Überlebende der Swinging Sixties: Marianne Faithfull wird 70


29.12.16 -
London - Marianne Faithfull hat keinen Bock mehr. Zu lange wurde sie auf die Rolle als Mick Jaggers Freundin reduziert, findet sie. «Es wäre großartig, wenn die Leute mich als arbeitende Musikerin mit einem unglaublichen Werk sehen könnten», sagte sie «Vanity Fair». «Das ist viel wichtiger als mein sagenhaftes Leben. Das meiste ist eine Lüge, eine Klatschspalten-Version von mir.»
29.12.2016 - Von dpa, Uli Hesse, KIZ

 

Und doch verdankt sie ihre Berühmtheit vor allem der Beziehung mit dem Stones-Sänger, ihre Aura von zügelloser Sexualität einer berüchtigten Drogenrazzia in Keith Richards Landhaus. Dabei lässt die ehemalige Klosterschülerin auf einmal den Pelz fallen, um den anwesenden Polizisten zu demonstrieren, dass sie wirklich nichts zu verstecken habe. Am Donnerstag (29. Dezember) feiert Marianne Faithfull ihren 70. Geburtstag.

Ihre exzentrischen Eltern nennen sie schlicht Marian: Ihr Vater spioniert während des Zweiten Weltkriegs für die Briten und schließt sich später einer Kommune an. Sie wächst bei ihrer Mutter auf, die aus der österreichisch-ungarischen Adelslinie der Sacher-Masochs stammt; auf den Urgroßonkel und seinen Roman «Venus im Pelz» wird der Begriff des Masochismus zurückgeführt. Faithfulls Mutter arbeitet als Busschaffnerin in dem spießigen Ort Reading in der Nähe von London.

Mit 17 entdeckt der Rolling Stones-Manager die Schönheit mit dem Schmollmund auf einer Party und schreibt für sie den Hit «As Tears Go By» mit Mick Jagger und Keith Richards, «den kleinen Song, mit dem die ganze verdammte Sache begann», so Faithfull. Dann geht alles ganz schnell: Ein Jahr später - 1965 - heiratet sie und bekommt einen Sohn, mit 19 rennt sie mit Mick Jagger davon. Die beiden werden zum Traumpaar der Swinging Sixties, reisen, feiern, nehmen Drogen.

Faithfull wird schwanger, aber verliert ihre gemeinsame Tochter in einer späten Fehlgeburt. Schmerz, Trauer und Jaggers Untreue führen zu einer Abwärtsspirale. Ihr Drogenkonsum gerät außer Kontrolle. «Wenn ich Heroin nahm, fühlte ich keinen Schmerz, und das wollte ich damals», sagte sie später der «Daily Mail». Der Stones-Song «Sister Morphine», den sie zusammen mit Jagger und Richards schreibt, reflektiert diese Zeit.

Als Mick Jagger 1971 schließlich seine neue Flamme Bianca am Strand von Saint Tropez heiratet, sitzt Faithfull wegen Drogenmissbrauchs im Gefängnis. Ihr Sohn Nicholas wird ihr weggenommen. «Ich dachte: 'Zum Teufel damit, dann kann ich auch Junkie werden. Kein Grund mehr, es nicht zu werden'.» Zwei Jahre lang überlebt sie obdachlos im damaligen Londoner Rotlicht- und Musikerviertel Soho. «Das China-Restaurant ließ mich meine Klamotten waschen. Der Mann mit der Teebude gab mir Tee», erinnerte sie sich im Stadtmagazin «Time Out».

Ihre helle, melodische Stimme verändert sich, wird rau und tief. Sie ist immer noch alkohol- und heroinabhängig, als sie ihr eindrucksvolles Album «Broken English» (1979) aufnimmt. Erst Mitte der 80er Jahre - mit knapp 40 - wird ihr klar, dass sie als einzige ihrer Freunde in der Drogenschleife hängengeblieben ist. «Ich begriff, dass es mich umbringen würde», sagte sie der «Daily Mail» - und schafft endlich den Entzug.

Seit 1991 arbeitet sie wieder als Schauspielerin, tritt unter anderem in Dublin in der «Dreigroschenoper» auf und bringt zwei Alben mit Songs von Kurt Weill und Bertolt Brecht heraus, darunter «The Seven Deadly Sins». Stolz sei ihre Todsünde, bekennt sie. Den hat sie inzwischen gelernt herunterzuschlucken: Nach einer erfolgreichen Brustkrebsoperation mit knapp 60 überzeugt ihr Sohn sie, fürs Alter vorzusorgen. Deshalb steht sie oft auf der Bühne, tourt und nimmt immer noch Alben auf, zum Beispiel mit Musikern wie Billy Corgan von den «Smashing Pumpkins» oder PJ Harvey. Auch Nick Cave und Roger Waters haben Songs für sie geschrieben - Hauptsache, die Platten verkaufen sich.

Inzwischen lebt sie in Paris und Irland. Am 25. November sang sie in der wiedereröffneten Pariser Konzerthalle Bataclan zum Jahrestag der Terroranschläge. Bevor sie «As Tears Go By» anstimmt, den Song, mit dem alles anfing, steckt sie sich erst mal eine Zigarette an. «I know, I know» sagt sie schulterzuckend zum Gelächter des Publikums.

Der Song hat sie über 50 Jahre lang begleitet, in guten wie weniger guten Zeiten, ist mit ihr gewachsen. Ihre Stimme erinnert nur noch vage an den Engel der Sixties, doch Ausstrahlung und Schönheit sind ihr geblieben - Fluch oder Segen? Beides, sagte sie «Time Out»: «Ich bin froh, dass ich sehr hübsch war, sehr froh. Aber es hat mir eine Menge Ärger eingebracht, nicht wahr?»

 

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