Abschiede von Charlottenburg – Drei letzte kleine Produktionen der Staatsoper


(nmz) -
Nachdem Jürgen Flimm Jahr um Jahr auf den Einzug in die „Staatsoper Unter den Linden“ warten musste, sieht es derzeit gerade so aus, als könnten er und sein Ensemble sich von Charlottenburg nicht trennen. Tatsächlich war für ihn, den geborenen Theatermann mit Schwerpunkt Schauspiel, das Schillertheater ein wichtigerer Ort als für viele der vordem im Ostteil der Stadt engagierten Mitarbeiter der Staatsoper.
14.07.2017 - Von Peter P. Pachl

Die Kulturstätte an der Bismarckstraße war aufgeladen mit vielfältig historischer Bedeutung: die in der NS-Zeit von Heinrich George geleitete, während des „totalen Krieges“ geschlossene und während des „kalten Krieges“ als führendes Schauspielhaus West-Berlins und Westdeutschlands hochgehaltene Bühne war nach der Wiedervereinigung das erste Theater, das geschlossen wurde – als ein fragwürdiges „gutes Beispiel“ einer bundesdeutschen Schließnotwendigkeit der offenbar nur im geteilten Deutschland für wichtig erachteten Vielfalt an Theatern und Pluralität an künstlerischen Ensembles.

Mit immens vergrößertem Orchestergraben wurde die berühmte Schauspielstätte im Jahre 2010 zum Ersatz- Staatsopernhaus, in welchem, trotz der vergleichsweise geringen Bühnentiefe, technisch überzeugendere Lösungen erzielt werden konnten als vordem – angesichts verrotteter Bühnentechnik – Unter den Linden. Mit dem Flair internationaler Koproduktionen sorgte Flimm, bei häufig nur wenigen Reprisen, selbst bei ungewöhnlicher Stückwahl und eigenwilligen Inszenierungsansätzen, im kleineren Auditorium des Schiller Theaters für ausverkaufte Reihen und erwies sich dabei im Wechselspiel von Innovation und Redundanz glücklicher als seine Kollegen schräg gegenüber, ebenfalls in der Bismarckstraße, an der Deutschen Oper Berlin.

Mit dem Zitat aus Richard Wagners „Der fliegende Holländer“, „…und abermals verstrichen sind sieben Jahr“ hat der Hausherr, gemeinsam mit seinem Dramaturgen Detlef Giese, einen 296-seitigen Bildband veröffentlicht, der in halbseitigen Farbfotos an alle Produktionen erinnert, die von 2010 bis 2017 im Schiller Theater, inklusive deren Nebenspielstätten, zu erleben waren. (DOM publishers Berlin 2017, ISBN 978-386922-627-9)

„Eine kleine Sehnsucht“

Kurz vor Ende der Schiller Theater-Ära produzierten Ensemble- und Chormitglieder der Staatsoper an der legendären Anbandelungsstätte für Kriegerwitwen und andere alleinstehende Frauen, dem 1966 eröffneten Café Keese in der Bismarckstraße, eine nostalgische Revue. Liebes- und Eifersuchtsszenen, die sich an diesem Ort zwischen den ausschließlich von den Damen selbst aufgeforderten Tänzern abgespielt haben, werden in Beate Barons Inszenierung zwischen den an den kleinen Tischen sitzenden, echten und gespielten Gästen gespiegelt, Einsamkeit und Beziehungsprobleme verschiedener Paare oder alleinstehender Frauen. Daniela Ziegler als Besitzerin des Cafés, steuert gekonnt Chansons bei und wirft ihre Beine, und Ralph Morgenstern kellnert so geschickt, als wäre diese servierende Funktion des tröstungsbereiten Mitarbeiters schon lange sein Hauptberuf. Katharina Kammerloher zeigt als Madame Matthu mit roter Stola weitere Facetten ihres Könnens, insbesondere im Streit und in einer erotisch angehauchten Versöhnung mit Adriane Queiroz als Nancy. Der Abend unter Kai Tietjes musikalischer Leitung am Klavier, unterstützt von Akkordeon, Gitarre, Violine, Violoncello und Kontrabass, zeugt von musikalischer Raffinesse in der Vermischung von Melodien der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre. Immer wieder verwoben durch leidenschaftliche Tangoklänge Alfred Piazzollas, wird die Erotik zwischen Necken und Sticheln musikalisch intensiviert, garniert mit Texten von Daniil Charms, Mascha Kaléko, Erich Kästner, Else Lasker-Schüler und Kurst Tucholsky. Prägnanten Nummern von Hollaender, Kollo,  Spoliansky und Weill stehen Auszüge aus Opern gegenüber, welche in den sieben Flimm-Jahren im Schillertheater zu erleben waren: Querverweise zu Staatsopern-Produktionen von Purcell bis Strasnoy steigern diese Verabschiedung „vom liebgewonnenen Charlottenburger Kiez“ zu einem kurzweiligen Erlebnis.

„Der kleine Prinz“

Die Grundlagen des heutigen Musiktheaters wurzeln auch im Schauspiel. Das machte die Abschlussproduktion der Jüngsten der an der Staatsoper wirkenden Akteure deutlich, des Staatsopernjugendklubs 1, der seinen in dieser Saison an jeweils einem halben Tag der Woche erarbeiteten Workshop wiederholt auf Probebühne 1 darbietet. Nur wenige repetierende Klaviertöne der pädagogisch mitverantwortlichen Luisa Splett und ein Unisono-Abschlussgesang wären allerdings auch für eine Jugendclub-Produktion eines Schauspielensembles hinreichend – wäre da nicht der jüngste (und einzige männliche) Darsteller Niklas Mix, der in der eigenwilligen Umsetzung der Jugendlichen unter der Leitung von Romand Favereau nicht nur den Kleinen Prinzen und den Eitlen, sondern auch die Violine spielt und mit gefiedelten Motiven den Bogen von Saint Exupery zu Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ schlägt.

„Ouropera“

Etwas mehr Musik gab es dann am tatsächlich vorletzten Abend bei der zugleich de facto letzten Premiere. Deren Titel „Ouropera“ alludiert John Cages „Europera“. Die Handlung macht das Vorfeld einer fiktiven Premiere in der Staatsoper selbst zur Spielhandlung. Lydia Schmidt hat die Werkstatt als Breitwandbühne mit neun Partytischen und rotem, an die Wand drapiertem Vorhang als ein fiktives Opernfoyer gestaltet. Knapp 30 junge Zuschauer – der Staatsopernjugendklub 2 und der Jugendchor – warten auf den Vorstellungsbeginn. Eine lange Schlange vor der Toilette, aus der Gesang ertönt und – ebenfalls im behaupteten Foyer – eine Tänzerin sowie ein Plappermaul, das sein zukünftiges Leben bis zur eigenen Asche in den Amuletten seiner präsumtiven Kinderschar umreißt und von einem eigenen Denkmal träumt, das der Juppie-Dame vor dem Brandenburger Tor, dieses an Höhe überragend, dereinst errichtet werden soll. Drei Herren unterschiedlich (jungen) Alters schwadronieren langatmig fremdsprachig über deutsche zusammengesetzte Fachbegriffe. Dazwischen Klänge von Bach („Kaffeekantate“), Queen und Freddy Mercury und – eingespielt – der „Wach auf!“-Chor aus den „Meistersingern“, wozu dann alle Darsteller*innen ihre Lippen stumm bewegen. Eine aus Programmheften abgelesene Befragung eines Solisten könnte als philosophischer Tiefgang über den Gegensatz zwischen eigener und rollengerechter Intention verstanden werden, denunziert aber gleichermaßen Opernbesucher*innen wie Opernsänger*innen. Gleichwohl kommt solches Geplänkel bei den im Premierenpublikum vorherrschenden Angehörigen der jungen Mitwirkenden gut an. Doch das Zufallsprinzip in Cages Spielvorlagen ist origineller als die von den Adrienn Bazsó und Panagiotis Iliopoulos zugleich konzipierte und inszenierte, von Frank Flade und Iliopoulos unsichtbar musikalisch geleitete Produktion.

Dass sich in ihrer Abendkleidung die nur fünf männlichen Darsteller genauso wie alle Damen heftig pudern und die Lippen rot schminken, zielt möglicherweise auf die bei der Komischen Oper besser als an der Deutschen Oper funktionierende Erfolgsmasche.

Das aus dem Off ertönende „Silentium!“ der Lehrbuben hätte auch diesem Nachwuchs für „Unsereoper“ zu denken geben müssen. Gleichwohl ist es Jürgen Flimms Staatsoper im Schiller Theater gelungen, in dieser Saison eine Auslastung von 90 Prozent zu erzielen.

  • Weitere Aufführung „Ouropera“: 14. 7. 2017

 

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