Dramatische Auseinandersetzung mit Janáček: eine thematische Akkordeon-Einspielung mit Stefanie Schumacher


(nmz) -
Angesichts der klanglichen und spieltechnischen Möglichkeiten des Akkordeons verwundert es nicht, dass es trotz der schweren Hypothek aus der Volks- und Unterhaltungsmusik in die Neue Musik Eingang finden konnte. Die aus Freiburg stammende und in München künstlerisch beheimatete Akkordeonistin Stefanie Schumacher legte nun eine CD-Einspielung vor, die verdeutlicht, wie enorm die Potentiale des Instruments sind.
23.12.2011 - Von Reinhard Palmer

Ähnlich der Orgel, vermag das Akkordeon Cluster und Klangwolken mittels Registern unterschiedlich zu färben. Aber es kann sie auch besser dynamisch formen, Volumina plastisch gestalten. Mehrstimmiges Spiel wie am Klavier oder an der Orgel, aber auch ein einfühlsames Gestalten in der Art eines Melodieinstruments sind möglich. Zwischen filigranen Melismen, einfühlsam ausgesungenen Melodien über flimmernde Sphären bis hin zu gewaltigen Klangfluten und perkussiven Wirkungen öffnet sich ein weites Spektrum der Tonerzeugung. Hinzu kommen Blasebalg-Effekte, Atemgeräusche, Zittertöne, scharfe Stöße, ebenso endlos mäandernde Linien oder Borduntöne.

Stefanie Schumacher beherrscht die besonderen Techniken nicht nur glänzend. Sie bemüht sich auch darum, dass sie als künstlerische Mittel in Kompositionen musikalische Bedeutung erlangen. Sie hatte einige Werke in Auftrag gegeben, um diese CD mit Originalkompositionen einspielen zu können. Besondere Beachtung verdient hier schon das Konzept dieser CD, die in drei Kapiteln und einem Epilog zu einem Drama arrangiert ist. Im Mittelpunkt und als thematischer Bezug steht ein Zyklus von Leoš Janáček: „On an Overgrown Path“, 1st Series, vor genau hundert Jahren entstanden. Janáček gedachte darin seiner früh verstorbenen Tochter. Er hatte sie gegen ihren Willen nach Russland zur Ausbildung geschickt, wo sie an Typhus erkrankte und starb. So schwankt die Atmosphäre zwischen zärtlichen Erinnerungen, düsteren Selbstvorwürfen, aber auch tröstlichen Gedanken.

All diese feinen Gemütsregungen, die damit zusammenhängen, gelingt es Schumacher, in jeweils überzeugende Atmosphäre zu packen. Janáčeks folkloristisch gefärbte Eigenheiten sind gerade am Akkordeon überaus treffend erfassbar. Und die Interpretin hatte auch keine Scheu davor, musikantische oder nostalgische Charakteristiken als Mittel zu nutzen. „Unanswered Questions“ von Masha Khotimski – das der CD den Titel gebende Werk – greift sie in ihrem dreisätzigen Dialogisieren direkt auf.

Anders Minas Borboudakis, der in „Diffracted Thoughts“ die Todesnachricht zum Thema macht und die Tragik des Moments auf experimentelle, hochexpressive Weise seziert. Ähnlich auch Arash Safaian, doch ist sein Werk „Alpha“ poetischer, mit grundsätzlichen Überlegungen augenblickbezogen, was Schumacher mit einem dichten Spannungsbogen und emotionaler Intensität zu vermitteln vermag.

Damit kann sie auch geradezu nahtlos eine Verbindung zu „Empathy“ von Laurence Traiger schaffen. Doch der Klangarbeit gesellen sich dort konkrete thematische Formulierungen hinzu. Der Kreis schließt sich überraschend klangmalerisch, inhaltlich gesehen nachdenklich und versöhnlich. Insgesamt ein besonderes Klangerlebnis mit einer Spur zu viel Hall.

Beschriebene Rezensionsobjekte: 

Unanswered Questions

  • Leoš Janáček, Minas Borboudakis, Laurence Traiger, Arash Safaian, Masha Khotimski
  • Stefanie Schumacher, Akkordeon
  • 2011
  • Oehms Classics
  • Vertrieb: Harmonia Mundi
Bewertung:5 von 5 Punkten

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