Für eine halbe Million Ohren - 3000. Konzert „30 Minuten Orgelmusik“


(nmz) -
Tickets gibt es nicht. Auch keine Platzreservierung oder gar Abendkasse. Wer die Konzertreihe „30 Minuten Orgelmusik“ in der geschichtsträchtigen St. Katharinen-Kirche im Herzen Frankfurts besucht, geht einfach hin. Seit 1983 spielt dort der Kirchenmusiker und Orgelprofessor Martin Lücker zweimal in der Woche für sein Publikum - bei freiem Eintritt. Warum er das macht, verrät er im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.
30.06.2014 - Von Christian Rupp, dpa

Frage: Am 3. Juli geben Sie in der Reihe ihr 3000. Konzert. Rein rechnerisch haben Sie damit bislang für eine halbe Million Ohren rund 90 000 Minuten Musik gemacht. Woher kommt diese Ausdauer?

Lücker: Das ist ein Lebensrhythmus geworden. Eine ganz gewaltige Bindung, die mir unglaublich viel Stabilität und große Freiheit gibt.

Es sind für mich die schönsten Momente - da kann ich ganz bei mir sein.

Frage: Und deswegen funktioniert diese Reihe so gut?

Lücker: Ich glaube, die Reihe funktioniert deswegen so gut, weil sie eigentlich überhaupt nichts will von den Menschen. Es ist die Musik wirklich nur um ihrer selbst Willen. Sie ist kein Mittel, das anlocken will, missionieren oder werben. Sie ist einfach da und die Menschen können davon Gebrauch machen. Aber sie werden nicht gezwungen.

Frage: Wie die Schönheit einer Blume.

Lücker: Es gibt ja auch einen Grund, warum die Leute in die Natur gehen. Weil sie einfach das Gefühl haben, das tut mir jetzt gut. Das kann man bei dieser Art der Musik auch. Die will erstmal überhaupt nichts. Und ist deswegen auch so wirkungskräftig. Ich freue mich da selbst drüber. Das ist ja auch für mich ein großes Geschenk.

Frage: Was spielen Sie denn?

Lücker: Was ich nicht mache, ist die Orgelmusik in der kleinen Münze von Entertainment und Häppchenkultur weiterzugeben. Sondern ich spiele seriöse Musik in großen Programmen und großen Zügen. Ich versuche nicht, mit Buntheit und Orgelei zu bestechen.

Frage: …sondern mit einem kostenlosen Konzert?

Antwort: Es ist nicht kostenlos, weil es steckt für mich ja ein Gehalt dahinter. Ich mache das in meiner Funktion als Angestellter der Kirche. Es gibt ähnliche Beispiele aus der Musikgeschichte: Jan Pieterszoon Sweelinck etwa, der schon im 16. Jahrhundert als Angestellter der Stadt Amsterdam mittags für die Kaufleute an der Börse spielte.

Frage: Das klingt nach Pflichtbewusstsein.

Lücker: Ich mache das. Und wenn der Rhein rückwärts fließt. Das findet statt. Es wird nicht dem tagespolitischen Anlass geopfert oder angepasst. Es hat bislang nur zwei Unterbrechungen gegeben: während des Orgelneubaus und der Innenrenovierung der Kirche.

ZUR PERSON: Martin Lücker (60) gilt als einer der vielseitigsten Kirchenmusiker Hessens. Er ist Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, Organist der St. Katharinenkirche und Künstlerischer Leiter des Figuralchors Frankfurt. Als Juror, Konzertorganist und Herausgeber gestaltet er seit Jahrzehnten das Musikleben der Stadt mit.

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