„Die verkaufte Braut“ – Poetische Themaverfehlung am Theater Erfurt


(nmz) -
Selten wohl schwankt eine Premiere kontrastreicher zwischen Nachdenken über ein vermeintlich geheimnisloses Stück, erfundenem Glück und Absturz ohne befreiende Ironie. Die Zentrale von Deutschlands grünem Herz modelliert den Durchblick auf Böhmens Hain und Flur, zu den Nachbarn im Südosten: Deren allererstes musikalisches Nationalheiligtum erklingt am Theater Erfurt schön wie Schäfchenwolken und stellenweise recht bodenständig. Nicht einmal „Die Moldau“ fehlt.
20.12.2016 - Von Roland H. Dippel

Markus Weckesser verbindet in seiner Inszenierung trefflich Ambition und Kitsch: Aus Milo van Daags hölzerner Scheune mit bühnenhohem Schiebetor blickt man auf ein erntesommerliches Bilderbuch-Böhmen mit bunten Blumen, goldenem Korn, roten Äpfeln am Baum und einer riesigen Sonnenscheibe, um die es gewitterdüsternd dräut. Abendfüllend sieht man den Schicksalsweg einer fetten Gans vom Spielgefährten eines herzig kleinen Buben übers Entfedern und Ausnehmen bis auf die Hochzeitstafel mit krosser Kruste. Der Braten ist bereit, die nur scheinbar verkaufte Braut Marie und der hier hochintelligente Wenzel aber weg.

Das ist gut so und ein schöner Anspruch dieser Produktion: Es gibt kein Ballett für die böhmischen Tänze und immer wieder „echtes“ Dorfleben mit Klatsch, Tratsch und schon im falschen Abgang für die feschen Mädels dezent heruntergeklappten Hosenlätzen. Chor und Statisterie teilen sich die vielen Details. Die Entscheidung für die Dialoge der Urfassung anstelle der Rezitative in dieser deutschsprachigen Aufführung zeigt noch klarer, wie genial Smetana seine Musik dramaturgisch funktionalisiert. Leider verlieren sich diese Ansätze in den Trachtenkostümen Milo van Daags, der fast mediterranen Dauersonne über dem Geschehen und dem immer hellen Zuschauerraum: „Wir sind Dorf!“. Die mitsamt Springtanz-Wunschkonzertnummer gestrichene Zirkustruppe skandiert am Ende im Sprechchor. Ein bisschen Spiegelung vom noch immer drohenden Kulturabbau in Thüringen darf also auch sein, aber bitte nicht zu viel in dieser Weihnachtspremiere.

Die zentralen Duett-Juwelen dieser Oper, schon das flötenselige „Niemand wird uns trennen“ von Maire und Hans, klingen wie vom Himmel, das ist keine Übertreibung. Genauso die fast zur Gratwanderung zwischen Weigerung und Selbstoffenbarung werdende Szene zwischen dem naiven Wenzel und der beherzten Marie, deren letzte Arie und anderes. Da findet die Griechin Zoi Tsokanou am Pult des Philharmonischen Orchesters Erfurt fast seelenverwandt und doch originär zu Smetana. Daneben gibt es aber recht viel Unentschlossenes zwischen nur halb gewagter Tanzbodenlust oder in vagen Tempostartern, die Smetanas stilisierte Vision vom Dorfleben aus dem Jahre 1866 sonst immer zum auch stürmischen Bühnenspiel machen. Der Chor und sein Leiter Andrea Ketelhut nützen jede der sich bietenden Wirkungsgelegenheiten.

Der Eindruck vom Vokalgeschehen bleibt doppelbödig. Für den jungen Gregor Loebel kommt der Paradepart des Kezal wohl etwas früh, seine Knarzigkeit ist mehr engagierte Behauptung als durchdrungener Charakter. Das internationale Erfurter Ensemble zeigt dieses böhmische Dorf als Akkumulation gebändigter Typen. Doch prägt es sich ein, wie Astrid Thelemannn in diesem Environment Wenzels Mutter Agnes vom Klischee des überprotektiven Drachens befreit und aus dem oft zur Charge abgewürgten Part eine emotionale Figur modelliert.

Die Chance zu einem Psychogramm hätte auch Thomas Paul spielerisch bewältigen können als Hans, der an der Kippe zur Frauenverachtung um seine Braut kämpft und hier vor allem ein allseits souveräner Striezi bleibt. Mit seinem Strahletenor, der sensiblen Diktion und Ausstrahlung kann er mehr … Auch Margrethe Fredheim ist in der Titelrolle vorrangig eine stimmleuchtende Prinzessin Tausendschön. Die Goldmarie im total falschen Bilderbuchdorf rennt am Ende weg, der Sonne hinterher. Insofern wird das Finale zum echten Happy End.

Ebenso für den stotternden Wenzel, der in dieser Weihnachtspremiere zur schönsten Bescherung wird. Ihn krönt die Esmeralda (Emma Moore mit schwebendem Silbersopran) in einem Sommernachtstraum mit einem goldenen Hirschgeweih und macht so den Knaben zum Mann, der an der schönen dunklen Moldau einer Nixe ohne Unterleib und schwarzen Ponystuten begegnet. Nur in diesem Wunderspiel, eigens erdacht vom Theater Erfurt als Überraschung zum Fest der Liebe, wird das gleißende Hell des Abends zur mondbeglänzten Zaubernacht. Deshalb springt der Opernfrischling Julian Freibott am Ende davon wie Eichendorffs Taugenichts, macht aus dem Wenzel eine Gazelle mit hörbarer Sangeskraft und Melodie gewordenen Rehaugen. In den verwunschenen Szenen des dritten Aktes gewinnt die Erfurter Weihnachtskonfektion dann doch noch anrührend künstlerisches Profil. Themaverfehlung mit Auszeichnung.

Wieder auf dem Spielplan:  26. Dezember (15:00), 8. (15:00) und 28. Januar (19:30) - Theater Erfurt; www.theater-erfurt.de, Karten und Infos unter Tel: 0361-2233155

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