Die Wasserleiche im Liebesbett – Philipp Maintz‘ Oper „Thérèse“ an der Staatsoper Hamburg


(nmz) -
Das Niveau der Sängerschauspieler ist hoch. Die musikalische und dramatische Umsetzung des Stoffes von Émile Zola lässt Wünsche offen. Die deutsche Erstaufführung von Philipp Maintz‘ Oper „Thérèse“ an der Staatsoper Hamburg hinterlässt zwiespältige Gefühle. Ute Schalz-Laurenze berichtet aus Hamburg.
20.05.2019 - Von Ute Schalz-Laurenze

Auf fünf Kontortischen, deren Oberfläche je nach Bedarf ein Boot, ein Tisch, ein Bett, ein Steg oder noch anderes ist, spielt sich im kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie Fürchterliches ab: in der muffig-grauen Atmosphäre der armen Tuchhändlerin Madame Racquin entwickelt sich die Ermordung ihres Sohnes Camille. Dessen todunglückliche und unerfüllte Frau Thérèse, die schon in ihrer Kindheit in Madame Raquins Haushalt lebte und sozusagen zwangsverheiratet wurde, verliebt sich in den Freund Camilles: dass der weg muss, wird schnell klar.Er, der nicht schwimmen kann, fällt bei einer Bootsfahrt mit einem kleinen Schubs ins Wasser. Mit den psychischen Folgen ihrer Tat werden die beiden nicht fertig, demütigen und beschimpfen sich immer schlimmer, bis sie mit Blausäure gemeinsamen Selbstmord machen, was so etwas wie die Rückkehr der zerstörten Liebe suggeriert.

Diese psychologische Gruselstory ist der Inhalt des 1867 erschienenen realistischen Romans von Emile Zola. Nach einem gemeinsam von der Staatsoper Hamburg und den Osterfestspielen Salzburg vergebenen Kompositionsauftrag an den 1977 geborenen Philipp Maintz wurde die Oper „Thérèse“ – Maintz‘ zweite – im vergangenen April in Salzburg uraufgeführt. Jetzt folgte in derselben Produktion die deutsche Erstaufführung.

Hohes Niveau der vier Sängerschauspieler

Der inszenierende Chef der Staatsoper Hamburg George Delnon macht mit seiner Bühnenbildnerin Marie-Thérèse Jossen klar, dass man sehr wohl eine komplexe Psycho-Story ohne aufwändige Bühnentechnik aufführen kann: zusätzlich zu den Tischen gab es im Hintergrund Wasser-Videos. Der Bariton Otto Katzameier hat mit 42 kurzen Szenen das Libretto geschrieben, das – natürlich – nicht im Entferntesten an die Qualität der Literatur, beispielsweise an die Beschreibung der Wasserleiche, die sich ins Liebesbett drängt, herankommt. Das Gekeife der beiden bleibt oberflächlich narrativ und erhält seine Spannung aus dem hohen Niveau der vier Sängerschauspieler: Marysol Montalvo als Thérèse tobt sich stimmlich und spielerisch in ihr Verderben ebenso wie Otto Katzameier als brutal-viriler Laurent, die große Renate Behle gibt eine intensive Studie der am Ende gelähmten Madame Racquin und der Countertenor Tim Severloh ist der Schwächling Camille.

Untermalend und illustrativ

Die Musik von Maintz, der als Schüler von Robert HP Platz und damit als Enkelschüler von Karlheinz Stockhausen aus der seriellen Tradition der Musik kommt, bleibt trotz klanglich erfindungsreicher atmosphärisch gekonnter Qualitäten untermalend und illustrativ, lässt Querverweise und Differenzierungen kaum hören. Mit einer Ausnahme: als die Akkordeonistin Silke Lange zum Tod der beiden auf die Bühne geht und mit ihrer Johann Sebastian Bach Reminiszenz so etwas wie das verlorene Glück beschwört. Das geht unter die Haut. Gespielt war das Ganze von zehn fabelhaften Musikern unter der inspirierten Leitung von Nicolas André.

  • Weitere Vorstellungen im Kleinen Saal der Elbphilharmonie: 21. und 22. Mai um 19.30

Das könnte Sie auch interessieren: