Deutsche Erstausgabe in Dresden: Die „Nachtausgabe“ von Peter Ronnefeld


(nmz) -
Eine Opernpremiere ohne Programmheft. Zur deutschen Erstaufführung von Peter Ronnefelds Oper „Nachtausgabe“ an der Dresdner Semperoper gibt es eine gedruckte „Nachtausgabe!“ Fliegende Blätter mit originellen Texten und Fotos.
08.10.2014 - Von Michael Ernst

Nur selten ist die gedruckte Begleitung einer Premiere so originell und so wertvoll wie diesmal. Sie ersetzt nicht nur das Programmheft, sondern führt zugleich direkt ins Flair der Opera Piccola, um die es hier geht. Im Zeitalter allgegenwärtiger Dienste mutet es nahezu prähistorisch an, eine Abendzeitung in Händen zu halten. Natürlich trägt sie den reißerischen Titel „Nachtausgabe!“, denn sie soll ja die deutsche Erstaufführung der Kammeroper „Nachtausgabe“ von Peter Ronnefeld begleiten.

Peter Ronnefeld? Das Fragezeichen steht leider zu Recht, denn den 1935 in Dresden geborenen Musiker, der ungemein talentiert gewesen sein muss, kennt heute kaum jemand. Die Gründe sind vielfältig. Europas Teilung in Ost und West – Ronnefeld ging 15jährig nach Berlin, studierte dort bei Boris Blacher und in Paris bei Olivier Messiaen, wechselte nach Salzburg und Wien, war zeitgleich Assistent der Antipoden Herbert von Karajan und Nikolaus Harnoncourt, wurde Chefdirigent in Bonn und war mit nur 28 Jahren in Kiel der damals jüngste Generalmusikdirektor Deutschlands –, vor allem aber ein tragisch kurzes Leben sind die Ursachen dafür. Mit gerade mal 30 Jahren ist Peter Ronnefeld 1965 gestorben.

Einer, der so hochbegabt mehrere Instrumente beherrschte (Horn und Klavier sowie Cembalo beim Wiener Concentus Musicus), der frühzeitig als Pädagoge gefragt war (am Mozarteum in Salzburg) und sowohl als Komponist (zur Salzburger Uraufführung der „Nachtausgabe“ sowie des Balletts „Peter Schlemihl“ 1956 war er 21 Jahre jung!) wie auch als Dirigent gefragt war (1961 wurde er Chefdirigent in Bonn, zwei Jahre später ging er nach Kiel), dem hätte gewiss eine großartige Zukunft bevorgestanden. Seinerzeit soll er gar als potentieller Karajan-Nachfolger gehandelt worden sein.

Mit seinen Kompositionen wollte er das Musikleben nicht revolutionieren. Er führte Traditionen innovativ fort und mied absichtsvoll die Gemeinden von Darmstadt, Donaueschingen & Co. Danach klingt auch seine „Nachtausgabe“, die bis dato lediglich 1987 in Wien – freilich in einer das Original verzerrenden Neufassung – nachgespielt worden ist.

Deutsche Erstaufführung in der Geburtsstadt des Komponisten

Umso verdienstvoller, dass nun endlich in Peter Ronnefelds Geburtsstadt Dresden die deutsche Erstaufführung der „Nachtausgabe“ auf die Bühne gekommen ist. In akribischer Arbeit hat man dazu die Salzburger Urfassung wiederhergestellt, die nun von Musikern der Giuseppe-Sinopoli-Akademie der Staatskapelle Dresden unter der musikalischen Leitung von Ekkehard Klemm auf einer kleinen Bühne der Semperoper zum Klingen gebracht wurde. Prägnantes Musizieren direkt aus dem Bühnenbild heraus brachte klangschön das Spektrum der Ronnefeldschen Musik zur Geltung: Spannungsvolle Tonalität, die das humorige Geschehen dieses frühen Geniestreichs mit Kontrast und Illustration begleitete.

Übrigens hat Peter Ronnefeld auch das Libretto selber verfasst (und den Zeitzeugen zufolge sehr erfolgreiche Uraufführung geleitet). Angeregt wurde er dazu wahrscheinlich durch seine Zeit in Berlin, der Plot klingt jedenfalls ganz nach 50er Jahren und möbliertem Zimmer einer kleinen Bohème in der piefigen Großstadt. Die Kunststudenten müssen sich mit Zeitungsaustragen über Wasser halten, bekommen das Blatt aber nur dann gut verkauft, wenn Sensationen für Absatz sorgen. Also erfinden sie die Entführung eines jungen Mädchens – just der Tochter von Frau Pachulke, die eigentlich mit der Vermieterin Becker zur Landpartie unterwegs sein wollte, wegen schlechten Wetters aber zu Hause blieb, wo sie nun nicht nur wegen der Zeitungsente von einem Schrecken in den nächsten fällt. Obendrein muss sie verkraften, dass sich ihre Tochter Renée als Aktmodell für die Bohèmiens her- und einem der drei sogar hingibt.

Zum Leben in der Großstadt gehört natürlich auch Polizei, in diesem Fall ein trinkfreudiger Wachtmeister sowie ein eitler Kommissar, der Herrn Dr. Stilblüte, den Chefredakteur der „Nachtausgabe“, wegen der erfundenen Entführung nicht belangt und stattdessen ein wohlwollendes Porträt im Blatt bekommt.

Diese rasant in nur einer Stunde erzählte Geschichte wäre im heutigen Medienzeitalter so kaum mehr glaubhaft. Also beließ Regisseur Manfred Weiß, der Ronnefelds Oper für Dresden entdeckte, das Stück in der Entstehungszeit. Bühnenbildner Arne Walther schuf dazu eine comic-hafte Stadt- und Zimmerlandschaft, die Kostüme von Nina Reichmann waren darin mit großblumigem Flair und typischen Accessoires (vor allem beim Schupo) präsent. So fügte sich tatsächlich alles zu einer gelungenen Wiederentdeckung, an der die Protagonisten natürlich großen Anteil hatten. Die skurrile Vermieterin hat Ronnefeld als das pure Gegenteil einer Hosenrolle gezeichnet, sie wird von einem Bass gesungen! Evan Hughes gab sich charmant damenhaft, ohne seine Pointen zu überzeichnen. Christiane Hossfeld als Mutter Pachulke glänzte mit reifem Sopran und dem Ulk einer Dame von gestern. Schließlich muss das Töchterchen vor den Gefahren der Welt von heute bewahrt werden. Dabei schien die blonde Renée von Jennifer Riedel durchaus selbstbewusst und lebensklug genug, sich als modernes Mädchen zu behaupten. In ihrem Debüt an der Semperoper lieferte die junge Sängerin eine großartige Leistung ab.

Mit Kabinettstückchen glänzten Tom Martinsen als Dr. Stilblüte, Karl-Heinz Koch als schrulliger Wachtmeister sowie Sebastian Wartig als selbstverliebter Kommissar. Glaubwürdig in der Bohème wie in der Liebe zum Blondschopf zeigten sich Julian Arsenault, Patrick Vogel und Christopher Tiesi als Lothar, Ping und Mario.

Ein „genialer Hund“: 2015 würde er 80, ist aber vor 50 Jahren gestorben

Zur Salzburger Uraufführung hatte ein Student namens Thomas Bernhard mitgewirkt, der später ein enger Freund Peter Ronnefelds wurde und ihm attestierte, ein „genialer Hund“ gewesen zu sein. Der spätere Dramatiker hatte damals den Wachtmeister gegeben und bald darauf bekannt, mit niemandem sonst in seinem Leben so sehr gelacht zu haben wie mit Peter Ronnefeld.

Was dessen Witwe Minna Ronnefeld nun in Dresden gern bestätigt hat. Die 1931 in Kopenhagen geborene Pianistin und Musikwissenschaftlerin wohnte der deutschen Erstaufführung bei und zeigte sich von ihr äußerst angetan. Es dürften bewegende Tage für die Dame gewesen sein, zumal ihr Schwiegervater einst als Bratschist in der Staatskapelle mitgewirkt hatte. „Dass Dresden jetzt die Urfassung bringt, freut mich besonders“, strahlte Minna Ronnefeld schon vor der Premiere, „denn so wird Peter Ronnefeld hier ganz authentisch gezeigt. Zu seinem 80. Geburtstag im kommenden Jahr ist das genau richtig.“ Es ist allerdings auch der 50. Todestag des vielseitigen Musikers, der 2015 bevorsteht. Doch seine Witwe, die den künstlerischen Nachlass bei der Berliner Akademie der Künste in besten Händen weiß, behält ihn für immer als jungen Mann in Erinnerung. „Er war außergewöhnlich, das kann man wohl sagen. Neben all seinem fachlichen Können am Klavier und beim Komponieren hatte er Humor in so reichen Maßen, das ist unvergesslich.“

Minna Ronnefeld, die der Premiere gemeinsam mit Tochter und Enkelkindern beigewohnt hat, erläuterte, wie dieses so lange vergessene Stück überhaupt den Weg in die Geburtsstadt des Komponisten fand: „Werner Grünzweig vom Musikarchiv der Berliner Akademie rief mich in Kopenhagen an und sagte mir, dass sich Dresden für diese Oper interessiert.“ Regisseur Manfred Weiß wiederum ist vor reichlich zehn Jahren durch Klaus Zehelein auf Ronnefelds Werk aufmerksam gemacht worden und machte sich dafür stark, die erste Aufführung der „Nachtausgabe“ an einem deutschen Theater nach Dresden zu holen.

Als hätte es noch eines Beweises für den Bezug des Komponisten zu seinem Geburtsort bedurft, präsentierte Minna Ronnefeld einen Programmzettel von 1949: Damals hatte ihr späterer Mann 14jährig in einem Sinfoniekonzert der Staatskapelle den Klavierpart in Beethovens „Chorfantasie“ übernommen. Sein letzter Auftritt in Dresden. Das allerletzte Konzert jedoch gab er 1965 zur Wiedereröffnung des im Krieg zerstörten Konzertsaals im Schloss von Kiel. Unmittelbar danach ging er ins Krankenhaus und kehrte nie wieder zurück.

Termine: 10., 11., 26., 28. und 29.10.2014

MDR Figaro sendet am 18. Oktober um 20.05 Uhr im Opernmagazin eine Teilwiedergabe der Oper „Nachtausgabe“ von Peter Ronnefeld.