Archäologie und Objektivierung – Zum Musikalischen Kultursalon 2018 am ZfGM Leipzig


(nmz) -
Der Musikalische Kultursalon des Zentrums für Gegenwartsmusik (ZfGM) an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig „Felix Mendelssohn Bartholdy“ ist weder Symposium noch Seminar. Claus-Steffen Mahnkopf stellt jedes Jahr eine*e Komponisten*in vor, von der/dem Werke in der Hochschul-Konzertreihe „Musik und Gegenwart“ (man ist jetzt bei Nummer 82) erklingen und in einem Selbstporträt erläutert werden. Die Auswahl von Themen und Positionen der Referenten folgt nicht einem konzeptionellen Plan, sondern der Relevanz für die Studierenden und persönlichen Forschungsschwerpunkten.
25.11.2018 - Von Roland H. Dippel

Erotische Schlammschlachten von Joseph Haydn, dessen Ehefrau Anna-Maria und Haydns wesentlich jüngerer Geliebter Luigia Polzelli inspirierten die Komponistin Manuela Kerer für ihr turbulent-hurtiges Stück „Bestie infernali!“. An dessen Ende halten sich Sólveig Vaka EyÞórsdottir (Violine), Konstanze Pietschmann (Violoncello) und Timo Jürgensen (Klavier) blütenweiße Schnupftücher vor ihre Gesichter. Man erkennt im Großen Saal der HMT Leipzig nicht, ob sie (Krokodils-)Tränen oder Vorkehrungsmaßnahmen für andere Körperfunktionen andeuten. Thematisiert sind im Konzert „Musik und Gegenwart 82“ also Stränge, um die es auch im Musikalischen Kultursalon 2018 geht: Themen sind neben „musikalischer Archäologie“ die objektivierende Neutralität im subventionierten Kulturbetrieb und der explosive Einflusszuwachs von Kuratoren in der Museen- und Musiklandschaft, den Sebastian Claren anhand zweier performativer Projekte darstellt.p

Äußerst bedeutungslastige Hintergründe hat die musikalische Archäologie des Ungarn Dániel Péter Biró (geb. 1969) in seinen als tönende Philosophie zu verstehenden Werken. Er beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Wandel von Diktion, Phonetik und sängerischer Akzentuierung im Gesang jüdischer Kantoren. Anhand von computertechnisch ermittelten Veränderungen des musikalischen Materials baut Biró seine Kompositionen auf. Der Untergrund kann wie im Zyklus „Mischpatim (Gesetze)“ (2003-2016) ein Werk von Franz Schubert sein, das er mit Transparentpapier auf dessen Noten überschreibt und dadurch einen „negativen Raum“ generiert. Dieser enthält Teile des Originals unvermischt, erkennbar überformt oder durch Interventionen undeutlich gemacht. Dadurch gewinnen die von Dániel Péter Biró im Konzert mit elektronischen Effekten und Zuspielungen gestalteten Stücke einen epischen Charakter. Über eine halbe Stunde dauert „Gvul (Grenze)“ für Klavier und Elektronik, das wie bei der Uraufführung 2017 in Aix-en-Provence von Ermis Theodorakis gespielt wird. Wesentlich eindrucksvoller ist jedoch „Mischpatim 1“, in dem die genial sprechende und synchron am Schlagzeug agierende Chi Chang sekundiert von zwei weiteren Sprechstimmen über Fremde und Fremdsein (Exodus 12,1-9) skandiert. Auf Hebräisch, Englisch, Deutsch und Ungarisch ertönen die Silben über einem musikalischen Satz für Kammerensemble und elektronisches Environment. Bewegend.

Ein weiteres Thema des Kultursalons ist der Riss klarer Grenzlinien zwischen der haptischen bzw. computerisierten Entstehung von Kunst und einer zunehmend monochromen Arbeitswelt. Die Leipziger Künstlerin Gesa Foken sinniert über die Relevanz des Künstlerateliers als kreativen Schaffensraum und Alternative zu diesen Lebensrealitäten. Für den entschuldigten Daniel Feige trägt Mahnkopf dessen Referat über „Menschliche Natur und musikalischen Sinn“ vor. Ausgehend von der Prämisse, dass Klassische und Neue Musik sich in einem nicht endenden Entwicklungsprozess befinden, stellt Feige als Charakteristikum neuer Werke Zeichensysteme fest, die nur durch sich selbst entschlüsselt werden können. Denn sie wollen keinen eindeutigen Bezug zu Vorbildern und lassen damit Deutungsansätze durch Analogien oder Vergleiche nicht zu. Die in mehreren Sprachen agierende Schriftstellerin Tzveta Sofronieva zeigt an Grenzgängen und des von ihr mit einer erweiterten Bedeutung versehenen Wortes „Anthroposcene“ (Mehrsprachigkeit, Wissen und Dichtung), dass bei Texten deren Duktus, innerer Puls und der thematisch-emotionale „Atem“ zum Verständnis in verschiedenen Sprachen genauso wichtig ist wie die wortgetreue Übersetzung.

Neben der intensiven Suche nach einer Position in der Unbehaustheit und virtuellen Allverfügbarkeit des musikalischen und künstlerischen Schaffens fällt in diesem Salon die fast ängstliche Vermeidung älterer Wertungskategorien und Qualitätszuweisungen auf. Zugleich empfindet man offenbar die Objektivierung von Entstehungsprozessen, die durch das bestehende System öffentlicher Förderungen und Auftragsvergaben bedingt sind, als Bürde. Es wächst die Sehnsucht nach einer von subjektiven Impulsen gesteigerten Kreativität.

Auffallend hoch ist die große Beteiligung internationaler Studierender unter den etwa zwanzig Teilnehmern, die offenbar alle ihr persönliches Erfahrungsspektrum zu den dargestellten Phänomenen haben. Es ist also verständlich, warum Rektor Martin Kürschner dem immer Ende November stattfindenden Musikalischen Kultursalon eine große Bedeutung beimisst.


Musikalischer Kultursalon 2018

Leitung: Prof. Dr. Claus-Steffen Mahnkopf Eine Veranstaltung des ZfGM (Zentrum für Gegenwartsmusik): Freitag, 23. November 2018, 14:00-18:00 Uhr und Samstag, 24. November 2018, 10:00-14:00 Uhr, Probesaal der HMT Leipzig - Referenten und Autoren: Prof. Dr. Daniel Feige (Stuttgart), Dr. Tzveta Sofronieva (Berlin), Dr. Gesa Foken (Leipzig), Prof. Dr. Dániel Péter Biró (Bergen), Dr. Sebastian Claren (Berlin), Prof. Dr. Claus-Steffen Mahnkopf (Leipzig)

Freitag, 23. November 2018, 19:30 Großer Saal: Musik & Gegenwart 82
Musikalische Leitung: Reinhard Schmiedel

Martin Smolka (*1959): Hats in the Sky. Musik zum Film „Vormittagsspuk“ von Hans Richter, 2004 für Ensemble (Nugraha Pitra Boba – E-Gitarre, Marie-Florentine Schilling – Trompete, Christoph Stähler – Posaune, Chi Chang – Schlagzeug 1, Qing Chai – Schlagzeug 2, Timo Jürgensen – Klavier, Konstanze Pietschmann – Violoncello)
Manuela Kerer (*1980): Bestie infernali!, 2016 für Violine, Violoncello und Klavier (Sólveig Vaka EyÞórsdottir – Violine, Konstanze Pietschmann – Violoncello, Timo Jürgensen – Klavier)
Christian Mason (*1984): Layers of Love, 2015 für 13 Instrumentalisten (Byunggeun Ahn – Altflöte, Dasom Kim – Englisch Horn, Ji Eun Kim – Klarinette, Lorea Gurruchaga – Fagott, Sara Carvalho Oliveira – Horn, Marie-Florentine Schilling – Flügelhorn, Christoph Stähler – Posaune, Jörn-Jakob Hagen – Tuba, Sólveig Vaka EyÞórsdottir – Violine 1, Pétur Björnsson – Violine 2, Eytan Edry – Viola, Konstanze Pietschmann – Violoncello, Guillermo Nassare Martinez-Torres – Kontrabass)
Dániel Péter Biró (*1969): Mischpatim (Gesetze) Teil I: Lo Tisa (Trage nicht), 2016 für sprechenden Schlagzeuger, 2 Sprechstimmen, Altflöte, Klarinette, Klavier, Violine, Violoncello (Chi Chang – Schlagzeug, Benjamin Mahns-Mardy – Sprechstimme 1, Julian Clement – Sprechstimme 2, Byunggeun Ahn – Altflöte, Ji Eun Kim – Klarinette, Ying Yu – Klavier, Sólveig Vaka EyÞórsdottir – Violine, Konstanze Pietschmann – Violoncello)
Dániel Péter Biró: Gvul (Grenze), 2017 - in  3 Sätzen - für Klavier und Elektronik (Ermis Theodorakis – Klavier, Dániel Péter Biró, Junyu Guo – Klangregie)