Sachsen-Anhalt: Beim Sparen macht das Land der Frühaufsteher vor Theatern nicht Halt


05.07.13 -
Angesichts eines 20 Milliarden Euro großen Schuldenbergs will und muss Sachsen-Anhalt sparen. Die Pläne machen vor der Kultur nicht Halt. Es gibt nicht nur Protest im eigenen Land - auch aus dem Bund klingt Empörung.
05.07.2013 - Von dpa, KIZ

  Magdeburg - Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) ist eigentlich auf Ausgleich und Harmonie bedacht. Doch derzeit muss er sich anbrüllen lassen von Menschen in Kostümen, und selbst Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) lässt kaum ein gutes Haar an ihm. Dorgerloh - selbst Theatergänger und Kulturliebhaber – muss durchsetzen, was die CDU/SPD-Regierung beschlossen hat. Sparen. In Dorgerlohs Fall: bei den Theatern. In diesem Jahr noch zahlt Sachsen-Anhalt den Theatern und Orchestern im Land 36 Millionen Euro. Im kommenden Jahr sollen es nur noch knapp 30 Millionen Euro sein. Die Ansage kommt für die Häuser kurzfristig, schließlich stehen die Spielpläne für die kommende Saison längst. Das Aus für Sparten und eventuell ganze Häuser plant das Land ein.

  Das führt zu Protesten: Ein Schauspieler im himmelblauen Narrenkostüm steht in diesen Tagen zusammen mit etwa 50 anderen Kollegen des Theaters Eisleben vor der Staatskanzlei und protestiert gegen die Kürzungen. Dorgerloh stellt sich der Diskussion, muss sich von dem aufgebrachten Mimen anbrüllen lassen. Ob er nicht Kinder habe, ob sie ins Theater gingen. Geduldig antwortete der Theologe Dorgerloh. Das Aus für die Landesbühne in Eisleben war eigentlich schon besiegelt, denn das Land wollte die Förderung von derzeit 1,3 Millionen Euro schon 2014 auf Null herunterfahren. Nun verkündet Dorgerloh, es gebe für die kommenden Jahre jeweils 750 000 Euro. Dann soll das Theater mit dem Nordharzer Städtebundtheater fusioniert sein.

  Bei jeder Diskussion betont der Kultusminister: «Wir kommen an Strukturreformen nicht vorbei.» Es leben immer weniger Menschen im Land. Die Kassen des Landes und der Kommunen als Träger der Theater und Orchester geben immer weniger her. Auf den Punkt gebracht: Es gebe zu viel Kultur für zu wenige Menschen. Die Vielfalt sei nicht mehr zu bezahlen. Deutliche Worte erntete Dorgerloh dafür von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, weil er neben den Kürzungen bei den Theatern ein neues, 25 Millionen Euro teures Bauhaus-Museum für Dessau plant. 12,5 Millionen Euro sollen vom Land kommen, der Rest vom Bund und anderen. «Theater zu schließen und Erweiterungsbauten zu planen - das passt nicht zusammen», ließ Neumann mitteilen.

  Für Dorgerloh ist das nicht unbedingt ein Widerspruch, denn er will das Profil der Kulturstätten schärfen. In Dessau etwa sähe er gern ein starkes Musiktheater, Schauspiel-Aufführungen könne sich das Haus einkaufen, ein eigenes Ensemble sei nicht unbedingt nötig. Gewurmt hat es den Minister etwa, dass in Dessau und im nicht einmal 60 Kilometer entfernten Halle jeweils Wagners «Ring» inszeniert wurde. Er will mehr Abstimmung, mehr Austausch.

  Bei rund 2,3 Millionen Einwohnern hat Sachsen-Anhalt drei große Theater in Magdeburg, Halle und Dessau mit Schauspiel, Ballett und Musiktheater samt eigenen Orchestern. Hinzu kommen vier kleinere Theater in den Regionen - eines davon ist Eisleben -, sowie ein renommiertes Puppentheater in Magdeburg. Sie alle werden vom Land mitfinanziert, Träger und Finanzierer sind die Kommunen.

  Die stehen nun vor der Aufgabe, zu den finanziellen Vorgaben des Landes die passenden Konzepte auf die Beine zu stellen. Die fehlenden Landesmittel können sie nicht ausgleichen. Die sogenannten Strukturkonzepte sollen die Träger bis Ende September vorlegen, bis Jahresende sollen die Theaterverträge unterzeichnet sein. Die Bühnen Halle etwa sehen sich angesichts der bevorstehenden Theaterferien dazu nicht in der Lage, auch eine mögliche Insolvenz steht im Raum.

  Während gegen geplante Kürzungen bei den Hochschulen Tausende immer wieder auf die Straßen gehen und Geschlossenheit zeigen, sieht es bei den Theatern anders aus. Hier kämpft mehr oder weniger jeder für sich allein. Nach außen ist kaum Solidarität zu erkennen. Das liegt vermutlich daran, dass das Land bei den Bühnen unterschiedlich stark kürzt. Manche Häuser kommen mit Plus-Minus-Null vermeintlich ungeschoren davon - wie etwa Magdeburg, das Theater der Altmark im Landesnorden oder das Theater Naumburg. Bei anderen sind die Einschnitte tief: in Halle fallen von derzeit knapp 12 Millionen Euro Landesförderung fast 3 Millionen weg, in Dessau liegt das Minus ähnlich hoch, 2014 bleiben noch 5,2 Millionen Euro.

  Dorgerloh, der ein moderierender Typ ist, hatte ursprünglich sogar Kulturschaffende verschiedenster Richtungen sowie Politiker, Kirchen- und Wirtschaftsvertreter zu einem Kulturkonvent zusammengerufen. Sie alle sollten Vorschläge für die Zukunft der Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt erarbeiten. Das dauerte länger als ein Jahr. Ende Februar lagen 163 Empfehlungen vor. Eine der herausragenden: Sachsen-Anhalt soll seinen Kulturetat erhöhen.

Dörthe Hein

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