Die Grausamkeit des Banalen – HK Grubers „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in Hagen


(nmz) -
Die Grausamkeit des Banalen – HK Grubers „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in Hagen 45 Jahre lang war ihm das Theater Beruf und Berufung gleichermaßen, 27 Jahre davon hat er als Intendant gewirkt, die letzten zehn als Verantwortlicher des Theaters Hagen, auf der Grenze Westfalens zum Sauerland gelegen: Norbert Hilchenbach. Er hat sich nun mit einer letzten Inszenierung als Theatermann verabschiedet. In Hagen feierten die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ Premiere und ernteten mächtig Beifall.
28.06.2017 - Von Christoph Schulte im Walde

Die „Geschichten“… das sind natürlich Ödön von Horváths „Geschichten“, die landauf landab im Sprechtheater aufgeführt werden. HK Gruber, der 1943 in Wien geborene Komponist, hat vor knapp drei Jahren aus diesem Stoff eine Oper gemacht, uraufgeführt im Juli 2014 im Rahmen der Bregenzer Festspiele. Ein Stück, dass die Enge einer kleinbürgerlichen Welt mit all ihren Normen in Musik setzt, das deren simpel gestrickte Menschen in ihrem Milieu vorführt. Wer da, wie Marianne, ausbrechen will, hat schlechte Chancen!

Ganz sicher ist es kein Zufall, dass sich Norbert Hilchenbach für seine Abschieds-Inszenierung just dieses Stück ausgesucht hat. Kleinbürger? Bornierte? Menschen mit Angst vor etwas Neuem? Hilchenbach dürfte sie während seiner Zeit als Intendant des 1911 stolz eröffneten Hagener Theaters mehrfach hautnah erlebt haben. Womöglich in Form der verantwortlichen Kulturpolitiker der (zugegeben: finanziell arg gebeutelten) Kommune. Die waren selten einmal konstruktive Partner des Theaters. Eher erwiesen sie sich als unerbittliche Sparkommissare, die dem Vier-Sparten-Haus immer und immer wieder die Daumenschrauben angelegt haben. Wie oft stand die alteingesessene Institution schon vor der Ära Hilchenbach vor dem Aus, stand die Schließung einer Sparte zur Diskussion! Hier mal eine Million sparen, dort auch mal… das Hagener Theater hat während der Zeit Norbert Hilchenbachs und dank seiner Leitung überlebt. Und dies – von außen betrachtet – ohne große künstlerische Einbußen. Neben Publikumslieblingen wie „Tosca“, „Der fliegende Holländer“ oder etlichen Mozart-Opern gab es regelmäßig Novitäten wie Detlev Glanerts „Die drei Rätsel“, André Previns „Endstation Sehnsucht“, Ludger Vollmers „Gegen die Wand“, Carlisle Floyds „Susannah“ oder Paul Ruders’ „Selma Jezkova“ – Repertoire-Nischen also, die man einem chronisch unterfinanzierten Theater eigentlich kaum zutrauen würde. Hilchenbach zog sein künstlerisches Konzept durch. Und die Resonanz darauf war groß. Hagen ein Provinztheater? – mitnichten! Die Oper strahlte über die Region hinaus, das Tanztheater ebenso, auch das LUTZ (das Junge Theater). Und das Philharmonische Orchester Hagen entwickelte sich unter seinem Generalmusikdirektor Florian Ludwig zu einem mehr als respektablen Klangkörper.

Zum Abschied also die „Geschichten aus dem Wienerwald“. Jan Bammes baut dafür eine Bühne, die vor allem die eintönige Umgebung spürbar werden lässt, in der sich dann viele Tragödien abspielen werden. Es ist eine graue Ladenzeile mit Schaufenstern: Zauberei-Utensilien, Zeitungsständer und als „Eye-Catcher“ eine rosige Schweinehälfte in Oskars Fleischerei. Yvonne Forster verortet dank ihrer Kostüme die Personen in die Entstehungszeit des Dramas, in die 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts.

In diesem Ambiente zeigt Hilchenbach noch einmal, was seine Regiearbeiten ausmacht. Klare Bilder, Szenen und bisweilen auch Posen prägen seine Handschrift. Da gibt es nirgendwo überfrachtete Symbolik oder hektische, bewegte Szenen. So schildert er eindrücklich Mariannes Versuch sich zu befreien, der allein deshalb scheitern muss, weil sie von ihren eigenen Zielen keine klare Vision hat, ihre Wünsche und Vorstellungen im Vagen bleiben. Und dass Alfred, der Strizzi, einfach der falsche Mann ist! Man möchte ihr zurufen: „Mädchen, lass’ es!“ Besonders berührend gerät Hilchenbach der Schluss: Alle Wogen haben sich geglättet, das Leben geht weiter wie vor Mariannes Befreiungsversuch. Sie hat aufgegeben – und Oskar kann die bewusstlos gewordene Verlobte auf seinen Armen wehrlos in einen trist-grauen Bühnenhintergrund tragen. Einer freudlosen Ehe oder der Schlachtbank entgegen…

Komponist HK Gruber und sein Librettist Michael Sturminger verlassen sich voll auf Horváths Wortgewalt. Sie bringen seine Sprache, geprägt von der Grausamkeit des Banalen, zum Tönen. Wie überhaupt die Sprache die absolut treibende Kraft in diesen „Geschichten“ ist. Grubers Musik, die den Text geradezu atemlos durchkomponiert, lauscht stellenweise dem Volkston-Charakter des Stückes nach, entlarvt die Vordergründigkeit der Wiener Walzerseligkeit, greift sie auf, aber nimmt ihr jegliches Zuckercouleur. Und bei Gruber ist im Orchestergraben jede Menge los. Ständig gibt es Ausbrüche, werden immer wieder neue Höhepunkte erreicht. Dabei gehen die innehaltenden, leisen Sequenzen das eine oder andere Mal unter. Was auch an dem Dirigenten Florian Ludwig, dem scheidenden Hagener GMD liegt: er dreht schlicht und einfach dynamisch zu sehr auf, er übertreibt. Gleichwohl zeigt sich das Philharmonische Orchester Hagen von seiner besten Seite. Es hat die knifflige Partitur völlig durchdrungen, meistert deren komplexe Rhythmen ebenso wie es in den Kurt Weill-Song-Stil hineinfindet oder sich in die Kühlheit à la Strawinsky stürzt.

Dass Norbert Hilchenbach ein Solisten-Ensemble über Jahre hinweg gepflegt hat, zahlt sich nun auch in den „Geschichten“ aus: nahezu jede Rolle kann der Intendant aus eigenen Reihen besetzen. Und dies auf durchgehend hohem Niveau! Die wenigen Ensemble-Gäste fügen sich nahtlos ein. Etwa Martin Blasius als Mariannes Papa Josef, der sich wirklich als stumpf-polternder Kleinbürger aufführt. Jeanette Wernecke als Tochter Marianne fasziniert angesichts der geradezu halsbrecherischen Herausforderungen ihrer Partie, die sie mühelos bewältigt und dabei Naivität ebenso wie Herzblut spürbar werden lässt – fantastisch! Kenneth Mattice als schmieriger Lover Alfred überzeugt mit warm-schmeichelndem Bariton, Kristine Larissa Funkhauser verströmt ihren satten Mezzo als verlebte Tabakhändlerin, die auch noch ein wenig Spaß haben möchte. In unangenehm höchste Höhe führt HK Gruber die Tenor-Partie des Oskar – Philipp Werner meistert sie nicht immer ganz unfallfrei, zeichnet aber diesen widerlichen Zeitgenossen mit Tiefgang. Das gelingt auch Björn Christian Kuhn in der Rolle des Jungnazis Erich.

Maria Klier und Veronika Haller, Rainer Zaun, Joslyn Rechter und Andrew Finden sorgen in den kleineren Rollen dafür, dass sich die Inszenierung klanglich hervorragend rundet – ebenso wie Keija Xiong als Schlachtergeselle, der wie sein Meister Oskar in die Höhe hinauf muss. Das Hagener Ensemble-Urgestein Marilyn Bennett geht auf in ihrer Rolle als selbstgerechte, mörderische Großmutter.

Grubers/Horváths „Geschichten“: ein musikalisch wie szenisch geglückter Abend. Er beendet also nicht nur den Premierenreigen dieser Spielzeit am Theater Hagen – sondern auch die Intendanz Norbert Hilchenbachs. Ob sein Nachfolger die Chance bekommt, dieses Haus noch weitere zehn Jahre führen zu können?