„Ich liebe diesen Schmerz“: die Sängerin Caecilie Norby im Gespräch über ihr erstes ACT-Album „Arabesque“


(nmz) -
Ihre Mutter Solveig Lumholt war Opernsängerin, ihr Vater Erik Norby klassischer Komponist, doch die dänische Sängerin Caecilie Norby wandte sich früh der leichteren Muse zu. Mit der Funk-Band „Frontline“ und dem Gesangsduo „One Two“ (mit Nina Forsberg) gelang ihr schon in den frühen achtziger Jahren der international erfolgreiche Brückenschlag zwischen Pop und Jazz, was sie zur Wegbereiterin von Kolleginnen wie Rebekka Bakken, Silje Nergaard oder Viktoria Tolstoi machte. Nach einer langen Solokarriere in dieser Richtung schlägt sie nun mit ihrem Debütalbum bei ACT „Arabesque“ ein neues Kapitel auf: Die Mehrzahl der Stücke entstammen der Klassik. Oliver Hochkeppel sprach mit ihr über das Projekt.
28.01.2011 - Von Caecilie Norby, Oliver Hochkeppel

Viele Jazz-Musiker entdecken derzeit die Klassik wieder. Für Sie haben rigide Genre-Grenzen ohnehin nie existiert, scheint es.

Ich war immer auf der Suche nach einprägsamen Melodien. In der Popmusik braucht ein Song eine gute Melodie, um ein Hit zu werden, denn die ganze Produktion ist auf „Hook Lines“ ausgerichtet; Im Jazz ist ein Eröffnungsthema natürlich ebenso wichtig, wenn auch für viele Jazz-Musiker und -Hörer der eigentliche Reiz in den Soli liegt. Und bei gewisser klassischer Musik wirken pompöse Orchester-Arrangements eindrucksvoll, doch es wird hohl und langweilig, wenn das Stück nicht irgendeine natürliche Melodie beinhaltet. Deshalb ist die einzige strenge Grenze, die für mich in der Musik existiert, die zwischen guten und schlechten Melodien, also zwischen gutem und schlechtem Geschmack. Das ist natürlich sehr subjektiv und persönlich… aber das soll es auch sein!

Ihre Eltern waren klassische Musiker. Ist ihre neue CD „Arabesque“ mit ihren vielen Klassik-Adaptionen eine Reise zurück in die Kindheit?

Ich würde sagen, dass das Materialsammeln für „Arabesque“ eine Reise war, angefangen von meiner Kindheit bis zum heutigen Tag. Ich entdeckte Satie und Debussy wieder und fühlte den Drang, über diesen bemerkenswerten Stücken meinen Gesang erklingen zu lassen. Das fühlte sich überhaupt nicht unpassend an, eher im Gegenteil. Ich brachte überhaupt keine Voraussetzungen oder Erfahrungen mit, um nordischen Jazz mit Klassik zu mischen. Aber plötzlich, als ich erstmals mit Bugge Wesseltoft und Lars Danielsson ins Studio ging, fühlte ich mich Satie viel näher als zum Beispiel Duke Ellington.

Haben Sie zuvor je Texte für klassische Stücke geschrieben?

Nein, es ist das erste Mal. Es war sehr inspirierend, dass einige Stücke Geschichten in sich bargen. Zum Beispiel war Rimsky-Korsakoffs Scheherazade von den „Geschichten aus 1001 Nacht“ angeregt. Scheherazade ist dort ja die mutige Erzählerin, die jede Nacht eine neue Geschichte erfinden muss, um der Exekution zu entgehen. Oder der Text zu „Dead Prinzess“ von Maurice Ravel: Ich fand es interessant, über die zerbrechliche Seite der schillernden Pariser Boheme-Prinzessin Poiniaque zu schreiben, die sowohl Ravel wie Strawinsky finanziell unterstützte – mit dem Erbe ihrer Mutter, die als Mannequin zum Beispiel für den Schöpfer der Freiheitsstatue Model gestanden hatte. Ravel schrieb das Stück zum Tod der lesbischen Prinzessin.

Warum habe sie sich zusätzlich Stücke von Michel Legrand ausgesucht?

Für mich ist Michel Legrand einer der melodischsten europäischen Komponisten aller Zeiten. Seine Songs sind so einfach und melancholisch. Ich erinnere mich, wie ich als kleines Mädchen zum ersten Mal „The Umbrellas of Cherbourg“ hörte, und es für mich die Quintessenz des Gefühls erzeugte, jemanden zu vermissen. Ich liebe diesen Schmerz.

Die klassische Pianistin Katrine Gosling spielt eindrucksvoll bei einigen Stücken mit. War das ihr erstes Aufeinandertreffen?

Katrine und ich haben vorher noch nie zusammen musiziert – jedenfalls nicht als Erwachsene. Unsere Eltern waren Kollegen und beste Freunde, deshalb kennen wir uns, seit wir Kinder waren. Als sie vier war und ich sieben, fand ich sie zu kindisch und unreif, um mit ihr zu spielen – wie sich das geändert hat! Im Studio war es wie eine Explosion, weil wir dieselbe Leidenschaft für diese verführerische Musik des Impressionismus teilen. Wir gehen in diesem Winter auf eine lange Tour, das wird fantastisch werden.

Als sie „Wholly Earth“ auswählten, konnten Sie noch nicht wissen, dass es gewissermaßen ein Nachruf auf Abbey Lincoln werden würde. Warum kamen Sie darauf, und war Abbey Lincoln ein besonderes Vorbild?

Das Lied ist ein ganz unsentimentaler Gruß an Mutter Erde. Es ist mit Liebe, Leichtigkeit, Humor und dem untrüglichen Gespür für bildhafte Details geschrieben. Solange ich mich erinnern kann, war ich ein großer Bewunderer von Abbey Lincolns Musik und vor allem von ihren Texten. Auf einem deutschen Festival bin ich vor ein paar Jahren einmal direkt nach ihr aufgetreten. Ich fühlte mich so verpflichtet, Ihr zu sagen, wie sehr ich ihre Musikalität liebe. Aber sie hatte irgendeinen Ärger mit ihrem Tonmann und schien nicht in der Stimmung für irgendein Groupie zu sein. Ganz sicher jedoch hat sie mich immer wieder mit ihren tiefempfundenen, persönlichen Auftritten und ihren intelligenten Worten bewegt. Sie war echt.

Sie waren die erste dänische Musikerin, die vom legendären amerikanischen Blue Note-Label verpflichtet wurde. Jetzt sind sie beim Münchner Independent-Label Act gelandet. Ist das ein Spiegel der Entwicklung des Musikgeschäfts? Ist die Schwäche der Majors die Stärke der Independents?

Ich bin in diesem Sommer von Sony/Enja zu Act gewechselt, weil ich überzeugt war, dass dort der richtige Platz für mich und „Arabesque“ sein würde. Ich kannte die Act-Crew durch Kollegen und meinen Mann Lars Danielsson sehr gut. Das sind Enthusiasten, die sehr effizient bei der Verbreitung jener Musik sind, die sie für großartig halten. Ich saß vor einiger Zeit bei einem Konzert mit Act-Künstlern direkt hinter Siggi Loch: Er war der erste, der applaudierte. Er ist ein Fan von allem, was er mit seinem Label macht. Und das ist es, was man heute braucht, um die Musik noch an die Leute zu bringen: Du brauchst einen Fan.

Cæcilie Norby with Lars Danielsson
ARABESQUE (CD - ACT 9723-2)

  

Cover Norby ACT