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Der Freischütz am Staatstheater Braunschweig 2026. Ensemble. © Kirsten Nijhof

Der Freischütz am Staatstheater Braunschweig 2026. Ensemble. © Kirsten Nijhof

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„Der Freischütz“ beim Braunschweiger Burgplatz-Open-Air fetzt und ist geistreich

Vorspann / Teaser

Spannend, ernstzunehmend und musikalisch stark: Tobias Wolff setzte zum Start seiner Generalintendanz am Staatstheater Braunschweig auf eine sichere Bank mit Fallstricken vom und fürs Feuilleton. Gilt doch Webers romantische Dialogoper „Der Freischütz“ aufgrund von Teufelspakt, einer durch vermeintliche Larmoyanz schwierigen Frauenhauptpartie und toxischen Jägerchorversen als ähnlich komplexbeladen und nach heutigen Standards unzumutbar wie die wegen patriarchaler Stereotypen im Kreuzfeuer stehende „Carmen“. Die Produktion zum Burgplatz-Open-Air wurde zu einem glänzenden Einstand des von der Oper Leipzig kommenden Generalintendanten Tobias Wolf. Bis zum 19. September gibt es in Braunschweig 18 Vorstellungen.

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Das Publikum sitzt dieses Mal um einen gigantisch breiten Stammrumpf, den Kai Olschewskis Licht in ein mit dunklen Farben pulsierendes Biotop für Menschen, Geister, Aberglauben und das sogenannte Böse verwandelt. Philipp Moschitz packte in seiner Regie das seit seiner Uraufführung zur Eröffnung des Großen Berliner Schauspielhauses 1821 erfolgreiche Stück an den genau richtigen Inhaltsscharnieren. Dazu setzte der neue GMD Friedrich Praetorius mit dem Staatsorchester Braunschweig eine Qualitätsmarke der Extraklasse.

Ominöse Kräfte sind also immer gegenwärtig. Das gilt von Anfang bis Ende. Das Kostümresultat dürfte dem in seiner Leipziger Opernintendanz als Nachhaltigkeitsprophet aufgetretenen Wolff auch gefallen: Die Edeltrachten, Gehröcke, Brokatwesten und Vintage-Dirndln von Claudio Pöhle streifen alle Volksstück- und Landlust-Epochen des 18., 19., 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Da wird man in den nächsten Produktionen vieles wiedererkennen. Die acht Skelett-Lemuren des Tanzensembles bewegen sich nach Sven Niemeyers Choreographie an der Schnittstelle von Gymnastik, Geisterbahn und echtem Grusel. Durchaus im Sinne des dieses Jahr zu seinem 200. Todestag geehrten Carl Maria von Weber und seines Textdichters Friedrich Kind. Moschitz putzt die Schauerballade zur phantastischen Lügengeschichte auf und baut mit sanften Mitteln einer Gamespiel-Ästhetik sanfte Identifikationsbremsen ein. Moschitz münzt den Text stellenweise in heutiges Trendvokabular um und beschädigt ihn nicht, weil er es ernst meint. Ännchen begleitet ihre Romanze vom „schlanken Burschen“ mit Dancefloor-Gestik. Agathe ruft beim um 40 Minuten vorverlegten Erstauftritt lauthals „Papi!“.

Es sei hier nicht verraten, wer den beim Probeschuss versagenden Max bekommt – aber Agathe nicht. Dieses Ende wurde beim Riesenempfang im Burghof nach der Premiere lebhaft diskutiert, weil es trotz des mit vollem Ornat auftretenden und mit voller Stimme orgelnden Eremiten von Magnus Piontek kein korrektes Finale nach christlichem Heilsplan gibt. Der Dualismus steckt hier also auch zwischen dem im Wortsinn ans Gängel-Halsband genommenen Eremiten und dem mit Bombenhöhe und dunkler Aura auftretenden Fürst Ottokar von Zachariah N. Kariithi. Zur Hauptfigur und binären Hyperfrau wird hier der teuflische Dämon Samiel. Mit rotem Hirschgeweih, schlangenartiger Beweglichkeit und viel zusätzlichem Text ist Lina Witte das höllenheiße Zentrum des Abends. Genialisch überspitzen Moschitz und Witte den in bereits mehreren Inszenierungen vollzogenen Genderswitch Samiels vom Mann zur Frau – mit Respekt vor den originalen Dialogen und der Partitur. Der Leichtsinn zum Trendvokabular hat Methode. Er setzt die übersinnliche Dimension der noch immer wichtigsten „Schauer-Oper“ Deutschlands auf den mit Moosen und Wurzeln applizierten Bühnenboden um das Löwendenkmal.

Rainer Mesecke gibt einen trotz Gedankenlöchern noblen Erbförster Kuno. Marie Maidowski opponiert als Ännchen gegen die überlebten Konventionen im Soubretten-Ressort und bringt die Kettenhund-Ballade mit Bratschen-Romanze als Bravourstück einer zweiten Primadonna. Philipp Kapeller hat als feixender Temporär-Schützenkönig die mit Abstand gehässigste Partie. Der Chor ist mit einem deutlich bis penetranten Gegenüber von Jägern auf Frauenpirsch und Ländlerinnen als Waidmannsheil sehr präsent. Johanna Motter zeigt mit den Chorstimmen, dass der ein Zeitgenosse von Schubert und nicht von Wagner oder Mussorgski war. Der patriarchale Wahn gellt eher aus dem Text als aus der hier sehr weich und nobel gestalteten Musik Webers.

Dorothea Herbert gibt der als wichtigste Fachpartie des empfindsam-sentimentalen Soprans verrufene Agathe Farbe, Haltung und Charisma. Agathe wird zur Jägerbraut, die sich vor der Hochzeit nicht traut und deshalb dem Verlobten vor der entscheidenden Prüfung das Bett im Gästezimmer zurechtmacht. Herbert muss auf die zweite Strophe des Gebets verzichten und singt die „verhüllte Wolke“ desto intensiver und berückender. Immer zeigt sie die Hintergedanken der Figur ans Auf und Davon: Die Frau im Zweifel ist zum Schluss herausgeputzt wie die Königin vom Tiroler Blumencorso. Dieser deutsche Prachtso­pran gestaltet das alles deutlich und sticht damit fast den eingangs ebenso fulminanten Max aus. Marius Pallesen klingt zu den immer heftigeren Schuss- und Potenzhemmungen der Partie immer spröder und desorientierter, bevor er am Ende in das von ihm wunderschön gestaltete Finale einbiegt und damit nicht nur Samiel betört. Joshua Bloom singt mit Eleganz und knarzender Höhe einen Kaspar ohne Schlachtfeldstaub oder Kriegstrauma. In der Wolfsschlucht-Szene ist er der mitreißend aufregende Mittelpunkt dieses sonst mit Mendelssohn-Edelfarben gestalteten „Freischütz“.

Schon die Einleitungstakte der Ouvertüre vor dem Hörner-Andante trennt der neue GMD Friedrich Praetorius nicht durch kantige Zäsuren, sondern bringt sie in melodischen Zusammenhang. Einerseits ist dieses singende Blühen der primäre Gestaltungskick dieser Interpretation. Andererseits wird Praetorius mit Kenntnisreichtum und Begeisterungskraft zum unerlässlich präzisen Teamplayer der von der Regie gesetzten Verzahnungen in Dialog, Aktion und Musik. Hier liegt der Reiz also eher im Kantablen als im Bizarren. Einzige Sträflichkeit dieser fulminanten und für alle Szenen zwischen Event und Cancel-Culture gesprächsstoffliefernden Premiere: Dass die Stretta „Auf lasset die Hörner erschallen!“ gestrichen wurde, könnte man als wohlgemeinte ideologiekritische Korrektur auffassen. Tatsächlich kommt’s aber einer musikdramatischen Kastration gleich – gut gemeint und deshalb auf hohem Niveau.

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