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Erinnerungen an die Zukunft – Opernpremieren in Lyon

22.03.17 (Joachim Lange) -
Mit dem Festival „Memoires“ poliert Serge Dorny an der Opéra de Lyon Prunkstücke der Operngeschichte wir Heiner Müllers Bayreuther „Tristan und Isolde“ und die Dresdner „Elektra“ von Ruth Berghaus wieder auf.

Hector Berlioz‘ „La Damnation de Faust“ in Bremen

21.03.17 (Ute Schalz-Laurenze) -
Wenn man in den Zuschauerraum kommt, ist Faust längst da, er ist einer von uns. Auf einem Steg, mitten in das Foyer hineingebaut, irrt der weißgekleidete Rothaarige unsicher umher und es ist von vornherein klar: mit dem Goethe‘schen Intellektuellen und dessen Sinnsuche hat dieser hier nichts zu tun. Es ist mit einem kleinen Bonsai-Baum im durchsichtigen Rucksack der eher depressive Versager von Hector Berlioz, der seiner „dramatischen Legende“ den Titel „La Damnation de Faust“ gegeben hat.

Ferruccio Busonis „Doktor Faust“ an der Semperoper Dresden

21.03.17 (Roland H. Dippel) -
Nach Berlioz und Gounod sollte eigentlich Schnittkes „Historia“ die „Faust“-Trilogie des Regisseurs Keith Warner an der Semperoper Dresden vollenden. Doch dann entschied man sich für „Doktor Faust“ von Ferruccio Busoni, der mit einer Bearbeitung des Puppenspiels die Nähe zu Goethe entgehen wollte. Jetzt kam die Oper erstmals nach 1925 am Uraufführungsort heraus.

Benjamin Brittens „Death in Venice“ an der Deutschen Oper Berlin

20.03.17 (Peter P. Pachl) -
Während die Uraufführung „Edward II.“ gerade seitens schwuler Rezensenten und Besucher als ein fragwürdig anachronistisches Einrennen offener Türen rezipiert wurde, kann man diesen Vorwurf der jüngsten homophilen Produktion der Deutschen Oper Berlin nicht machen: denn während der Paragraph 175 aufgehoben wurde, ist Päderastie weiterhin ein internationales Strafdelikt. Die in mehreren Bühnenwerken Benjamin Brittens thematisierte Knabenliebe geht einher mit dem in Großbritanniens Künstlerkreisen offenen Geheimnis, dass Benjamin Britten und Peter Pears sich auf ihren Konzert-Tourneen häufig Knaben mit in ihr gemeinsames Hotelzimmer nahmen.

Von Lebensmut und Totentanz – Bernsteins „Mass“ am Theater Lübeck

20.03.17 (Arndt Voß) -
„Mass“, eine der ganz großen Schöpfungen Leonard Bernsteins, ist ein Theaterstück für Sänger, Spieler und Tänzer. Das Libretto folgt zwar der römisch-katholischen Messliturgie, ist jedoch um infrage stellende Texte von eschatologischer, zugleich dramatischer Qualität erweitert. Sie setzen sich bildreich und voller Aktivität mit dem Ritus auseinander. Verfasst hat sie Bernstein selbst, der, wie man weiß, der jüdischen Tradition verbunden ist, in Zusammenarbeit mit Stephen Schwartz, der das ebenfalls religiös basierte Musical „Godspell“ schuf.

Neue Musik / Musikfeature: Die Radio-Woche vom 20. März bis 26. März 2017

19.03.17 (Martin Hufner) -
Neue Musik und Musikfeatures in der Kalenderwoche 12. Eigentlich sind in dieser Woche ja alle unterwegs: Maerzmusik in Berlin, Buchmesse in Leipzig, Umbruch bei der nmz. Was könnte da schöner sein als sich nach Mitternacht ein Feature reinzuziehen? Oder das Concerto bavarese? Jetzt auch mit Sendungen aus Österreich und der Schweiz.

Die Nornen. Lufthauch, Flimmern, Flackern, Asche, Rost: Südseite nachts in Stuttgart

Nordische Überlieferung in der Südseite nachts: In Wieland Hobans „Urðabrunnr“ im Probensaal P1 von Musik der Jahrhunderte im Stuttgarter Theaterhaus war keine Richtung vorgegeben. Vier Harfenistinnen sitzen im Kreis und ziehen Bogenhaare durch die Saiten. Zwischen ihnen drei Streicher und drei Bläser des Ensemble Recherche, dahinter Klavier und Schlagzeug, außen auf allen Seiten das Publikum.

Von Königinnen und Kaiserinnen – Frauen als Thema: Das Al-Bustan Festival in der libanesischen Hauptstadt Beirut verbindet die Kulturen von Orient und Okzident

15.03.17 (Michael Ernst) -
Jede Woche eine andere Frau. Jede Frau eine neue Königin. Wovon selbst die tüchtigsten Draufgänger nicht mal träumen dürften, das gelingt dem Al-Bustan Festival Beirut tatsächlich. Binnen fünf Wochen wird musikalische Opulenz aufgeboten, die in diesem Jahr noch bis zum 19. März unter dem Thema „Queens & Empresses of the Orient“ steht, sich also Königinnen und Kaiserinnen des Orients widmet.

Siegfried im Kampf mit der Bühnenästhetik – Richard Wagners „Ring“ in Kiel

14.03.17 (Arndt Voß) -
Wagners „Ring“ ist in Kiel Chefsache. Generalintendant Daniel Karasek fügte mit dem „Siegfried“ (Premiere: 11. März 2017) nun das dritte Glied, den zweiten Tag, hinzu, bevor es in der nächsten Spielzeit zum Endspiel in der „Götterdämmerung“ kommt. Warum Wotan auch mit Siegfried scheiterte, diesem furchtlosen Helden, wurde an der Förde sehr einleuchtend inszeniert.

Mixmax: Simone Young dirigierte die „Wagner-Gala“ an der Staatsoper

14.03.17 (Peter P. Pachl) -
Bereits der erste Blick auf die Bühne des Schiller-Theaters mit dem klassizistischen Konzertzimmer des Opernhauses Unter den Linden zeigte für den als „Wagner-Gala“ angekündigten Abend einer bunten Mischung spätromantischer Opernausschnitte unter Leitung der australischen Dirigentin Simone Young bereits optisch ein Ungleichgewicht.

Von ätherisch bis erdig – Eva Kruses „On The Mo“ beim BMW Welt Jazz Award

13.03.17 (Ssirus W. Pakzad) -
Wie es sich anfühlt, auf dem Siegertreppchen zu stehen und dann einen schweren Pokal sowie einen dicken Scheck in die Hand gedrückt zu bekommen, das hat Eva Kruse beim BMW Welt Jazz Award schon einmal erleben dürfen – 2009, als der Wettbewerb zum ersten Mal ausgerichtet wurde, hat sich die Bassistin mit den Kollegen Michael Wollny und Eric Schäfer als „Trio (em)“ gegen die Konkurrenz durchgesetzt. Jetzt kam die auf einer autofreien schwedischen Insel lebende Norddeutsche mit ihrer Band „On The Mo“ zurück an den Ort ihres damaligen Triumphs. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie es mit diesem Quintett zumindest wieder ins Finale schafft.

Olympische Götter singen Wagner-Themen – Uraufführung des Musicals „Götter und Helden – Eine kleine Odyssee” am Gymnasium Steglitz

12.03.17 (Peter P. Pachl) -
Bereits seit mehr als 20 Jahren ist an Berlins humanistisch altsprachlichem Gymnasium in der Heesestraße in Steglitz der griechische Mythos auch Thema für die biennalen Bühnenstücke. Wie im antiken Theater Griechenlands, stehen dabei dieselben Mythen, aber jeweils von anderen Autoren mit eigenen Schwerpunkten versehen, auf dem Programm – als eine sehens- und hörenswerte Alternative zum kommerziellen Musical-Betrieb.

Dunkles Spiel und wilde Walzer: Der Komponist Wolfgang Rihm wird 65

12.03.17 (dpa) -
Provinz? In Karlsruhe ist nicht nur der Philosoph Peter Sloterdijk, sondern auch ein Weltstar der zeitgenössischen Musik zu Hause: Der Komponist Wolfgang Rihm wird 65 Jahre alt.

Neue Musik / Musikfeature: Die Radio-Woche vom 13.3. bis 19.3.2017

12.03.17 (mh) -
Neue Musik und Musikfeatures in der Kalenderwoche 11. Dieses mal auch mit ausgewählten Sendungen aus dem Bereich Jazz/Improvisation. Bei der Gelegenheit dürfen wir den Blick auf den Leitartikel in der aktuellen nmz lenken:

Die unbesungene Heldin singt – Münchens Gärtnerplatztheater ehrt „Frau Schindler“ mit einer Uraufführung

10.03.17 (Wolf-Dieter Peter) -
„Wir Frauen waren immer das Rückgrat und die Nachhut eines jeden gottverdammten Kriegs“ stärkt eine zweite starke Frau der Titelheldin der neuen Oper den Rücken – treffend, einen Abend nach dem Internationalen Frauentag und im historisch kritischen Blick auf die Ehefrau Oskar Schindlers. Dessen Rettung von 1200 Juden vor der NS-Vernichtungsmaschine wurde im Film „Schindlers Liste“ ein Denkmal gesetzt. In Steven Spielbergs tief beeindruckendem Meisterwerk kommt Ehefrau Emilie wenig mehr als vier Minuten vor – das will ein US-Team mit einer Oper ändern.

Bunte Klänge – Linda Ohs „Sun Pictures“ brachte Farbe in den BMW Welt Jazz Award

07.03.17 (Ssirus W. Pakzad) -
Das an diesem Morgen vorgetragene „Blue Over Gold“ wurde von einem Bild des „vielschichtigen“ Malers Mark Rothko inspiriert, der ein Vertreter des Abstrakten Expressionismus war. Hier hat eine Farbkomposition Musik ausgelöst. Normalerweise aber läuft es bei Linda Oh anders herum.

Mit der Leichtigkeit der Regie – Händels „Ariodante“ an der Oper Stuttgart

06.03.17 (Georg Rudiger) -
Einer nach dem anderen kommen sie zu Händels Ouvertüre an die Bühnenrampe. Sie tragen Jogginghose und Boxermantel. Wie bei einer Casting-Show hat sich jede und jeder eine individuelle Choreographie überlegt und inszeniert den kleinen Auftritt mit coolen Gesten. Ein Videowürfel präsentiert die Namen der Kandidaten. Am Ende stehen die Sieben in einer Reihe und lassen sich feiern. Erst zur Gavotte legen sie ihre Klamotten ab und ziehen sich um für ihre eigentliche Rolle. Georg Friedrich Händels „Ariodante“ beginnt an der Stuttgarter Staatsoper ungewöhnlich poppig.

Zuschauer unter Beschuss: Uraufführung der Oper „Sacrifice“ von Sarah Nemtsov und Dirk Laucke an der Oper Halle

06.03.17 (Roland H. Dippel) -
Für jedes Jahr eine Musiktheater-Uraufführung ist der Wunsch von Halles Opernintendant Florian Lutz und er verdichtet die Achse von zeitgenössischer Dramatik zur Gegenwartsmusik. Jetzt, im zweiten Zyklus auf der Raumbühne Heterotopia Sebastian Hannaks, geht es los: Die in Berlin lebende Komponistin Sarah Nemtsov (geb. 1980) nennt ihr viertes Musiktheater-Werk „Sacrifice“ eine „Oper in vier Akten“, das Textbuch schrieb der aus Halle stammende Dramatiker Dirk Laucke (geb. 1982). Beide thematisieren auf mindestens fünf Ebenen heutige Migrantenbewegungen und Erschütterungen von Lebensentwürfen auf für Hörer und Zuschauer extrem fordernde Weise.

Tönende Ellipsen, denkende Ohren: Zur Eröffnung des Pierre Boulez Saals in Berlin

05.03.17 (Juan Martin Koch) -
Mit einem epochenübergreifenden Marathonprogramm ist in Berlin der Pierre Boulez Saal der Barenboim-Said Akademie eröffnet worden. Dabei zeigte er sich für klassische Kammermusik und das romantische Lied als ebenso geeignet wie für größere Ensemblewerke des 20. Jahrhunderts. Konzerteindrücke von Juan Martin Koch:

Den Wald gibt es schon wieder nicht – Webers „Der Freischütz“ an der Leipziger Oper

05.03.17 (Roland H. Dippel) -
Die letzte Produktion von Webers „Der Freischütz“ an der Oper Leipzig hatte wenig Glück, bemängelt wurden an der Inszenierung von Guy Joosten zu viel „Schlachthaus“ und „Rotlichtmilieu“. Für die Neuproduktion verspricht die Oper Leipzig jetzt Naturromantik, Liebesromantik, Schauerromantik – versetzt ist dieser Prüfstein der Musiktheater-Regie von „kurz nach Beendigung des dreißigjährigen Kriegs“ beim Textdichter Friedrich Kind in das Jahr 1919, nach dem ersten Weltkrieg. Christian von Götz, mehrfach von der Zeitschrift „Opernwelt“ für Auszeichnungen nominiert, nennt als ihn umtreibende Zentralaspekte „Hexensabbat“, „Teufelspakt als Phantasieprodukt“ und „Dreieckverhältnis“.

Märtyrer mit Kettensäge: Roland Schwab inszeniert Weills „Mahagonny“ in Gera

05.03.17 (Roland H. Dippel) -
Parallel zum Kurz-Weill-Fest 2017 in Sachsen-Anhalt bringt das Theater Altenburg-Gera im Jugendstil-Theater Gera „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Die Frage nach dem stimmigen Weill-Stil stellt sich hier: Der Autor plädiert – wie bei Ernst Krenek – für Pluralität von Romantizismen bis Bänkelton und Parodie. Denn ganz auf opernhafte Opulenz wollten ja weder Weill noch Brecht radikal verzichten („Tristan“ in „Street Scene“) - und bei den von letzterem so geliebten Zigarren kommen in Roland Schwabs Inszenierung möglicherweise noch andere Gedanken…

Vorsicht Musikurheber: Problematische Verlagsformulare in Sachen Verlegerbeteiligung im Umlauf

01.03.17 (Martin Hufner) -
Seit sich Bruno Kramm vor dem Kammergericht Berlin einige Rechte für die Urheber gegenüber den Verlegern erstritten hat, ist eine gewisse Unruhe, die Zukunft der Gema-Verteilung betreffend, bemerkbar. Die Gema hat dazu einen Modus vivendi entwickelt, in Abstimmung mit den in der Gema vertretenen Gruppen: Urheber, Textdichter und Verleger. Mit einem gemeinsam entwickelten Formular sollen die vergangenen und künftigen Beteiligungen ausgewogen und differenziert definiert werden. Einige Verlage scheren aber aus.

Alban Bergs „Wozzeck“ in Erfurt – bemerkenswert zeitlos, latent konventionell, und doch eindringlich

01.03.17 (Dirk Wieschollek) -
Was eigentlich ist ein guter Mensch? Und wann wird einer zum Mörder? Ist der selber schuld oder sind es „die Anderen“? Was ist Moral? Hat das mit Menschlichkeit zu tun? Oder eher mit Unterdrückung? „Moral: das ist, wenn man moralisch ist!“, erklärt der Hauptmann dem armen Teufel, der ihn rasiert. Der moralische Kompass dürfte in der Zeit Büchners genauso unverlässlich gewesen sein wie in der Zeit Bergs, der Zeit zwischen den größten Menschheitsverbrechen.

„Musik des Mittelalters“ – Musik von heute? Eine CD-Umschau

01.03.17 (Mátyás Kiss) -
„Das“ Mittelalter gibt es ebensowenig wie es „die“ Neuzeit gibt – der Engländer spricht von „the middle ages“ wenigstens im Plural. „Mittelalter“ (das finstere zumal) ist so oder so ein allzu loses Etikett, mit dem wir aus Bequemlichkeit oder Ratlosigkeit eine Periode zwischen dem Zerfall des römischen Weltreichs und dem Anbruch der Renaissance bekleben und damit einen Zeitraum von eben mal tausend Jahren über einen Kamm scheren. Sprechen wir also lieber, wie im Angelsächsischen, von „Früher Musik“.

Alleine ins Dunkle, Ungewisse – Manfred Trojahns Oper „Orest“ wird bei ihrer Schweizer Erstaufführung in Zürich gefeiert

28.02.17 (Georg Rudiger) -
Die Oper beginnt mit einem Schrei. Vom ersten Takt an ist Manfred Trojahns Oper „Orest“ unter Spannung gesetzt, die bis zum letzten Takt des 80-minütigen, ohne Pause gespielten Dramas anhält. Am Ende gibt es am Opernhaus Zürich stürmischen Applaus für diese Schweizer Erstaufführung der 2011 in Amsterdam uraufgeführten Oper.
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