Das Wrack fließt und klingt – Eine Boris Blacher-Rarität bei den Münchner Opernfestspielen: „Die Flut“


(nmz) -
Der alternative Spielort einmal ganz anders: neben den teueren Aufführungen im Nationaltheater bietet die Bayerische Staatsoper in der Reithalle ein für normal verdienende Musiktheaterfreunde erschwingliches „anderes Festspielprogramm“. Diesmal zusätzlich auch die Reithalle selbst „anders“: in ganzer Länge leer geräumt; ein Orchesterpodium; ein paar Sitzbänke und viele Kissen für das Publikum, das sitzen, aber auch unter neun Video-Leinwänden flanieren kann – reizvoll.
08.07.2014 - Von Wolf-Dieter Peter

Das gilt auch inhaltlich, denn im Münchner Musikleben fast Vergessenes wurde wiederbelebt: Boris Blachers Einakter „Die Flut“ aus dem Jahr 1946. Der damals ungemein innovativ und gleichzeitig die NS-Versäumnisse nachholende Heinz von Cramer schrieb das brechtisch-gesellschafts-kapitalismus-kritische Libretto für eine „Funk-Oper“, zu der Boris Blacher die Musik komponierte - eine zwar in der Anlage atonale, aber ungemein klangschöne, farbige, insgesamt sofort zugängliche Partitur für Orchester und Chor in Kammerbesetzung sowie vier Solisten. Unter Oksana Lynivs – der Assistentin Kirill Petrenkos - engagierter und straffer Leitung kam da eine „Moderne“ zum Klingen, deren Verblassen der Musiktheaterfreund nur bedauern kann: während sich das Gros heutiger Komponisten mit überintellektualisierten, „verhirnten“ Themen und Stoffen in Wolkenkuckucksheime versteigt, hatten Blacher und Cramer bei der Umarbeitung des Werkes für die Bühne die Möglichkeiten der damals „armen“ und zerstört eingeschränkten Theater im Blick. Sie griffen gesellschaftlich brandaktuelle Themen – Anweisung: „Heute oder gestern“ - auf und so entstand ein musikdramatisch auf die szenische Aktion bezogenes, also im theatralischen Aufführungsmoment sofort packendes Werk.

Da führt ein armer Fischer drei Urlauber bei Ebbe zu einem Schiffswrack: einen alten Bankier, seine junge Geliebte und einen jungen Mann. Die Flut kommt – Panik. Der Bankier bietet Geld für die Rettung. Der Fischer verliebt sich in die schöne, „ganz andere“ Frau. Die Flut weicht. Der junge Mann ermordet den Bankier aus Geldgier. Die Frau folgt ihm mit Blick auf das angenehme Leben. Der Fischer bleibt in verliebten Träumereien zurück… tatsächlich von heute oder gestern.

So überzeugte die Grundidee des niederländischen Regisseurs Aernout Mik, alles in heutigen Kostümen von Anja Kroker zu spielen. Sein zweiter Einfall, Orchester, dreizehn Chormitglieder und die vier Solisten auf einem Podium langsam durch den Hallenraum gleiten zu lassen, wirkte zwar „irgendwie reizvoll“ - aber schließlich bewegt sich nicht das Wrack. Vor allem die Idee, das 35minütige Werk zweimal hintereinander zu spielen und dabei das Podium wieder vom einen Hallenende an den Anfangsort zurück gleiten zu lassen, wirkte nur noch wie ein „Lückenfüller“. Und das steigerte sich noch durch die zunehmend erkennbare Fixierung heutiger Jungregisseure, dauernd „alles zu bemühen“, um durch Reizüberflutung nur ja das Publikum nicht zu verlieren – statt es durch Konzentration und Verdichtung zu gewinnen.

Also hingen im Dachraum der Halle neun Videoscreens und wurden mit „künstlerisch“ gemeinten, stetig wiederholten Filmsequenzen bespielt: alles eine völlig austauschbare, in medialer Beliebigkeit landende Bilderflut, die Regisseur Mik dann durch Scheinwerfer mal Rot, mal Blau, mal milchig Gelb-Grün „künstlerisch“ einfärben ließ. Da traute jemand erst der Kraft der Musik, dann dem eigenen Produkt nicht, Kunst verkam zum „Gunstgewerbe“.

Verdienter Beifall für tadellose Gesangsleistungen von Iulia Maria Dan (Frau), Miklós Sebestyén (Bankier), Dean Power (junger Mann), überragt von den Bariton-Träumereien des Fischers Tim Kuypers. Doch angesichts von zwei weiteren Kurzopern Blachers wäre statt der Werkwiederholung die Wahl eines zweiten Werks nicht „künstlerisch ergiebiger“? Vom Abend der Komischen Opern Berlin mit allen drei Blacher-Kurzopern ganz zu schweigen…

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