Doppelter „Aufbruch“: Universitätsorchester Dresden mit der 3. Sinfonie von Weinberg


(nmz) -
Die musikdramaturgische Großtat eines Laienorchesters: Filip Paluchowski wagt sich an einen fast vergessenen Meister des 20. Jahrhunderts. Er hat allein 22 Sinfonien geschrieben, vier weitere bezeichnete er als Kammersinfonien, außerdem mehrere Opern, Solokonzerte und jede Menge Kammermusik und Filmkompositionen. In seinem Œuvre verbirgt sich persönliches Schicksal, spiegeln sich leidvolle Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Noch immer ist er nur einem (zu) kleinen Publikum bekannt. Daran haben selbst die spektakulären Ausgrabungen in jüngerer Zeit nur wenig geändert. Sein Name: Mieczysław Weinberg.
03.07.2018 - Von Michael Ernst

Lange stand er im Schatten seines Mentors und Freundes Dmitri Schostakowitsch, dem er in der Tat weit mehr als nur musikalische Bestärkung zu verdanken hat. Als Sohn moldawischer Juden 1919 in Polens Hauptstadt Warschau geboren, floh er nach dem Einmarsch der deutschen Nazis gen Osten, studierte in der Sowjetunion Musik, geriet in die Fänge des Stalinismus (ein Onkel seiner Ehefrau zählte zu Stalins Leibärzten und kam nach einer Verschwörung ins Lager) und wurde wohl nur durch Schostakowitschs persönlichen Einsatz (der schrieb einen Brief an Geheimdienstchef Beria) gerettet.

Auch die Musik von Mieczysław Weinberg ist durchaus von Schostakowitsch beeinflusst, doch es wäre ein Fehler, die stilistische Einmaligkeit des Jüngeren zu überhören. Wohl speist sich seine Klangwelt ebenfalls aus einem verwandelten Volkston, birgt unverkennbar jüdische Einflüsse in sich und ist getragen von jener elegisch erzählenden Haltung, die auch das Schaffen des als „Staatskomponisten“ vielfach verkannten Schostakowitsch prägt. Doch Weinberg, der bis zu seinem Tod 1996 in Moskau gelebt hat (und dort erst sehr spät erfahren musste, dass seine gesamte Familie im Warschauer Ghetto umgebracht wurde), ist durchaus eigene Wege gegangen. Nicht zuletzt, um das selbst erlittene und aus seinem Umfeld erfahrene Leid zu verarbeiten.

Weinbergs Opernschaffen, insbesondere „Die Passagierin“, erfährt in den vergangenen Jahren eine gewisse Renaissance, doch sein Gesamtwerk gehört viel mehr als bisher in die Spielpläne der Häuser, Orchester und Kammerensembles.

Dass nun ausgerechnet ein Universitätsorchester, das Sinfonieorchester der Technischen Universität Dresden, diesen Komponisten „entdeckt“, ist gar nicht hoch genug zu schätzen. Filip Paluchowski, seit 2015 Künstlerischer Leiter dieses aus Studenten, Mitarbeitern und Absolventen der TU bestehenden Klangkörpers, wendete sich im aktuellen Sommerkonzert gar der 3. Sinfonie von Mieczysław Weinberg zu, die bisher noch nie in Deutschland aufgeführt worden ist. Ein anspruchsvolles, herausforderndes Werk, das einerseits sinfonisches Traditionsbewusstsein, andererseits eigenständige Klangstrukturen herausstellt. Entstanden ist dieses klassisch viersätzige Opus in den Jahren der „Formalismus“-Debatte, um 1959 hat Weinberg es nochmals revidiert.

Die Sinfonie lebt von wuchtigen Passagen und flirrenden Bläsersoli, ist mitreißend und strahlt einen durchaus optimistischen, farbenprächig schillernden Grundgestus aus. In verhaltenen Momenten, etwa dem Adagio des dritten Satzes, entfaltet es fast impressionistische Wirkung, sein grandioses Finale wiederum bekennt sich zu den Einflüssen klassischer Moderne, wobei immer wieder auch folkloristische Töne herausstechen. Der zweite Satz zitiert ein bekanntes polnisches Volkslied, „Umarł Maciek, umarł“ (Maciek ist gestorben, er ist gestorben).

Es war ein unbedingt honoriges Unterfangen, diese Sinfonie einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Damit bespielte das TU-Orchester erstmals den neuen Konzertsaal des nach seinem Umbau vor einem Jahr neueröffneten Kulturpalastes in Dresden. Genau hier lag auch das Risiko dieses Konzertes. In diesem Saal ist jedes Detail unüberhörbar, ob falsche Intonation, ungezügelter Einsatz oder gar ein waschechter Patzer. Solches ist nicht vorgekommen bei diesem Orchester nach offenbar reichlich Probenzeit, hier und da gab es aber ansatzweise Blechschäden, mitunter Abstimmungsprobleme und Stolperstellen bei harsch angegangenen Tempi.

Unüberhörbar aber eben auch die höchst konzentrierte Vorbereitung auf ein einmaliges Konzertereignis. Da schwirrten die Streicher glanzvoll, da stachen Solo-Oboe und -Klarinette aus einem bestens geputzten Ensemble heraus, da gab es melodisches Zuspiel aus dem Holz in die Violinen, wurden Themen aufgegriffen, die dynamisch von tiefer Melancholie bis in höchste Machtbehauptung tendierten. In Summa waren auch die Blechbläser ebenso wie das Schlagwerk eindrücklich überzeugend – und dabei erwies sich Dirigent Paluchowski gar nicht mal als Mann großer Gesten, sondern als bedachtsam agierend.

Wer sich also unter einem Sommerkonzert musikalische Banalitäten vorgestellt hat, lag in diesem Fall völlig daneben – hier ging es um sinfonische Schwerkost. Es steckte jede Menge Frühling in dieser Musik, eben auch frostiger Frühling.

Das wurde im zweiten Konzertteil völlig überraschend fortgesetzt – das Concerto für Group and Orchestra von Jon Lord tönte im eröffnenden Klarinetten-Solo nach Morgenröte, woraus allmählich erst, dann immer rascher gesteigert ein donnerndes Rockkonzert wurde. Die TU-Sinfoniker haben sich dazu mit einer überwiegend studentischen Band verbunden, die dieses Dreiviertel-Stunden-Stück zu einem ohrwürmelnd sinfonischen Potpourri ausstaffierte, in dessen Orchesterklang sich auch der Gesang zum Text von Ian Gillen raumgreifend einfügte.

Dieses genreübergreifende Konzertstück wurde 1969 in der Londoner Royal Albert Hall uraufgeführt, Malcolm Arnold leitete seinerzeit das Royal Philharmonic Orchestra, im selben Jahr ist in Dresden der Kulturpalast in seiner einstigen Form eingeweiht worden.

Unter Filip Paluchowski gelang dort nun sowohl dem groß besetzten Orchester als auch dieser aus Studiosi der Dresdner Musikhochschule bestehenden Rockband ein unvergessliches Ereignis, ein vom Publikum gefeiertes, würdiges Gedenken an diesen musikalischen Meilenstein der Moderne.