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Laut und blechgepanzert: „Die Frau ohne Schatten“ in Nürnberg

03.10.22 (Roland H. Dippel) -
Kurz vor der Festwoche zum Jubiläum 100 Jahre Staatsphilharmonie Nürnberg vom 9. bis 15. Oktober kam unter der scheidenden Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz und in der Regie von Staatsintendant Jens-Daniel Herzog Richard Strauss' für alle Ausführenden extrem anspruchsvolles Musikdrama „Die Frau ohne Schatten“ heraus. Überragend und faszinierend schlägt sich Manuela Uhl in der Partie der Färberin, Tadeusz Szlenkier ist ein fulminanter Kaiser. Szenische Versachlichung trifft auf monochromes Fortissimo.

Lyrischer Hirn-Porno: „Der Rosenkavalier“ vom Landestheater in der Felsenreitschule

02.10.22 (Roland H. Dippel) -
Das Wortpaar „Rosenkavalier“ und Salzburg ist gespickt mit Assoziationen an große Namen: Lisa della Casa, Agnes Baltsa, Peter Rose und viele andere. Das Salzburger Landestheater, also nicht die Salzburger Festspiele, brachte zum 75-Jahre-Jubiläum der Salzburger Kulturvereinigung Richard Strauss* und Hugo von Hofmannsthals Komödie für Musik in die Felsenreitschule: Planeten kreisen zu Walzerklängen, aber ganz anders als in Stanley Kubricks „2001“.

Erfolgreich aus dem Fenster gelehnt: Das Kammermusikfestival Regensburg im dritten Jahr

29.09.22 (Juan Martin Koch) -
Vierteltöne, Microjazz, Musiktheater: Das 3. Kammermusikfestival Regensburg hatte wieder ein interessantes, ambitioniertes Programm zusammengestellt. Das Motto „Zwischentöne“ wurde dabei auf vielfache Weise musikalisch zum Leben erweckt. Juan Martin Koch berichtet:

Theos Kurz-Schluss: Wie ich im ZDF-Schulfernsehen von Jan Böhmermann einmal den optimalen Weg zu demokratischer, allseits befriedigender Kulturförderung gewiesen bekam

27.09.22 (Theo Geißler) -
Jetzt ist auch noch mein dereinst geliebter Heimatrundfunk – der Bayerische – materiell mehrfach in die Bredouille geraten: angeblich zwei Riesen-Airbusse A380 für den Transport der relativ normalgewichtigen technischen Direktorin vom Produktionsort München-Freimann zum Verwaltungsresort München-Mitte. War der christlich-soziale Druck auf die Gestaltung von Sendungen aller Art bis hin zum Wetterbericht dank schlichter Durchschaubarkeit gewisser simpler Werbefunk- und Influencer-Methoden noch erträglich – jetzt das, und zwar bundesweit: Schulden in Millionen- oder Milliardenhöhe.

Konfuzianisches Gesamtkunstwerk: Das Deutschland-Gastspiel der koreanischen Ahnenzeremonie Jongmyo Jeryeak

26.09.22 (Roland H. Dippel) -
Bei den Gastspielen in Berlin, Hamburg, München und Köln ist die Zahl der Mitwirkenden mit 66 Personen weitaus geringer als bei der in der Halle Jeongjeon des Jongmyo-Schrein. In dem 1995 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Heiligtum feiert Südkorea bis heute jedes Jahr am ersten Sonntag im Mai die königliche Ahnenzeremonie Jongmyo Jeryeak. 2008 wurde die seit 1462 nicht veränderte Folge von Hymnen, Tänzen und Devotionalien in die Liste der weltweit wichtigsten immateriellen Kulturgüter der UNESCO aufgenommen.

Packender Wurf: Robert Schumanns „Genoveva“ in Innsbruck

26.09.22 (Roland H. Dippel) -
Robert Schumanns einzige Oper „Genoveva“ gilt als sperrig und kompliziert. Am Tiroler Landestheater Innsbruck erinnerte man sich an den bitteren Gehalt der Legende und den misogynen Ungeist der Kirche. Johannes Reitmeiers Inszenierung gerät packend, Lukas Beikircher hat am Pult die rettende Löwenpranke. Und es gibt ein souveränes Quartett der Hauptpartien: Susanne Langbein, Alec Avedissian, Jon Jurgens, Irina Maltseva.

Drei (Zeitgeist-)Schwestern – Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ am Staatstheater Kassel

25.09.22 (Joachim Lange) -
Schauspielregisseure, die sich an die Oper wagen, sind ein Kapitel für sich. Da haben sich schon manche von einer spät erwachten Liebe zum benachbarten Genre verleiten lassen, vom Publikum das gleiche zu denken und ihre eigene Begeisterung zu inszenieren. Die renommierte Filmfrau Doris Dörrie hat dafür bei einem frühen Beispiel ihres gelegentlichen Genrewechsels vom Film zur Oper in Münchner mit ihrem „Rigoletto" im Jahre 2005 ein Schulbeispiel geliefert. Fürs Publikum war der Verdi-Hit eben kein Neuland und ihr inszenierter Ausflug auf den Planeten der Affen war kein Weg der Verführung, sondern eine Sackgasse.

Postapokalyptische Allegorie – Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ an der Komischen Oper Berlin

24.09.22 (Stefan Drees) -
Es ist ein Statement, das die Komische Oper Berlin unter der neuen Intendanz ihrer Doppelspitze Susanne Moser und Philip Bröking nach dem Ende der Ära Barrie Kosky zum Auftakt der Saison 2022/23 abgibt. Mehr als deutlich signalisiert die Produktion von Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ (1960/61) den Anspruch, dass Musiktheater im Rahmen der Institution Oper sich dem Anspruch kritischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Realitäten stellen muss und, die herkömmlichen Hör- und Sehweisen über den Haufen werfend, nicht allein der Unterhaltung eines primär bildungsbürgerlichen Publikums mit musealem Repertoire dienen soll.

Wer ist das eigentlich – Carmen? – Herbert Fritsch verweigert an der Staatsoper Hamburg die Interpretation

24.09.22 (Ute Schalz-Laurenze) -
„Carmen“ von Georges Bizet ist nicht irgendeine weibliche Opernfigur, die Mezzosoprane gerne singen. Das 1875 entstandene Werk von Prosper Merimée und Georges Bizet erzählt von einer der berühmtesten und herausforderndsten Frauengestalten der Opernliteratur. Die Oper ist die meistgespielte der Welt, „die Oper schlechthin“ (René Leibowitz), ein „Meisterwerk der Grausamkeit“ (Henry de Montherlant). Die Vehemenz, mit der Carmen ihre Freiheit und Unabhängigkeit fordert, gleichzeitig das verführerisch Weibliche gekonnt einsetzt, reizt RegisseurInnen und Sängerinnen immer wieder und stellen immer wieder erneut die Frage: wer war Carmen?

Dvořák an der Baumgrenze – Zermatt Music Festival & Academy 2022

23.09.22 (Antje Rößler) -
Das Scharoun Ensemble der Berliner Philharmoniker arbeitet seit 2005 mit dem Musiker-Nachwuchs. Alljährlich trifft man sich im Schweizer Bergdorf Zermatt, zur vielleicht höchstgelegenen Orchesterakademie der Welt.

Theater Kiel: Così fan tutte – wie geht’s diesmal aus, das Treueexperiment?

23.09.22 (Arndt Voß) -
Così fan tutte! Davvero? Sind wirklich alle Frauen nicht zur Treue fähig, wie es in so vielen Tragödien oder auch Komödien als frivoles Motiv benutzt wird? Auch Wolfgang Amadeus Mozart und sein kongenialer Librettist Lorenzo Da Ponte behaupteten das, beide jedoch mit gehörigem Augenzwinkern.

Wagners „Tannhäuser“ in Schwerin – Geht’s noch ohne Buhs?

21.09.22 (Arndt Voß) -
Richard Wagners „Tannhäuser“ scheint besonders geeignet, die Fantasie der Regisseure in Wallung zu bringen, manchmal mit irritierendem Ergebnis wie bei der neuesten Inszenierung in Schwerin. Martin G. Berger zeichnet für sie. Er ist Operndirektor dort, wo seine Sicht auf Wagners frühe Minnesänger-Oper die Spielzeit eröffnete (Premiere: 16. September 2022).

Die Emotionen unter der Oberfläche – Frank Hilbrich inszeniert Verdis „Don Carlo“ in Bremen

20.09.22 (Ute Schalz-Laurenze) -
Vorgestern gab es im Stadttheater Bremerhaven stehende Ovationen für „Macbeth“ von Giuseppe Verdi und gestern im Theater Bremen für „Don Carlo“, die erste Inszenierung des leitenden Regisseurs des Musiktheaters Frank Hilbrich. Deutet das in diesen Zeiten auf eine neue Aktualität Verdis hin, der sich in seinem Opernwerk leidenschaftlich einsetzte für die Menschen, die an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen regelrecht zerschellen? Vielleicht.

Der Fanatismus behält das letzte Wort – Marc Minkowski und David Alden sorgen mit Halévys „La Juive“ in Genf für einen großartigen Saisonauftakt

19.09.22 (Joachim Lange) -
Dass Fromental Halévys (1799–1862) „La Juive“ einer der Exemplare der Grand Opéra ist, die in den letzten Jahrzehnten die Renaissance der Gattung quasi mit anführt, hat natürlich nicht nur mit der Qualität der exzellenten Musik, sondern auch mit der unabgegoltenen Dringlichkeit der Geschichte zu tun. Eugène Scribes Libretto, in dem das Ganze 1414 am Rande eines Konzils in Konstanz spielt, mochte zunächst als Vorlage zu historischer Prachtentfaltung auf der Bühne taugen.

„Falstaff“ ohne Flagellationen – Michael William Balfes Oper in Annaberg-Buchholz

18.09.22 (Roland H. Dippel) -
Mit Intendant Moritz Gogg glänzt das Musiktheater in Annaberg-Buchholz mit anderen und vielseitigeren Entdeckungen als sein auf deutsche Romantik erpichter Vorgänger Ingolf Huhn. Nach Erich Zeisls „Leonce und Lena“, dem Musical „Liebesbrief nach Ladenschluss“ und der Regie von Christian von Götz zu Ralph Benatzkys „Der reichste Mann der Welt“ vertraute man diesem eine überfällige deutsche Erstaufführung an: Balfes „Falstaff“ ist überdies die erste Produktion einer Oper in italienischer Originalsprache am Ernst-von-Winterstein-Theater.

Die Inszenierung in der Musik – Giuseppe Verdis „Macbeth“ in Bremerhaven

18.09.22 (Ute Schalz-Laurenze) -
Stehende Ovationen gibt es Konzerten des öfteren, in der Oper seltener. Jetzt aber erhob sich nach der Premiere von Giuseppe Verdis „Macbeth“ in Bremerhaven geschlossen das ganze Publikum. Was hatte da so beeindruckt?

Respektloser, schön schräger Zugriff – „Der Freischütz“ am Theater Basel

18.09.22 (Georg Rudiger) -
Der „Freischütz“ hat gerade Hochkonjunktur im Südwesten. Im Frühjahr präsentierte das Freiburger Barockorchester im Konzerthaus Freiburg und auf anschließender Deutschlandtournee eine halbszenische Fassung mit einem von Dirigent René Jacobs neu komponierten Auftritt des Eremiten zu Beginn der Oper. Am 2. Oktober feiert die Auseinandersetzung des Künstlerkollektivs „Showcase Beat Le Mot“ mit Carl Maria von Webers romantischer Oper am Freiburger Theater Premiere. Auch das Theater Basel eröffnete gerade seine Spielzeit mit dem „Freischütz“, wenngleich Christoph Marthalers Inszenierung phasenweise nur wenig mit dem Original zu tun hatte.

Schwarz und Rot: Gottfried von Einems „Dantons Tod“ nach Büchner in Gera

17.09.22 (Roland H. Dippel) -
Eine Premiere aus langer Lockdown-Warteschleife – und ein runder Opernabend. „Dantons Tod“, Gottfried von Einems Sensationserfolg von den Salzburger Festspielen 1947, hat in den letzten Jahren eine Renaissance in Magdeburg, München, Wien und jetzt am Theater Altenburg Gera.

Weil die Trauer nicht vergeht ... – Korngolds „Die tote Stadt“ in Meiningen

17.09.22 (Roland H. Dippel) -
„Die tote Stadt“ passt ausgezeichnet in die helle sängerfreundliche Akustik des Meininger Theaters. In nur wenigen Tagen haben sich die Einspringer Chin-Chao Lin (Musikalische Leitung) die komplexe Partitur und Charles Workman in der schweren Tenor-Hauptpartie des Paul beeindruckend eingearbeitet. Mit Lena Kutzner und Deniz Yetim als Marie und Marietta entwickelte Jochen Biganzoli auf der Bühne dornenreiches Psychogestrüpp. Der Abend ist eine packende Verdichtung von realistischer Filmhandlung und suggestivem Alptraum.

Joachim Raffs Klangimperium und Bieitos Bizarrerie: Die Uraufführung „Samson“ in Weimar

16.09.22 (Roland H. Dippel) -
Am Deutschen Nationaltheater Weimar gelang mit der posthumen Uraufführung von Joachim Raffs Musikdrama „Samson“ (entstanden 1851 bis 1857) ein faszinierender Wurf. Calixto Bieitos intensive Regie und die großartige musikalische Gesamtleistung unter Dominik Beykirch, das starke Ensemble, die feinnervige Staatskapelle Weimar und der choreographisch in Bestform agierende Opernchor lieferten ein überzeugendes Plädoyer für „Mehr Raff wagen!“

Ganz unten … – Die Brüssler La Monnaie Oper eröffnet die Spielzeit mit „Piqué Dame“-Inszenierung

14.09.22 (Joachim Lange) -
Als die legendäre Martha Mödel in Wien (ihrer Berufung bis zum Lebensende folgend wie die Queen) noch einmal die Gräfin in Tschaikowskys „Piqué Dame“ sang, da stand ihr Name in Riesenlettern auf dem Plakat. Alle anderen Namen waren ein paar Nummern kleiner gleichsam nur die Zugabe. Das hatte natürlich mit dem Rang dieser Sängerin zu tun. Aber eben auch mit der Rolle, die Tschaikowsky hier für einen Auftritt der ganz Großen ihres Fachs im Spätherbst ihrer Karrieren geschaffen hat.

Auf der Suche nach der Wahrheit: „Im Berg“ nach Franz Fühmann am Staatstheater Cottbus

12.09.22 (Joachim Lange) -
Armin Petras, der Autor, Regisseur und Co-Schauspielchef des Staatstheaters Cottbus, beginnt die neue Spielzeit mit einem Musiktheaterprojekt. Als Librettist und Regisseur. Sebastian Vogel und Thomas Kürstner haben den Text vertont, den er aus Franz Fühmanns fragmentarisch überliefertem Großprojekt „Im Berg“ destilliert hat.

Wo das Quadrat die Leidenschaft des Kreises ist – „H-100 seconds to midnight“ am Thalia Theater uraufgeführt

11.09.22 (Joachim Lange) -
In Dortmund hat Robert Wilson gerade Christian Friedel seinen „Dorian“ nach Oscar Wildes Roman auf den Leib geschneidert. Der daheim gerade in Dresden als Macbeth brillierende hat natürlich eigene Songs beigesteuert. Wilson wusste schon, was er an dem Alleskönner hat. Stand natürlich mit seiner Virtuosität vor oder hinter ihm – ganz wie man will – im Geiste mit auf der Bühne, stellte ihn aber nicht in den Schatten. Und wenn, dann als Stilmittel. In seiner neuesten Kreation gibt es zwar mehr als einen Protagonisten, aber der Thalia-Star Jens Harzer ist das Zentrum. An diesem Hamburger Theater hat Robert Wilson schon oft reüssiert. So 1990 mit seinem legendären „The Black Rider“ zur Musik von Tom Waits oder 1996 mit „Time Rocker“ und zuletzt, vor 22 Jahren, mit „POEtry“ zur Musik von Lou Reed.

Männerklamottenklamauk – Alessandro nell’Indie von Leonardo Vinci beim Bayreuth Opera Festival

09.09.22 (Dieter David Scholz) -
Am 7. September fand im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth, einem der schönsten barocken Opernhäuser Europas eine ganz besondere Aufführung statt. Zum ersten Mal seit 1740 wird die Oper „Alessandro nell’Indie“ (Alexander in Indien) des neapolitanischen Komponisten Leonardo Vinci aufgeführt, und zwar nach dem Vorbild der Uraufführung in reiner Männerbesetzung. Das Ganze im Rahmen der dritten Ausgabe des Bayreuth Baroque Opera Festivals unter Regie von Max Emanuel Cencic, er ist einer der führenden Countertenöre und Gründer und Leiter dieses Barock-Festivals, das zeitlich immer nach den Bayreuther Richard Wagner-Festspielen stattfindet.

Theater Lübeck: Wagners „Lohengrin“ als munteres Intrigenspiel

08.09.22 (Arndt Voß) -
Kein anderer hat in Lübeck so oft Opern inszeniert wie Anthony Pilavachi. Jetzt offerierte er seine zwanzigste Regiearbeit, unter denen Wagners Opern rein zahlenmäßig überwiegen. Der ganze „Ring“ war dabei, deren CD bei ECHO Klassik sogar mit einem Preis gekrönt wurde, auch „Tristan und Isolde“ und der „Parsifal“. Dessen Sohn, der „Lohengrin“, eröffnete nun die neue Spielzeit (4. September 22). Durch Corona kam Wagners Frühwerk jedoch erst zwei Jahre verspätet auf die Bühne, doch wie stets in besonderer Art.
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