Frischer, pfiffiger Genuß für alle Sinne

Das 26. Internationale New-Jazz-Festival in Moers vom 16. bis 19. Mai


(nmz) -
Ein Artikel von Uwe Plien

Weite Hose, aus der Mode geratene Sandalen und aufgeknöpftes Hemd: Tom Cora schleicht lässig durch das Zirkuszelt indem sich über Pfingsten beim 26. Internationalen New-Jazz-Festival in Moers vier Tage lang die improvisierende Avantgarde ein Stelldichein gibt.
Fans grüßen ihn an jeder zweiten Ecke, und mit Journalisten muß er hie und da ein Pläuschchen halten oder ihnen Interviews geben. Cora kehrte im Laufe der vergangenen 15 Jahre immer wieder in die JazzStadt Moers am Niederrhein zurück - mal mit der „Skeleton Crew“ im Verein mit Tausendsassa Fred Frith und der Harfenistin Zeena Parkins, mal mit den Amsterdamer Schräg-Punkern von „The Ex“. Der musikalischen Wiederholungstat wurde Tom Cora dabei nie überführt. Seine Beiträge hatten immer Pfiff, waren frisch, ideenreich und unkonventionell. Dieses Jahr machte er keine Ausnahme. Im Verein mit Stimmwunder Phil Minton, Baßgitarrist Luc Ex und Schlagwerker Michael Vatcher zeigte das unter „Roof“ firmierende Quartett Spaß am Geräusch, setzte Vertrauen in die singende Säge und riskierte gar einen Schlenker in TangoNuevo-Gefilde.

Cora hatte vom Künstlerischen Leiter des Festivals, Burkhard Hennen, eine „Wild Card“ erhalten, durfte an drei Festival-Vormittagen mit Musikern seiner Wahl Projekt-Werkstätten gestalten. „Diese Projekte sind es, sie machen Moers aus“, bekannte der Cellist später. „Dorthin kommt das Publikum nicht allein, um zuzuhören, sondern um etwas über Musik herauszufinden.“ Fürwahr: Cora in Moers - das war ein Genuß für sämtliche Sinne.

Das ließ sich leider nicht von allen Beiträgen dieser 26. Pfingst-Serenade behaupten. Das wiederbelebte „Sun Ra Arkestra“ des 1993 gestorbenen BandLeaders Sun Ra swingte wie eine bessere Rentnerband in einem Las-Vegas-Hotel. Langweilig. Oder Tyrone Browne. Der vorjährige Solo-Auftritt des Kontrabassisten war den Festival-Machern in so guter Erinnerung geblieben, daß sie den 57jährigen noch einmal einluden. Sein String-Sextett hinterließ jedoch einen zwiespältigen Eindruck, klang es doch eher nach süffisantem Kurhaus-Gefiedel denn nach intelligent produzierter Improvisations-Kunst. Einfallslos.

Hinter den Erwartungen zurück blieben auch das aus Wettergründen reduzierte, multimediale Heißluftballon-Projekt „In The Air - On The Air“ des Aktions-Künstlers Detlef Brenken und die als kleine Sensation angekündigte Show von Foley, dem letzten Baß-Gefolgsmann von Miles Davis. Mit seiner Band rockte das weiß gewandete Unikum der tiefen Töne schwer ab - leider nur mit Funk-Chart-Material der 70er Jahre. Wenn schon Tanzmusik, dann sollte es schon welche sein, die richtig in die Füße schießt und den Kopf frei hält für kompliziertere Riffs und Licks. Die Band des Saxophonisten Mars Williams, „Liquid Soul“, war so ein Fall: Soul As Soul Can hätte das Motto dieser kleinen, großartigen Bigband lauten können. Zugabe! Für Kopfmusik war dann wiederum James Carter zuständig. Der jetzt 27jährige zog das Publikum im Festival-Zelt schnell und mühelos auf seine Seite und wurde für seine wenig eingängigen, äußerst anspruchsvollen Phrasierungen heftigst umjubelt. Obwohl er „richtigen“ Jazz spielt, das muß man in Moers immer dazu sagen. Diese Art von advanced Jazz, wie der Detroiter und seine drei kongenialen Begleiter Craig Taborn (Keyboards), Tani Tabbal (Drums) und Jaribu Shahid (Baß) in Anknüpfung an die Sounds von Lester Young, Charlie Parker und John Coltrane bevorzugten, fristete nämlich auch in diesem Jahr wieder ein Schattendasein unter der Zirkuskuppel. Anderes rangelte um die Streicheleinheiten von Publikum und Presse; allzuoft leider Plakatives, Schrilles, Inhaltsleeres, Dagewesenes. Carters Name führte die Liste der Bands auf dem Werbeplakat auch deshalb an, weil die eigentlichen Wunschkandidaten des Festival-Leiters Burkhard Hennen nicht zu bezahlen gewesen waren. Ein Festival, in dessen Finanzplan der Gagen-Etat für die Künstler nur noch mit einem Sechstel veranschlagt wird, ist zwangsläufig auch ein Festival der kühnen Rechenkünste. Im Sinne des Erfinders ist so etwas sicher nicht. Glücklicherweise stimmten „im Jahre 1 nach 25“, so der Moerser Kulturdezernent Siggi Ehrmann, wieder die Besucherzahlen. Etwa 3.300 zahlende Fans wurden durchschnittlich an jedem der vier Tage gezählt.

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