Stunden lang zu Hause und streamten die Auftritte online. Beim «#Wirbleibenzuhause-Festival» schalteten zeitweise bis zu 70 000 Instagram-Nutzer auf dem jeweiligen Profil der Künstler ein.

«Es ist gut, dass ich nicht nach zehn Uhr spiele, sonst würde ich noch Probleme mit den Nachbarn bekommen. Aber die sind eigentlich ganz korrekt», scherzte Giesinger («80 Millionen»).

Die Popstars spielten Gitarre oder Klavier und sangen dabei eigene Songs, aber auch Coverversionen. Santos grüßte mit dem Eagles-Klassiker «Hotel California» seine Eltern, die auf Mallorca leben. «Ich wäre jetzt super, super gerne bei euch».

Der aus Barcelona stammende Álvaro Soler («La Libertad») erklärte, er dürfe seit Tagen das Haus nur zum Einkaufen und Gassi gehen mit dem Hund verlassen. «Spanien ist gerade in einer sehr schwierigen Situation. Wenn ihr nicht wollt, dass das in Deutschland passiert, müsst ihr unbedingt jetzt agieren und fleißig zuhause bleiben.»

Viele Musiker mussten aufgrund der Corona-Epidemie ihre Tourneen in den Herbst verschieben oder ganz absagen. Seitdem melden sich immer mehr Künstler per Livestream, um von zuhause aus zu musizieren.

 

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