Historie mit Modernisierungsproblemen – Mozarts „Le Nozze di Figaro“ im Staatstheater Nürnberg


(nmz) -
Das dem Feudalismus verhaftete Recht eines adeligen Grundherren „auf die erste Nacht“ mit einer künftigen Braut ist einer der zentralen Dreh- und Angelpunkte von Beaumarchais-da Ponte-Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Wo und in welchem Stil ansiedeln ist also eine der grundlegenden Inszenierungsfragen, auf die ein weibliches Bühnenteam in Nürnberg eine neue Antwort suchte.
28.06.2015 - Von Wolf-Dieter Peter

Regisseurin Mariame Clément ist längst in der europäischen Opernszene etabliert. Sie arbeitet meist mit der Ausstatterin Julia Hansen zusammen. Beide hatten die Idee, Lars von Triers „Dogville“-Szenario zu nutzen: im leeren Bühnengeviert auf dem Boden nur aufgezeichnete Raum-Rechtecke mit imaginären Türen für die verschiedenen Szenen, einige wenige Möbel und Requisiten, dazu historisierende Kostüme. Das wirkte im stummen Vorspiel vor der Ouvertüre reizvoll – nachtblaue Bühnenraum; in der Mitte liest die Gräfin allein im Bett; rechts und links sind in weiteren „Kammern“ des zu imaginierenden Schlosses „Aguas frescas“ die Bediensteten in verschiedenen Tätigkeiten zu schwach ausgeleuchteten „Lebenden Bildern“ erstarrt; vorne aber kommt der Graf, von Figaro mit Kerzenhaltern unterstützt, und geht einer jungen Frau an die Wäsche – ob Susanne oder Barbarina, ist schwer zu erkennen… Dann setzt Mozarts Musik ein - und die spannende Frage: Ist das Konzept durchzuhalten?

Denn durch Mozarts Musik pulsiert ja doch das Tempo eines „tollen Tages“ à la Beaumarchais’ Sprechstück – und das sanierungsbedürftige Nürnberger Haus bräuchte für diesen szenischen Ansatz unbedingt eine Drehbühne: die jetzt zwar gut bewältigten Um-Arrangements von Möbeln und Requisiten durch Solisten und als Diener verkleidete Bühnenarbeiter verzögerten doch den Spielfluss… Vor allem aber: die turbulenten Versteckspiele im Boudoir der Gräfin erfordern ja mindestens drei echte Türen – eine davon mit der einstigen Besonderheit, mit steckenden Schlüsseln von beiden Seiten abschließbar zu sein – und auch ein Fenster zum Sprung Cherubinos ins Gartenbeet … Prompt kam hier das szenische Konzept an seine Grenze: eine Wandkulisse mit Türen und Fenster fuhr herab; auch das Kabinett des Grafen wurde durch ein Lattengerüst begrenzt; im Schlussbild kamen ein Schuppen, ein Kellereinstieg und eine herabfahrende Schaukel zum szenischen Einsatz …

Problematischer aber waren die stilistischen Fehlgriffe: im Vorspiel trägt nicht Kammerdiener Figaro, sondern der Graf selbst den größten Kerzenleuchter weg; dergleichen folgt bis hin zu: in seiner Eifersucht bedroht der Graf die Gräfin mit vorgehaltenem Gewehr – und ausgerechnet zu ihrem ja auch musikalisch souveränen Schlussauftritt hält die Gräfin ihren Gatten ebenfalls mit einem Gewehr in Schach. Da rettete auch das Schlussbild zu wenig: der Graf wird auf die Schaukel gesetzt und alle Frauen schubsen ihn einmal an, sprich: das Mannsbild wird „verschaukelt“.

Im Programmheft erklärt Dirigent Peter Tilling sehr Zutreffendes zu den Rezitativen und der Textbehandlung. Doch leider war in der Premiere wenig davon zu hören – und seine Tempi meist zu breit. Aus der viel zu wenig geschätzten Organisationsform „Hausensemble“ waren alle Rollen hübsch divergierend besetzt: voran der sehr kompakte Figaro von Nicolai Karnolsky, in dessen Gehabe und Bassbariton man schon den künftigen Revolutionsführer à la „Gérard in ‚Andrea Chénier’“ erkannte; Jochen Kupfer (Graf), Michaela Maria Mayer (Susanna) und Solgerd Isalv (Cherubino) ragten aus guten übrigen Stimmen heraus und Hrachudi Bassénz’ Gräfin fand in „Dove son…“ zu der Beseelung, die man dem Abend im Kontrast zu überzeugenderer Turbulenz gewünscht hätte.

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