Blickkontakt zurück, Fokussierung des Neuen – Bálint András Vargas „Drei Fragen“-Projekt als Spiegel der Stilvielfalt und der Selbstvergewisserung


(nmz) -
„… beseelte Besen des unglückli­chen Zauberlehrings“: Im Jahr 1893 schreibt Hugo von Hofmannsthal mit Unbehagen über sein Ringen um eine klare ästhetische Kontur, deren Zielrichtung durch die, aus der Vergangenheit in die künstlerische Gegenwart ragenden, zerklüfteten Gedankengebirge in hohem Maße der Orientierungslosigkeit preisgegeben ist. Aggressiver noch liest sich das Jahre später bei Franz Marc, wenn er für den „Blauen Reiter“ schreibt: „Noch liegt das weite Land voll Trümmer, voll alter Vorstellungen und Formen, die nicht weichen wollen, obwohl sie schon der Vergangenheit gehören. Die alten Ideen und Schöpfungen leben ein Scheinleben fort, und man steht ratlos vor der Herkulesarbeit, wie man sie vertreiben und freie Bahn schaffen soll für das Neue, das schon wartet.“
Ein Artikel von Florian Heigenhauser

Die Selbstzweifel Hofmannsthals und die radikal-avantgardistische Gebärde Marcs beleuchten das Dilemma, in dem sich künstlerisches Wirken seit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert eigentlich bis heute trotz aller postmodernen „Lockerungen“ verfangen hat: Wie sind der kreative Blickkontakt zurück und die Fokussierung des Neuen und Unverbrauchten ins Verhältnis zu setzen? Wann ist das individuell gefilterte Wiederaufgreifen des bereits Gedachten die bessere Entscheidung als der vermeintlich radikale Schnitt? Wo beginnt die Abwärtsspirale der redundanten Selbstwiederholung innerhalb des eigenen Schaffens? Auf diese ästhetischen „Schlachtfelder“ – und etliche „Nebenschauplätze“ – werden Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts seit über drei Jahrzehnten durch Bálint András Vargas vermeintlich unverfängliche drei Fragen gelockt … und es ist dem Leser ein Vergnügen, mitzuverfolgen, wie sie sich in der Auseinandersetzung mit diesen Fragen „schlagen“.

Drei Fragen, die vielleicht auch andere sein könnten und dem Musikpublizisten und vielfachen Komponisten-Vertrauten in ihrer spezifischen Ausformulierung doch als bewährtes Movens dienen in dem Sinne, dass Kreative über ihre Motive, ihre Wurzeln, die Psychologie ihrer Kreativität sprechen, dabei aber auch häufig mehr oder weniger bewusst ihre Ängs-te, Zweifel und Eitelkeiten offenbaren. Varga, „Promoter“ im Dienste der Neuen Musik bei der Editio Musica Budapest und später der Universal Edition, ist mit dem vorliegenden Band bei der dritten Version seines Interview-Projekts angelangt, wobei auch diese Neuausgabe ihr eigenes Gesicht bekommen hat. Wurde in den ersten Ausgaben die Musik Ungarns stärker fokussiert (Ausgabe 1986) beziehungsweise wieder etwas aus dem Blickfeld genommen (Ausgabe 2011), so kommen nun auch verstärkt Komponisten aus dem deutschen Sprachraum und der jüngeren Generationen zu Wort. Viele der arrivierten Heroen wurden in den älteren Ausgaben vor dem eigentlichen Interview porträtiert. Manchmal geschieht dies auf sehr individuelle, manchmal geradezu berührende Weise, welche sich aus persönlicher Beziehung und Generationszugehörigkeit von Autor und Künstler herleiten lässt. Konsequenterweise verzichtet Varga deshalb auf unpersönliche Lexikonartikel zu den Komponisten, die er nicht kennenlernen konnte und ersetzt sie durch Porträts ihrer Musik, entsprechend den Ausschnitten ihres Schaffens, die seinen individuellen Hörhorizont prägen konnten.

Musik wird nun also von ihren Schöpfern „zur Sprache gebracht“. Anders aber als im gleichnamigen Sammelband ästhetischer Texte, die Carl Dahlhaus in den 1980er-Jahren veröffentlichte und kommentierte, wirken die Antworten der Komponisten im formal freieren Rahmen des Interviews und durch den permeablen Charakter der Fragen persönlicher und manchmal auch deutlich noch auf der Suche befindlich. Von der knappen Replik bis zur ausufernden Suada, die Befragten präsentieren sich in großer Bandbreite von der blanken Verweigerung, der minimalistischen Antwort bis zu längeren Disputen, die nicht selten in raumgreifende Interviews über das ursprüngliche Dreifragen-Modell hinaus münden. Alles ist möglich – und gerade darin liegt eben der Reiz des Konzepts.

Sowohl durch vergleichendes Hin- und Herblättern, punktuelles Lesen, wie auch durch Vertiefung; hier lässt sich das abendländische musikalisch-kreative Denken des späten 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts bezogen auf das Genre „Neue Musik“ in einem Band aus erster Hand sprach-sinnlich nachvollziehen.

Bei aller Freude aber über die Vielfalt des Gebotenen: Es fehlen einem, wie ja auch Varga selbst konstatiert, etliche, für eine umfassende Rundumschau eigentlich unverzichtbare Kreativ-Schwergewichte, wie beispielsweise Messiaen, einer der kompositorischen Fixsterne des 20. Jahrhunderts. Ein freilich unerfüllbarer Wunsch wäre es, die Einlassungen moderner Klassiker wie Stravinsky, Bartók, Britten oder Webern oder auch solcher Eigenbrötler wie Ives, Satie oder Sibelius auf genau jene Fragen in Beziehung zu ihren Nachfolgern setzen zu können. Spannend wäre vor allem aber die Erweiterung des Blickfeldes durch den Einbezug der Protagonisten aus anderen Genres. Dies sind aber natürlich nur Begehrlichkeiten, die aus der Lektüre und dem Wunsch nach immer weiter greifender Vernetzung entstehen, denn klar ist auch, dass das Langzeitprojekt aus des Autors ureigenstem Betätigungsfeld heraus entstanden und in Authentizität kontinuierlich gewachsen ist.

Immer wieder erstaunt einen bei der Lektüre, wie deutlich so mancher knapp und präzise gehaltene Text dem Gegenentwurf, also dem weitläufig mäandernden Format an Trennschärfe und Darstellungskraft überlegen sein kann und dadurch Konzepte und Selbstwahrnehmung des jeweiligen Interviewpartners unter Umständen plastischer werden lässt. Was aber wiederum nicht heißt, dass Ausführlichkeit nicht eindeutig Flagge zu zeigen im Stande wäre: Stockhausen beispielsweise schafft es, als Promoter des eigenen Werkkatalogs und des Postulats nach dem kompromisslos immer Neuen in jeder der drei Fragen langatmig-affirmativ aufzutreten. Sie werden zur Projektionsfläche seines Werks umfunktioniert und entsprechend ausgerichtet.

Einfach herrlich ist es dann, an dieser Stelle zu Cage und seinem Text zu „switchen“: In lakonischer Knappheit – hier Faulheit zu unterstellen wäre nur theoretisch sinnvoll – konzentriert sich seine Idee von der Vermeidung jeglicher Ichbezogenheit im Schaffens-prozess und lässt all das, was er ab den 50er-Jahren in Gang gesetzt hat, quasi nonverbal zwischen den gerade mal zehn Zeilen schweben.

Hier steht ihm der elegante Sprachstilist Henze in nichts nach; auch er, dessen geschliffene Feder, aber auch die barock-ausufernde Wortgewalt ja allbekannt sind, setzt auf die Reduktion, die weitergedacht werden muss. Varga insistiert bei knappen Antworten immer auf Ausführlichkeit und man muss sich fast freuen, dass ihm dieser Wunsch oft nicht erfüllt wird.

Hier in der Folge im Telegrammstil noch einige Häppchen, quasi als „Gruß aus der Küche“, als Anregung für den Genuss der gesamten Menüfolge von 73 Interviews mit allen kulinarischen Glanzlichtern und Geschmackstrübungen: Erstaunen und Öffnung neuer Räume allerorten, aber hie und da auch eine Prise Enttäuschung. Lutosławski beispielsweise, der schon fast als ein Impulszentrum des Gesamtprojekts bezeichnet werden darf, präsentiert sich zumindest seiner Formulierung nach als erstaunlich leichtgewichtig in der Einschätzung stilistischer Genese barocker und klassischer Komponisten.

Große Klarheit und Fasslichkeit hingegen zusätzlich zum bekannten assoziativen Reichtum in Ligetis Sprache, amüsant auch seine Aufarbeitung der „Kubrick-Episode“. Erstaunliches wiederum bei Widmann: Nicht der erwartete Schumann als inspirierender „Übervater“ wird bemüht, sondern – im avantgardistischen Sinne ganz „brav“ – Boulez, Messiaen, Lachenmann und dann auch noch Miles Davis, der ganz sicher vieles (bedeutendes) war, aber nicht „einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts“ … und der dies auch nicht für sich in Anspruch nahm (aber das wäre eine andere Geschichte).

Und wie die alles lenkenden Fragen nun eigentlich lauten? Dazu der Tipp des Rezensenten: Der geneigte Leser möge mit der Lektüre der Interviews beginnen und sich die exakte Formulierung der Fragen im Umkehrschluss ableiten. Ein zusätzliches vergnügliches Spiel.

Ein Buch zum Lesen, der Selbstreflexion genauso wie der Information dienend. Ein Buch, auch als Spiegel von retrospektiv und vorwärtsgerichtet geprägter Stilvielfalt, als Zeugnis von Selbstsicherheit bis hin zur Selbstzufriedenheit, aber auch von Verunsicherung und daraus resultierender verbaler Rechtfertigung – und in diesem letzten Punkt dem eingangs zitierten Hofmannsthal’schen Bild doch irgendwie nahe. Ein Buch, welches beglückt, erstaunt und schon auch mal verärgert, vor allem aber den Hunger nach dem immer wieder Nachhören des zur Sprache Gebrachten (auch der genannten Vorbilder) bald unstillbar macht. Hier muss dann Sprache endlich verstummen.

Bálint András Varga: Drei Fragen an 73 Komponisten. Aus dem Englischen von Barbara Eckle, Fotos von Charlotte Oswald. ConBrio Verlagsgesellschaft, Regensburg 2014, 416 Seiten, € 29,90, ISBN 978-3-940768-42-1

Beschriebene Rezensionsobjekte: 

Drei Fragen an 73 Komponisten

  • Bálint András Varga
  • ConBrio Verlagsgesellschaft, Regensburg
  • 416 S.
  • ISBN 978-3-940768-42-1
  • 29,90 Euro
  • Aus dem Englischen von Barbara Eckle, Fotos von Charlotte Oswald.

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