„Génie oblige“: Die Fürstin schreibt Noten – Ausstellung zur „Liszt-Biennale 2017“


(nmz) -
Die Ausstellung „Génie oblige“ des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar bildet das thematische Zentrum zur Liszt-Biennale 2017, doch das nimmt man am (Kultur-)Bahnhof Weimar kaum wahr: Selten sieht man so geballt Passagiere mit schweren Lektüre-Brocken von Eco und Borchmeyer in der Hand wie hier. Und leider reicht die Zeit nicht für die Tafeln der textintensiven Wanderausstellung „Ein Geschenk des Himmels – Die Reformation und ihre Musik in Thüringen“ des Thüringer Landesmusikarchivs in der Eingangshalle.
06.06.2017 - Von Roland H. Dippel

Das befeuernde Editorial der Schirmherrin Nike Wagner und Liszt-Urenkelin übermäntelt schwerlich, dass es sich bei der „Liszt-Biennale Thüringen 2017“ um einen allzu locker und modular geplanten Zyklus mit touristischen Zielmarken handelt. Einerseits ist das sehr lobenswert, weil das kompositorische Schaffen des Kosmopoliten Franz Liszt mit den Lebenssäulen Ungarn, Rom, Weimar in Thüringen noch lange nicht in so überschaubare oder gar ambitionierte Festival-Formate gefasst ist wie die für Wagner, Bach, Händel in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Doch könnte man zwischen Meiningen und dem sich mit einer spannenden Ballett-Produktion im Vordergrund positionierenden Theater Altenburg-Gera weitaus mehr erwarten als diesen zu locker gezwirbelten Zyklus. Nach dem vielversprechenden Festival im Jubiläumsjahr 2011 sind die Initiativen, mit Bedauern festgestellt, geschrumpft. Bahnbrechendes wie Martin Haselböcks Rekonstruktion des „Sound of Weimar“ mit dem Orchester Wiener Akademie gibt es hier noch nicht. Und der Programmgestaltung fehlt es derzeit an einer die Energien bündelnden Stoßrichtung.

Deshalb ist die Ausstellung „Génie oblige“ mit ihrer Fülle von Inspirationsquellen für Besucher und als Anregung für die „Liszt Biennale“ von nicht zu überschätzender Bedeutung. Das Goethe- und Schiller-Archiv Weimar beherbergt den weltweit größten Bestand des handschriftlichen Nachlasses von Franz Liszt, erhalten von Fürstin Marie von Hohenlohe-Schillingfürst. Die Ausstellung zur Liszt-Biennale 2017 gibt anhand von handschriftlichen Originaldokumenten Einblick in Liszts Arbeit und Leben. Evelyn Liepsch, wissenschaftliche Archivarin der Sammlung, wünscht sich ausdrücklich neue Impulse für die Liszt-Forschung und -Aufführungspraxis. Das Reservoir an Impulsen und Ideen besteht, wird aber für die Liszt-Biennale 2017 offenbar kaum genutzt.

Ein Beispiel: Neben der ersten Seite der originalen Partitur-Reinschrift Liszts zu seiner „Dante-Sinfonie“ wird im Begleittext erwähnt, dass der Komponist ursprünglich an ein visuelles Konzertevent mit Bildern des Münchner Maler Buonaventura Genelli dachte. Dieses nicht realisierte Projekt wäre die ideale Legitimation des Thüringer Staatsballetts für die für die Liszt-Biennale entwickelte Produktion „Eine infernalische Reise/Letzte Lieder“ (Premiere: 2. Juni). Vom Theater Gera wurde dieser Aspekt nicht genannt, für neugierige Besucher des Goethe- und -Schiller-Archivs ist das also eine thematisch aufschlussreiche Entdeckung. Ebenso unkommentiert findet sich auch der halbszenische „Tannhäuser“ des Meininger Theaters im Wartburgsaal unter den Beiträgen zur „Liszt-Biennale“. Letzterer ist streng genommen eine hochkarätige Mogelpackung, denn seit Jahren gehört dieser „Tannhäuser“ zu den Thüringer Veranstaltungshits, auch ohne Liszt-Biennale.

Aber wo bleibt da zum Beispiel Liszts großes Oratorium „Die Legende von der heiligen Elisabeth“, jenes andere neudeutsche Paradewerk zur Wartburg, das in einer sehr hörenswerten Einspielung mit Melanie Diener und der Staatskapelle Weimar vorliegt? Liszt studierte zur Komposition über die thüringisch-magyarische Kultfigur Neumen alter ungarischer Sakralmusik. Zur besseren Orientierung und am Beginn des eigenkreativen Prozesses schrieb er verschiedene Schlüssel an den Beginn der Systeme mit vier Linien.

Ein Exponat zeigt, dass Liszt unter den sog. Neudeutschen das am meisten empathische Verhältnis zur italienischen Oper hatte. Er bestimmte 1859 den ausgestellten Autograph der Paraphrase über Verdis Quartett aus „Rigoletto“ für seinen Schüler Hans von Bülow, der sie zum Jubiläums von Friedrich Schillers 100. Geburtstag in Berlin zur Uraufführung brachte. Daneben finden sich Dokumente wie ein Dankesbrief Heinrich Heines und Einblicke in die Werkstatt: Der Meister beauftragte seine Lebensgefährtin Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein mit musikalischen Assistenzaufgaben und Notenabschriften.

Die Ausstellung der Klassik Stiftung Weimar ist unter diesen Umständen das Zentrum der „Liszt-Biennale“, deren Programmauswahl bis zur Gegenwart reicht (Meininger Hofkapelle mit Thomas Adès, Landeskapelle Eisenach mit Sándor Veress). Der Virtuose und Romantiker hält nach dem großen Jubiläum 2011 noch immer viele Herausforderungen bereit. Deshalb muss man sich von der nächsten Liszt-Biennale-Runde „Licht und Leidenschaft“ vom 5. bis 10. Juni 2019 mehr gefasste Konzentration erwarten. Die Ressourcen dafür bestehen reichlich. Überdies hat man im Europäer Liszt die assoziationsreiche Alternative zum mitteldeutschen Wagner-Allerlei.

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