Wenn Kunst auf Wirklichkeit trifft – „Ariadne auf Naxos“ mit Vorspiel an der Oper Halle


(nmz) -
Die Neuinszenierung von „Ariadne auf Naxos“ wird an der Oper Halle gefeiert, die Stadt steuerte mit einer Personalentscheidung in Sachen Intendanz ein makabres Vorspiel bei. Joachim Lange berichtet.
24.02.2019 - Von Joachim Lange

Eigentlich wollten Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal nach ihrem „Rosenkavalier“-Coup in Dresden ein Schauspiel und eine Oper zusammen auf die Bühne bringen. Das ging 1912 nicht wirklich gut. Rausgekommen ist die überarbeitete „Ariadne auf Naxos“ von 1916, die wir kennen. Ein Vorspiel mit einer Sprechrolle und ein vergleichsweise kleines, aber kalorienhaltiges Opernbömbchen hinterdrein. Mit einer kleinen Besetzung im Graben, aber doch dem vollen Straussklang. Michael Wendeberg animiert die Musiker der Staatskapelle lustvoll zum Changieren zwischen kammermusikalischer Präzision und voller Stauss-Opulenz. 

Auf der Bühne braucht man vor allem eine fantastische Sopranistin, einen echten Strauss-Tenor und eine Koloratursopranistin der Extraklasse als Krönung eines spielfreudigen Ensembles. Mit Anke Berndt ist die Titelpartie der Oper und die Primadonna des Vorspiels schon mal in der richtigen Kehle. Es ist eine Freude mitzuerleben, wie sich diese Sängerin in den letzten Jahren an diesem Haus entwickelt und immer neue Rollen erschlossen hat. Sie gehört außerdem zu denen, die sich auch darstellerisch auf verschiedene Zugänge zu einer Partie einlassen. Ein bejubelter Glücksgriff in jeder Hinsicht ist die Zerbinetta von Liudmila Lokaichuk – so atemberaubend sicher und leicht hat man in Halle (mal abgesehen von den hier zuweilen aufschlagenden Counterstars bei den Händelfestspielen) schon lange keine Koloratur mehr gehört. Sie bekam ihre Portion Sonderapplaus gleich an Ort und Stelle. Schließlich lieferte Jean Noël Briend als Tenor und dann vor allem als Bacchus (trotz einer professionell ausgetricksten) Erkältung ein Lehrbeispiel dafür, wie man eine so exponierte Strausspartie wirklich gesungen über die Rampe feuern kann, ohne in Kraftmeierei abzugleiten. Aus dem durchweg überzeugenden übrigen Ensemble ragt neben dem liedschön singenden und erzkomödiantischen Martin Gerke als Harlekin, Matthias Koziorowski heraus. Jetzt in der Doppelrolle als Tanzmeister und Brighella. Vielleicht irgendwann mal selbst auf dem Sprung zum Bacchus. Svitlana Slyvia wirft sich nicht nur mit einer vokalen Extradosis dramatischem Verzweiflungsfurors in die Rolle des Komponisten. Sie war in der Inszenierung von Paul-Georg Dittrich auch der Ausgangs- und Endpunkt einer Geschichte über die Grenzen, an die die Freiheit der Kunst immer wieder stößt. Wie an die Vorgaben jenes reichen Auftraggebers der Oper, der im Vorspiel ohne Rücksicht auf Verluste (und die Bedenken der Autoren) einfach anordnet, seinen Gästen die Oper und die ebenfalls bestellte Stehgreifkomödie gleichzeitig – zwischen Dessert und Feuerwerk – zu servieren. Es geht aber nicht nur um die Komödie mit (allgemein gültigem) Hintersinn, samt Zickenkrieg und Künstlerknatsch, die sich daraus entwickeln. Es geht auch um die Kunst selbst, die Sublimierung von Ängsten, das Subjektive, dass allemal in die Werke einfließt, ja sie ermöglicht. 

Es wird nichts an der Videoallergie mancher Zuschauer ändern, aber diesmal waren gerade jene Sequenzen mit denen zu Beginn des zweiten Teils der Komponist und Ariadne zeigen, wie der Künstler seine Todessehnsucht in einer Art Wachtraum in „seine“ Ariadne projiziert, exzellent gemacht. Sie sind auch tatsächlich eine Blickerweiterung.  

Das zu Beginn projizierte „Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich von Sinnen?“ (Prinz von Homburg) wies die Richtung. Sebastian Hannak hatte das Vorspiel in einen Raum verlegt, dessen Hintergrundprospekt die Neujahrskonzert-Kulisse der Wiener Musikvereins (ohne Blumen und Philharmoniker) abkupfert. Der Haushofmeister, als die Stimme des bzw. der Geldgeber, kommt hier gleich fünffach. Ein paar Mal verweisen Einspieler auf Fälle, wo sich die Eingriffe in die Kunst sich nicht auf kleine Veränderungswünsche (oder das Feuern eines zu wagemutigen Intendanten) beschränken. Strauss selbst nörgelt da über Wien, Bulgakow, Brecht und Ai Wei Wei werden als Beispiele aufgerufen. 

Im zweiten Teil geht der Blick dann konsequent nach innen. Jetzt ist es ein silbern ausgeschlagener rätselhafter Kunst-Raum irgendwo zwischen Wachen und Träumen. Mit ein paar David-Kopien, der todessehnsüchtigen Ariadne sowie Zerbinetta und ihren vier Verehrern und Kollegen von der anderen, eher leichten Fraktion. Selten erlebt man diesen Teil so klar auf die Sänger und ihren Text fokussiert. Selten hat jemand den Mythos so eindringlich als Versuch eines Künstlers genommen, mit sich selbst klarzukommen; und dabei szenisch ohne jedes Reiche-Leute Klischee der Opulenz der Musik subtil zu entsprechen. Bacchus kommt wie ein selbstverliebter Star im Gegenlicht der Scheinwerfer und setzt sich vor allem selbst in Szene. Er und Ariadne reden konsequent aneinander vorbei. Am Ende torkelt der Komponist ganz benommen auf die Szene und ersticht Ariadne, aber eigentlich sich selbst. Dass Kunst lebensgefährlich sein kann, wird so zu einer unerwarteten Pointe, einer packenden Inszenierung. Die in ihrer Melange aus gedankenscharfer Offenheit und subtiler Opulenz obendrein haargenau in jene Hallenser Operndramaturgie passt, der der Aufsichtsrat der TOOH nach 2021 die Luft abgedreht hat. Der Jubel nach dieser Premiere war jedenfalls verdient und einhellig!

Vorspiel der Hallenser Fassung …

Wendet man den Blick vom Opernhaus in Halle Richtung Rathaus, dann war dieser Premierentag näher an der ursprünglichen Intention von Strauss und Hofmannsthal, als man auf den ersten Blick vermuten konnte. Es gab nämlich ein Vorspiel ohne Musik. Als Kombination aus Provinzposse und Tragödie. 

Hinter den Kulissen – im Rathaus – wurde ein Art Shakespeare mit Laiendarstellern gegeben. Irgendwas zwischen Macbeth und Richard III. Auf die Rolle der Lady hat die CDU den ersten Zugriff und bei Gloucester genügt das R. des Namens für die Traumbesetzung. Der TOOH Geschäftsführer Stefan Rosinski ist jedenfalls triumphierender Sieger. Zum Glück fließt auf der Politbühne nicht wirklich Blut. Es gibt ja Spielregeln. Aber Opfer gibt es. Vor allem die Erneuerung der Oper jenseits jeder Provinzialität. 

Was mit einer kleinen gezielten Zahlen-fake news begann, alle Ressentiments gegen die Moderne auf der Opernbühne mobilisierte und nutzte, mit einer konsequenten Personalpolitik und Netzwerken weiterging, von Heckenschützen-Tweets aus dem Orchestergraben unterstützt wurde, gipfelte jetzt in der Nichtverlängerung des Vertrages für den Opernintendanten Florian Lutz über 2021 hinaus. Eine aparte Fußnote am Rande: die von Stefan Rosinski favorisierte und nach der Verabschiedung des alten GMD nach Südamerika neu berufene GMD schaltet sich, noch bevor sie in Halle richtig angekommen ist, mit einem Brief an den Aufsichtsrat in den Streit ein, und votiert für die Nichtverlängerung. Die Empfehlung seine Talente andernorts zu entfalten, die schon in der Regionalpresse nachzulesen ist, grenzt schon – ziemlich unfranzösisch an Zynismus.

Kurzum: diese Hallenser Fassung des Vorspiel zu Ariadne ist für die vielen Freunde der Erneuerung der Oper, die Florian Lutz bereits in seinen beiden ersten und der laufenden Spielzeit ja auch gewonnen hat, und für den Kulturstandort Halle eine mittlere Katastrophe. Für den Geschäftsführer der GmbH Stefan Rosinski, der mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen diesen Kurs gearbeitet und genetzwerkt hat und seine Verbündeten ist es ein Triumph. Außer den Grünen und dem OB sind die von CDU (das die entsprechende Stadträtin gegen Lutz war, wusste jeder) SPD und Linken dem Vernehmen nach alle umgekippt. Doch Florian Lutz hat nichts falsch gemacht, hat künstlerisch geliefert, wofür er engagiert wurde, ist auf das Publikum zugegangen, war und ist immer präsent. Und auch die tatsächlichen Zahlen sind kein Argument gegen die Opernleitung. Nicht er ist an Halle gescheitert, sondern Halle an ihm. Aber nicht „die Stadtgesellschaft“, sondern der kleinmütige Teil davon, der die Macht hat, seinen Geschmack durchzusetzen.

Eine strukturelle Ursache für den exemplarischen Theaterstreit bleibt die Konstruktion der TOOH. Mit einem neunköpfigen Aufsichtsrat, der am liebsten verborgen vor der Öffentlichkeit auch die Entscheidungen über den Kurs der Oper fällen kann, und ein Geschäftsführer der machtpolitisch defacto schon der Generalintendant ist. Aller Lyrik über künstlerische Freiheit des Intendanten zum Trotz. Für den Posten stünde Rosinski wohl sicher bereit, wenn ihn eine Hilfe suchende Bürgerschaft darum bäte (bei Shakespeare sind ja die Londoner so frei und drängen Gloucester die Krone geradezu auf). Man kann nur hoffen, dass Halle dieser Schlag ins Kontor erspart bleibt. Auch Rosinskis Vertrag ist nicht in Stein gemeißelt. Bis der zur Verlängerung oder Nichtverlängerung ansteht, kann die Theaterrepublik beruhigt sein. Zumindest vor einem Stefan Rosinski muss sie sich nicht fürchten. Der ist in Halle beschäftigt.

Wer allerdings Lust hat auf eine spannende Erneuerung der Oper und ein Leitungsteam sucht, der kann sich gerne mal in Halle umhören, wie man das macht.

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