Auf Neunaug ruht ein Innerblick: Wie Cornelie Müller und Thomas Beimel an den Wuppertaler Bühnen „Geplapper“ in neues Musiktheater verwandeln


(nmz) -
Bis dann. Schönen Tag auch. – Wer kennt sie nicht, wer praktiziert sie nicht, die Floskeln, mit denen wir unser kommunikatives Miteinander gestalten? Und so doch nur unseren täglichen Beitrag zum Sprechmüll liefern. Dass ein Kraut dagegen einerseits bitter nötig, andererseits nicht so recht in Sicht ist, treibt so manchen um. Auch die Münchner Autorin Cornelie Müller und den Wuppertaler Komponisten Thomas Beimel. Der Frust, aber auch die Lust daran ist jetzt eingegangen in ein Stück Musiktheater: „Vom guten Ton. Die Welt ist voll Geplapper.“ Wie wahr.
24.10.2012 - Von Georg Beck

Nur, dass auch ein Geplapper auf der Bühne gekonnt vorzutragen ist. Kein Problem für das von Thomas Beimel vollbeschäftigte Gesangsquartett. Im Kleinen Wuppertaler Schauspielhaus entfalteten Dorothea Brandt, Michaela Mahring, John Janssen und Jud Perry singend, schauspielernd, requisitenmontierend ein gesellschaftsdiagnostisches Tableau. Den orchestralen Hintergrund dazu lieferte eine gut funktionierende Arbeitsgemeinschaft aus Laien und Profis: ein Bläserquartett der Wuppertaler Sinfoniker und die jugendlich besetzte Mandolinen-Konzertgesellschaft Wuppertal unter souveräner Leitung von Detlef Tewes.

Was Müller/Beimel in neun abendfüllenden Alltagsszenen fokussieren, sind die gelangweilten Nöte, die Hemmungen, die Maskeraden, die Unverschämtheiten und die kleinen Tragödien eines irgendwie abgesunkenen, dem Anspruch nach aber durchaus sich gehoben dünkenden Kultur(rest)bürgertums. Es gelingen starke Bilder. Wenn die vier ihre Angelruten in das trübe Gewässer ihres unklaren Gefühlssees hängen, wenn sie als blasierte Kulturschickeria herumhängen und ihr Lästermaul rühren. Und manchmal starren wir sogar mit den Akteuren in die Leere ihres vereinsamten Lebens. Bei der Geburtstagseinladung macht die Frage nach der „Familie“ urplötzlich einen Graben sichtbar. „Kommt mir“, sagt der Gelangweilte, „nicht ins Haus“.

Mit verschiebbaren Spiegel-Stellwänden zaubert sich das Quartett die Kulissen für diese kleine Gesellschafts-Autopsie selbst herbei. In solchen, stets mit dem ausgesungenen Ruf „Verwandlung!“ eingeleiteten Umbaupausen stockt allerdings nicht selten der Fluss. Das Stück hängt sich auf und braucht Zeit, um wieder Fahrt aufzunehmen. Und auch nicht alles wird dabei so deutlich wie die Begegnung auf der Straße oder die im Aufzug. Dass es eine „Vernissage“ gegeben hat, erfährt man erst bei der Lektüre des Programmhefts. Gleichwohl – das handlungstragende Quartett macht seine Sache ganz famos. Szenische Vagheiten werden engagiert überspielt im Bemühen, das ostinate Geplappere deutlich und textverständlich zu transportieren. Eine starke Leistung.

Last oder Lust

Überspielt wird dabei freilich auch, dass sich die Regie offenbar nicht ganz entscheiden konnte (oder wollte), ob das vorgeführte Geplapper nun Last oder Lust ist? Irgendwie scheint es, als habe man sich der Tendenz des Stücks ins Gesellschaftskritische entgegenstemmen wollen. Nur wie soll das gehen – das Gerede, das Geschwätz, die Verstellung, die in „Vom guten Ton“ so konsequent diagnostiziert werden, „wertzuschätzen“? Komponist Thomas Beimel hat dafür die Anknüpfung gesucht an die Tradition von Opera Buffa, Singspiel, Varieté, Revue und Anspielungen darauf übers ganze Stück verteilt. Manchmal kreuzen sie sich sogar. In der Eröffnungsszene (mit der das Stück im Übrigen seine eigene Interpretation vorwegnimmt) tritt ausgerechnet eine Constanze auf, die nach anfänglicher Ladehemmung mit den Worten „Ach, mir fehlt das Wort!“ zu Boden fällt. Da geht der Singspiel-Mozart mit dem tragischen Schluss aus Schönbergs Moses und Aron zusammen, heruntergebrochen auf die Groteske.

Insgesamt mag es wohl auch an einem mit zu wenigen Brechungswinkeln ausgestatteten Libretto gelegen haben, dass Thomas Beimel den unzweideutig wiedererkennbaren, den parodierenden Orchester- und Ensemblesatz nur sparsam verwendet hat wie etwa beim heiteren „Brüderchen komm tanz mit mir“ auf der Geburtstagsfeier der „feinen Leute“. Andererseits. Solch knapp gehaltene Dosis an Konkretismus passte durchaus zum (wenn auch verhalten artikulierten) diagnostischen Anspruch dieses Musiktheaters.

Eine anspruchsvolle Produktion, ein wichtiges Thema, das mit „zwei Ouvertüren, neun Szenen, vier Zwischenspielen und einem Finale“ am Ende eine gewisse Überlänge offenbarte.

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