Die gefesselte Uhr – Richard Wagners „Tristan und Isolde“ an der Staatsoper Stuttgart


(nmz) -
„Sie wollen nur noch Märchen sehn“, schrieb Kurt Tucholsky in „Zuckerbot und Peitsche“ 1930, an der Mittellinie zwischen den beiden Weltkriegen. „Das Bürgertum erliegt der Wucht. Flucht, Flucht, Flucht“. Das Dramaturgie- und Regie-Paar Wieler/Morabito hat wieder einmal guten Instinkt bewiesen für das, was „gefragt“ ist (beziehungsweise zum „Gefragten“ deklariert wird) und was ankommt. Die beiden haben sich als Fluchthelfer bewährt (oder sind in Bezug auf den weithin mit unsäglichem Wortschwall dahinströmenden Wagner-Text in die Rolle der Bewährungshelfer geflohen).
21.07.2014 - Von Frieder Reininghaus

Gemessen an Produktionen, die die beiden an der Stuttgarter Staatsoper mit moderner getönten Bildern moderieren ließen, haben sie das Ausstatter-Team um Bert Neumann (Schiffsbau und Repräsentationsarchitektur) und Nina von Mechow (Kostüme und Klamotten) zurückrudern lassen. Die Bildassoziationen zur Handlung, die von Lug und Trug überquillt, führen in eine frühere Zeit, die gerne mit „Romantik“ assoziiert wird. Absichtsvoll inhomogen umspült erscheint die Ära, in der man noch mit Segelschiffen übersetzte, Zylinder trug und bei frischer Brise zwischen seinem schwergewichtigen Gepäck auf Achterdeck saß.

Die „Tristan“-Musik, aus Geldverlegenheiten und Inspirationen der doppeldeutigsten Art ins aufwändige Werk gesetzt, hat – den Faszinierten wie den Verächtern – eine Zäsur ins Musikdenken markiert. Diese auch theoretisch und literarisch so hoch aufgeladene Musik packt der Dirigent Cambreling beherzt und kräftig an. Das Vorspiel zumal. Die Bläser in der Schwabenmetropole überdehnen und schmachten nicht (verhalten sich also gegenüber der Anweisung der Partitur nur bedingt werkkonform). Die Streicher machen ihren Job genauso zweckdienlich und präzise – ohne Säuseln, Verhaltungen und aufdringlich interpretierende Intention. Keine esoterischer Dunstglocke also überm Nesenbachtalkessel, eher eine gewisse Gewitterneigung für die Eruptionen der älteren und tieferen Gefühle Isoldes, die plötzlich ganz unverstellt zur Oberfläche durchbrechen. Diese Lady ist nun einmal eine der zum Herrschen geborenen Stimmführerinnen des nordwestlichen Sagenkreises.

Die robuste Hanseatin Christiane Iven ist marschallinen- und kundryerprobt, also auch in Hinsicht auf Wagners Werk lebens-, liebes und reiseerfahren. Sie bleibt den wuchtigsten Höhen der Isolde-Partie wenig schuldig. Durch das Stuttgarter Rollen-Debüt verankert sie sich unter den Wagner-Sängerinnen der hoch motorisierten S-Klasse. Sie kann aber auch niedrigtourig fahren und Sentenzen wie „seines Elends jammerte mich“ in ein Piano entrücken, das selbst Wagner-Skeptikern ans Herz rührt. Glück und Unglück quellen vornehmlich aus der goldenen Kehle des mitunter beglückend lässigen Tenors Erin Caves. Erst einmal singt er etwas hochmütig und politisch korrekt gegen die überlegene Isolde an, will dann in Liebesglut vergehen und schließlich so langatmig „vor Sehnsucht nicht sterben“. Bei all dem pendelt Caves dynamisch sehr geschmeidig und profiliert sich als tenoraler Sympathieträger. So ersteht die alte tragische Geschichte von der unmöglichen Liebe, ihrem kurzen Dennoch und dem langen Leiden aufs Neue – aus nüchternem hellwachem Geistes- und Gemütszustand der Musik. Das verrät gediegensten Respekt und fordert diesen auch gleich wieder ein.

Eine Architekturzeichnung gestaltet den Vorhang zum Vorspiel und kehrt als Leitmotiv wieder: Das vom englischen Juristen und Philosophen Jeremy Bentham (1748–1832) entwickelte „Panopticon“. Dabei handelt es sich um einen kuppelgekrönten großen Rundbau, in dessen Außenring sich in fünf Etagen viele Dutzend Zellen befinden. Von Gegenlicht durchflutet können sie vom Wachturm überm Mittelpunkt des funktionalen Gebäudes aus durch einen einzigen Wächter oder eine kleine Personengruppe kontrolliert werden. Der Verweis auf diese vor-romantische Kontroll- und Strafarchitektur bezieht sich unmittelbar auf König Markes Hof. An dem sind Isolde und Tristan nirgendwo vor Lauschern und lauernden Blicken sicher – schon gar nicht in der Lustgrotte mit den blausilbern herabhängen Stoffbahnen, zwischen denen sie beim nächtlichen Stelldichein wie Kinder schaukeln, sich auf den Sitzkissen räkeln und ausgelassen balgen. Der Stoffdschungel birgt keine Diskretion, gar Sicherheit. Indem er mit wenigen Handgriffen weggezogen wird, verweist die tödliche Enthüllung der zwangsläufigen Vereinigung von Isolde und Tristan als Verfehlung im gesellschaftlichen Sinn generell auf die Gefährdung von Liebe in Zeiten der elaborierten Überwachungstechniken. Die grell-hellen Lamellen rücken die Treulosigkeit des Treuesten der Treuen nochmals in scharfes Licht, das fast schmerzhaft zu Attila Juns königlicher Klage über den dreifachen Verlust hinzutritt. Ein grandioser Marke!

Zuvor und dahinter macht sich Märchennarrativ ans Werk. In einem veritablen Holzsegelschiff, auf Sack und Pack sitzend, wird die irische Prinzessin nach Cornwall überführt und muss sich wegen des unangenehmen Geschaukels und des ihr von Brangäne verabreichten Joints an der Reling übergeben. Katarina Barnéus löst ihre schauspielerischen Aufgaben als Sekundantin so vorbildlich wie die stimmlichen. Die Höhe des Wellengangs entspricht den Pegelständen des redundanten Tonsatzes. Die Köpfe der Choristen tauchen gelegentlich aus den bewegten Fluten auf (als hätten sie nebenher schwimmen müssen, um die Bohlen des Decks zu schonen). Man wartet eigentlich nur noch darauf, dass auch der Fliegende Holländer auf dem Weg zur Diamantenmesse in Antwerpen des Wegs kommt. Derweil geht es auf der Jolle zu wie bei Hempels auf Segeltörn zur Insel Texel. Man und vor allem frau scheut den schlagenden Körpereinsatz nicht, um den enharmonischen Wendungen letzten Nachdruck zu verleihen. Außer den voluminösen Kleiderpacken hat die zur Hochzeitsreise abgeholte Isolde auch die Familienstanduhr dabei (noblesse oblige). Der Uhrkasten wurde mit einem Seil vertäut – zugebunden, damit das siebte Geißlein aus dem Märchen vom Rotkäppchen nicht aus seinem Versteck entkommen kann. Überhaupt treiben Wieler und Morabito mit diversen Märchen, Sagen und Balladen ein munteres Versatzstückspiel. Isolde setzt sich in „anmutiger Sommernacht“ zu ihrem „Sorgende Furcht beirrt dein Ohr“ ans Spinnrad, als wäre sie eine der Dörflerinnen aus dem Hintergrundchor von Senta. Oder die eben noch jungfräuliche Margarete und Marke der König von Thule.

Dergleichen gefällt den Halbbildungsbürgern, die gern das Kind im Manne wieder entdecken und sich am Abgleiten der Personenführung ins Infantile ergötzen. Hat Kurwenal im 3. Akt die so lange sehnlich erwartete Ankunft Isoldes nebst Gefolge zu melden – „Sie nahen im Flug“, dann muss der japanische Bariton Shigeo Ishino auf der Bühne vorm havarierten Holzsegelschiff herumflattern, als ob er ein Vöglein wär. Nicht erst da kam es mir vor, als wäre ein auch in Liebesdingen abgebrühtes Dramaturgie- und Regie-Team von lähmender Ratlosigkeit befallen worden, die sich immer wieder in deplatzierten und dilettantischen Bewegungen der Protagonisten entlud. Zuletzt im Aufspringen und Abheben des nach langem schweren Leiden verstorbenen Tristan. Da wurde die verschnürte Uhr unkontrolliert entfesselt und das Sein spottet der Zeit. Das ist tröstlich.

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