Hauptdarsteller in ihren 30 Rollen – Straus’ „Eine Frau, die weiß, was sie will!“ an der Komischen Oper Berlin


(nmz) -
Der ungewöhnliche Titel einer Musikalischen Komödie, ein sequenzierter Relativsatz, ist das Haupt-Chanson des Abends, umgeben von mindestens drei weiteren Ohrwürmern, die ebenfalls zu Evergreens geworden sind. Obgleich diese Nummern unverwüstlich blieben, ist „Eine Frau, die weiß, was sie will!“ schon lange nicht mehr zur Aufführung gekommen.
31.01.2015 - Von Peter P. Pachl

Nach der Machtergreifung der Nazis wurde die 1932 am legendären Metropol-Theater umjubelte Uraufführungsproduktion in Deutschland nicht mehr gespielt. Erst jetzt erlebte sie am Nachfolgetheater, der Komischen Oper Berlin, eine emphatisch gefeierte Neuaufführung.

Die in der Gegenwart angesiedelte Operettenhandlung kombiniert die moderne, von den Männern umschwärmte Diva Manon Cavallini mit ihrer Bühnenrolle, der Ninon de Lenclos. Die stark Männer (und Frauen) gleichermaßen verbrauchende Glamour-Queen steht eines Tages als Rivalin ihrer eigenen Tochter gegenüber.

Die Neuinszenierung von Hausherr Barrie Kosky ist eine Vorbühnen-Produktion: nur ein kleiner Bühnenversatz, mit Schwingtür zwischen dem roten Hauptvorhang. Als Running Gag wird ein sich mit einem Requisit hereinstreckender Arm eines unsichtbaren Domestiken in der Tür eingeklemmt.

In der „musikalisch-szenischen Einrichtung“ von Adam Benzwi, Pavel J. Jiracek und Barrie Kosky stehen nur zwei Personen in ständig wechselnden Rollen auf der Bühne. Die Rollenwechsel gehen einher mit rasanten Masken- und Kostümwechseln hinter der Szene, so dass am Ende auch die Mitarbeiter dieser beiden Abteilungen verdienten Applaus erhalten.

Das gut gebaute, in den Lyrics bissige Libretto von Alfred Grünwald nach Louis Verneuil lebte in der umjubelten Uraufführung primär von der Persönlichkeit der Fritzi Massary. Deren Interpretation hat sich in Aufnahmen erhalten, und schwerlich ist heute eine stimmgewaltige Operettendiva mit solchem Esprit und solch hintergründigem Witz zu finden.

Die Schauspielerin Dagmar Manzel, auch in Operetten an mehreren Berliner Häusern bewährt, sowie als Diseuse an der Komischen Oper gefeiert, versucht gleichwohl, die Leistung der Fritzi Massary noch zu toppen, denn sie ist in der auf 74 Minuten verkürzten Aufführung fast pausenlos auf der Bühne. Im bisweilen auch verdoppelten Spot (Licht: Diego Leetz) verkörpert sie nicht nur die Manon Cavallini, sondern auch deren Verehrer Raoul Severac, Léon Paillard und den Gatten ihrer Tochter Lucy, außerdem noch Lessac, Fefé, den Ober vom Restaurant Larue, und die hinzu erfundene Figur Muppet 2. In den berühmten Chansons „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“,  „Die Sache, die sich Liebe nennt“, „Ninon Lenclos“ und im Titel-Lied setzt sie durch Pausen und kleine Füllwörter eigene Akzente, in Dialogen nutzt sie Dialekte zur unterschiedlichen Charakterisierung, und als Dienstmädchen hölzelt sie.

Einmal wird das Geschehen von den Bearbeitern bewusst ad absurdum geführt, mit zwei glatzköpfigen Greisen, die „Eine Frau, die weiß, was sie will!“ als Duett singen.

Wie am selben Haus bereits in Benatzkys Operette „Im Weißen Rössl“, agiert an Dagmar Manzels Seite der Schauspieler Max Hopp, der auch beachtlich singen kann.

Als eine Art Pausenclown zur Überbrückung eines schwierigeren Umzugs der Manzel tritt er sogar in der Rolle der Cecilia Bartoli auf (Kostüme: Katrin Kath). Hopp travestiert auch zur jungen Lucy, die er – als Steigerung – anschließend in vertikal geteilter Figur zugleich mit deren Verehrer verkörpert, im Dialog und im Zwiegesang. Eine besondere schauspielerische Leistung bietet Hopp beim Empfang der Diva, als er deren fünf Gäste gleichzeitig spielt, zunächst mit fünf unterschiedlichen Blumenbuketts, dann nur noch mit unterschiedlicher Körperhaltung und Sprechweise. Einen köstlichen Bruch schafft dabei das Darstellerpaar, als die Diva der russischen Anrede des Maestro Duval mit einem ganzen Schwall auf Russisch entgegnet und Hopp, aus den Rollen fallend, kontert, dies sei unfair, er habe für die Partie nur zwei Sätze auf Russisch gelernt.

Dirigent Adam Benzwi bringt das Premierenpublikum zum mitswingen. Im trefflich – mit Streichern, Holz und Blech (drei Trompeten aber keine Hörner), Schlagzeug und Banjo sowie zwei Flügeln – besetzten Orchester der Komischen Oper Berlin meistert Benzwi auch den Part am Direktionsflügel.

Im chorlosen, auf die Spitze getriebenen Kammerspiel wird die Erkennungsszene von Mutter Manon und Tochter Lucy wird zum großen Finale, in dem Straus – wie bereits in seiner frühen Operette „Die lustigen Nibelungen“ – die zugkräftigsten Nummern des Stücks zu einem Medley formt, das dramaturgisch und zugleich musikalisch den Höhepunkt bildet.

Vor Beginn der Aufführung wurden als Gedenktafeln für Opfer in der NS-Zeit vor dem Haupteingang der Komischen Oper drei „Stolpersteine“ für ehemalige Mitarbeiter dieses Theaters verlegt: für den Sänger und Schauspieler Fritz Spira, für den Konzertmeister Kuba Reichmann und für den Bibliothekar Hans Walter Schapira.

Der Erfolg der Wiederaufführung ist überwältigend, nicht nur für die beiden Hauptdarsteller in ihren 30 Rollen. Ein Triumph für die Komische Oper Berlin, aber auch für den Komponisten Oscar Straus, dessen über 50 Bühnenwerke nur so vor Ohrwürmern wimmeln. Die musikalische Komödie „Eine Frau, die weiß, was sie will!“ zeigt, dass auch die seltener gespielten und die vergessenen Operetten des ersten „Überbrettl“-Komponisten wahre Fundgruben an musikalischen Schätzen bieten. Oscar Straus’ große Zeit kommt wohl noch, spätestens wenn sein Werk „frei“ wird – aber das dauert noch zehn Jahre.

  • Weitere Aufführungen: 5., 8. Februar, 8. März, 8. und 10. April 2015.

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