Flutwelle als Standbild – Verdis „Otello“ im Landestheater Detmold bremst sich selbst aus


(nmz) -
„Schlachten.Feste.Katastrophen“ – unter dieses Motto hat das Landestheater Detmold seinen aktuellen Spielplan 2014/2015 mit Schauspiel, Musiktheater und Ballett gestellt. Durchaus mit dem Blick auf den 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs – aber auch darüber hinaus. Geht es nicht in allen drei Sparten immer wieder auch um dies: um Rache (Schlachten), Happy End (Feste) und Eifersucht (Katastrophen)? Mit Giuseppe Verdis „Otello“ zeigt Detmold die erste Opernpremiere dieser Spielzeit. Und da kommt an Katastrophen ja einiges zusammen!
29.10.2014 - Von Christoph Schulte im Walde

Grelle Blitze zucken vom Himmel auf die Erde, das Meer schäumt bedrohlich, Flutwellen erschlagen die Küste – so beginnt Giuseppe Verdis „Otello“. Und so beginnt Kay Metzgers Inszenierung im Landestheater Detmold. Die Flutwelle bleibt als Standbild im Hintergrund der Bühne bis zum letzten Akt sichtbar – als Symbol für die kaum zu bändigenden Naturgewalten. Wobei es in „Otello“ gar nicht um die feindliche Natur geht, sondern um ganz andere Katastrophen: die der (un-)menschlichen Gewalt. Als da wären: Eifersucht, Misstrauen, Hass, Rache, Machtstreben, Neid und anderes mehr. Insofern setzen Metzger und mit ihm Bühnenbildnerin Petra Mollérus vielleicht aufs falsche Pferd, wenn sie das tödliche Beziehungsdrama vor der beschriebenen Naturkulisse abspielen.

Eben jene ist und bleibt bis zum Ende nur Kulisse. Für einen Otello, der hier nie wirklich zu einem Berserker wird, seine Gefühle stattdessen eher immer noch unter Kontrolle hat; für einen Jago, der zwar durch und durch skrupellos und machtversessen an seiner Intrige strickt, aber mit angezogener Handbremse. Beide Protagonisten gehen in ihren Rollen nur bedingt auf: Andreas Jören als Jago dürfte gern noch fieser agieren, noch schwärzer seine zerstörerischen Gedanken hegen. Und Otello könnte man sich noch rücksichtsloser, noch egoistischer vorstellen als Heiko Börner dies in der Detmolder Inszenierung zu vermitteln versucht. Aber vor wirklich emotional katastrophischen Ausbrüchen, höchst explosiven Konflikten scheut sich Kay Metzger mit seiner Interpretation des Stoffes. Metzger orientiert sich klar am Libretto und kommt auch mit einem bescheiden-anspruchslosen Bühnenbild aus: ein Felsen, als Aussichtsplattform ausgestaltet, der sich universal einsetzen lässt für ganz unterschiedliche Szenen.

Was an diesem Premierenabend wirklich zutiefst berührt ist der Gesang von Susanne Serfling als Desdemona, die an dem von ihr nicht zu erkennenden Intrigenspiel völlig verzweifelt. Serfling durchlebt, durchleidet ihre Rolle mit allen Fasern ihres Körpers, legt Leid und Hoffnung in ihre Stimme, exemplarisch im „Lied von der Weide“, anschließend auch im herzzerreißenden „Ave Maria“… zum Schluss greift sie zum Dolch und stößt ihn in sich selbst hinein, weil Otellos Erstickungsversuch erfolglos war: Desdemona als Frau, die weiß, dass es für sie keine Zukunft mehr geben kann!

Heiko Börner ist ein Otello, der vor allem eines in seiner Stimme hat: Kraft! Meistens auch zu viel, denn Zwischentöne, lyrische Momente oder einfach mal ein Mezzoforte stehen ihm nicht zur Verfügung. Andreas Jören, seit Jahren eine der wirklich tragenden Säulen des Detmolder Ensembles, ist als Jago nobel wie immer. Und doch dürfte er gerade in dieser Rolle noch ein Mehr an Schwärze, an Fiesheit aufbringen. Toll singt Ewandro Stenzowski den Cassio: hell, klar, dynamisch flexibel und mit schönem Timbre. Auch Gritt Gnauck überzeugt als Desdemonas Gesellschafterin Emilia mit sattem, farbenreichem Mezzo.

Am Pult des Symphonischen Orchesters des Landestheaters steht Lutz Rademacher. Er macht seine Sache gut, dreht dynamisch auf, wo es sein muss, liefert aber auch wunderschöne lyrische Momente. Hier und da hapert es noch an der Intonationsgenauigkeit der Streicher. Das wird sich legen, wenn erst einmal die ersten Repertoirevorstellungen gespielt sein werden.

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