Antike Helden von heute, vereinsamt: „Les Troyens“ von Hector Berlioz am Staatstheater Nürnberg


(nmz) -
Zweimal Berlioz’ Trojaner an einem Wochenende: Nach der Dresdner Aufführung feierte die Grand Opéra auch am Staatstheater Nürnberg Premiere. Calixto Bieito inszenierte eine stark gekürzte Fassung – eine weitgehend vertane Chance findet unser Autor Juan Martin Koch:
09.10.2017 - Von Juan Martin Koch

Wie sein großer Namensvetter Hector sei er an den Mauern Trojas gestorben, hat Charles Gounod einmal über Hector Berlioz gesagt. Damit hat er ein wenig übertrieben, aber einen wahren Kern getroffen. Die Auseinandersetzung mit seinem monumentalen Meisterwerk über den Untergang Trojas und den Aufenthalt der Trojaner in Karthago hat Berlioz beinahe sein ganzes Leben über begleitet: von seiner Jugend, als sein Vater ihm aus der Aeneis vorlas, bis kurz vor seinem Tod, als er vergeblich darum kämpfte, das gesamte, 1863 vollendete Werk auf der Bühne zu sehen. Zu Lebzeiten wurde nur der zweite Teil, stark gekürzt und unzulänglich, aber immerhin erfolgreich aufgeführt.

Stark gekürzt und unzulänglich: Das wäre ein etwas übertriebenes, im Kern aber nicht von der Hand zu weisendes Diktum zur Nürnberger Produktion der „Trojaner“. Mit ihr läutete Peter Theiler die letzte Saison seiner Intendanz am Staatstheater ein, die der französischen „Grand Opéra“ und ihren Verwandten erfreulich viel Platz eingeräumt hat. Leider haben er und Generalmusikdirektor Marcus Bosch es zugelassen, dass Regisseur Calixto Bieito die grandiose, in der Abfolge von Arien, Ensembles, Chören und Instrumentalnummern genau ausbalancierte Berlioz-Partitur auf gut drei Stunden Spieldauer eingedampft hat. Wie wenig er sich für sie interessiert, beweist er auch in der Pantomime „Königliche Jagd und Sturm“ zu Beginn des vierten Aktes, wo er das orchestrale Glanzstück der Oper von den Choristen unrhythmisch zertrampeln lässt, oder am Ende, wenn diese zu den zerbrechlichsten Abschiedsseufzern der Dido lautstark aus dem Hintergrund heranrobben.

Dabei hatte es ganz ordentlich begonnen: Das von einem Kind auf Papier gemalte, bald blutrot bespritzte Pferd war ein durchaus prägnantes Bild für den ersten Teil. Halbwegs plausibel auch, wie Bieito die Trojaner als ein vom Krieg traumatisiertes Volk mit umgeschnalltem Sprengstoff zeichnet. Kassandra ist in ihrem hellsichtigen Wahn nur eines von vielen Opfern. Roswitha Christina Müller bekam dafür von Bieito eine überschaubare Auswahl an Gestik und Mimik an die Hand, vermochte den seelischen Ausnahmezustand aber vokal eindringlich zu vermitteln, ohne die Gesangslinie allzu sehr zu vernachlässigen. Mit Jochen Kupfer als markantem, voluminösen Chorèbe lieferte sie sich ein stimmlich packendes Duett.

Hinter der Papierleinwand verbirgt sich bei Bieito und seiner Bühnenbildnerin Susanne Gschwender das Holzgerüst eines zweistöckigen Hauses. In Karthago bildet dieses dann als Didos karger Palast das zentrale, ausgiebig gedrehte, aber kaum bespielte Element. Die gestrandeten Trojaner kaufen sich mit allerhand Geschmeide und einem Sack Geld bei ihren Gastgebern ein, die in weißen Schutzanzügen anscheinend mit den Folgen eines Chemieunfalls beschäftigt sind. Die Oberschicht vergnügt sich unter afrikanischen Masken mit brutalen Ritualen (zur oben erwähnten Jagd-Pantomime) oder zwingt einen Angestellten, halsbrecherisch ans Holzgerüst gehängt ein schönes Lied anzustimmen (bewundernswert: Alex Kim mit der Arie des Iopas).

Die Beziehung zwischen Dido und Aeneas interessiert Bieito kaum, er deutet sie als von vornherein kaputte, korrupte Zweckgemeinschaft zweier einsamer Seelen. Gedankenversunken beträufeln sie zum herrlichen Duett „Nuit d’ivresse“ einen hilflosen Nackten mit Öl (wurde damit auch das Trojanische Pferd gemalt?). Ihre Trunkenheit rührt eher von Wohlstand und Überfluss denn von Liebe her: „Abondance!“ pinselt Narbal derweil auf einige Choristenrücken. Von der Rezitation eines Houellebecq-Gedichts eingestimmt, wählen Beide zeitversetzt den Pillen-Freitod – aus der Gründung Roms durch Aeneas wird also nix. Das Gedicht und sein Titel „Isolement“ verweist dabei im Prinzip korrekt, aber doch etwas eindimensional auf Berlioz’ psychische Verfasstheit, die dieser in seinen brillanten Memoiren als „mal de l’isolement“ (Krankheit der Vereinsamung) beschrieben hat.

Gesungen wird auch im zweiten Teil sehr beachtlich: Irina Maltseva gestaltet die Partie der Anna etwas steif, aber klangschön; sie und Nikolai Karnolsky (Narbal) stehen stellvertretend für ein gut präpariertes, engagiertes Ensemble mit passabler französischer Diktion. Mirko Roschkowski meistert die anspruchsvolle Partie des Aeneas mit kernig-durchschlagskräftigem, aber auch zu lyrischer Zurücknahme fähigem Tenor. Einzig ein paar Spitzentöne schleudert er unkontrolliert und stilfremd heraus. Katrin Adel hat als Dido Stimmvolumen und Vibrato meist gut unter Kontrolle und gibt der großen Finalszene die nötige Würde.

Dirigent Marcus Bosch startete mit der ausgezeichnet aufgelegten Staatsphilharmonie fulminant und machte mit griffiger Verve manch fehlende Klangnuance wett. Im zweiten Teil schien er angesichts des Bühnengeschehens ein wenig die Lust zu verlieren und auch im Orchester machte sich ein Spannungsabfall bemerkbar. Nichts davon war beim prächtigen, von Tarmo Vaask einstudierten Chor zu spüren, dessen Sängerinnen und Sänger so zu den heimlichen Helden einer einigermaßen vertanen Chance avancierten.

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