„Im Freien“ – Festival zu Ehren Wilhelm Killmayers: Ein Gespräch mit Moritz Eggert


(nmz) -
Vom 5. bis 11. Dezember werden gleich eine ganze Reihe von Werken Wilhelm Killmayers in München zu hören sein, der am 20. August dieses Jahres nur wenige Stunden vor seinem 90. Geburtstag verstorben ist. „Im Freien“ heißt das Festival, das von aDevantgarde, dem Münchner Zusammenschluss von Komponisten, veranstaltet wird. Schließlich hat der Verein Killmayer viel zu verdanken, wie sein Mitbegründer Moritz Eggert im Interview erzählt.
05.12.2017 - Von Michael Stallknecht

Herr Eggert, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Killmayer gleich ein ganzes Festival zu widmen?

Die aDevantgarde fühlt sich Killmayer sehr verbunden, weil es sie ohne ihn gar nicht gäbe. Er hat sich unglaublich für Projektmöglichkeiten für junge Komponisten eingesetzt, wie es sie damals in der Stadt München eigentlich noch gar nicht gab, hat immer wieder hartnäckig beim Kulturreferat an die Tür geklopft. Sandeep Bhagwati konnte dann eine kleine Konzertreihe in der Volkshochschule im Gasteig veranstalten, bereits unter den Namen aDevantgarde, ich hatte die Idee mit dem Festival. Nach und nach sind dann die anderen Killmayer-Schüler dazu gekommen. Deshalb hat die Stadt München uns schon vor zwei Jahren gefragt, ob wir zum 90. Geburtstag nicht die Festkonzerte veranstalten wollen. Nun sind es Gedenkkonzerte geworden.

Sie selbst waren fünf Jahre lang Student bei Killmayer an der Münchner Musikhochschule.

Er war wirklich eine ganz wichtige Figur für die junge Generation in München. Es gibt wohl keinen Schüler, der über ihn etwas Negatives sagen würde. Ich selbst habe von ihm wahnsinnig viel gelernt und habe den Unterricht sehr genossen. Auch nach dem Studium war ich eigentlich immer mit ihm in Kontakt und habe ihn um Rat gefragt oder ihm Stücke von mir gezeigt.  

Was hat ihn als Lehrer ausgemacht?

Er war ja immer ein Exot innerhalb der Neuen Musik. Ihn als Lehrer zu wählen, war auch eine bewusste Entscheidung dafür, nicht dem Mainstream der Avantgarde zu folgen. Man war auch als Student gewissermaßen Außenseiter und wurde oft auch so behandelt, also belächelt oder ignoriert. Das änderte sich ein ganz klein wenig, als er sechzig Jahre alt wurde. Indem sich Komponisten wie Wolfgang Rihm oder Helmut Lachenmann immer mehr auf ihn bezogen, wurde er plötzlich fast zu einer Art Kultfigur. Aber man wusste immer, dass man mit jemandem arbeitet, der nicht einfach den geraden Weg, den Karriereweg geht und sich, wie es dann immer so schön heißt, den herrschenden Dogmen unterwirft. Diesen Freiheitswillen hat er uns sehr vermittelt. Sein Kompositionsunterricht war immer vollständig unorthodox, er war das Gegenteil zu dem bei allen anderen Professoren. (lacht)

Worauf hat er beim Unterricht besonderen Wert gelegt?  

Für ihn war es zum Beispiel immer eine wichtige Frage, ob etwas langweilig ist. Er hat sich in den Hörer eines neuen Stückes hineinversetzt und vor diesem Hintergrund überlegt, was darin passiert und warum: Muss es wirklich dahin gehen, wohin es geht? Er war deshalb immer sehr kritisch, wenn er merkte, dass wir uns einfach irgendwelcher Systeme und Methoden bedienen. Er hat vielem getraut, aber nie dem bloß mit dem Willen Erzeugten oder dem Gemachten. Dieses ständige Bohren nach dem, was man eigentlich wirklich komponieren will, war unglaublich anregend. Es hat einen als jungen Komponisten einfach herausgefordert. Es konnte natürlich auch anstrengend sein, weil wir dem manchmal etwas entgegensetzen wollten und uns dann mit Absicht an megakomplexen Stücken abgearbeitet haben. Er hat sich das auch alles angesehen und kommentiert. Aber irgendwie war man immer weiser, wenn man aus der Stunde hinausging. Eigentlich sitzt er heute noch beim Komponieren neben mir. Wenn ich etwas mache, wo ich bestimmten Zwängen folge, dann höre ich seine Stimme, die sagt: Das muss doch gar nicht sein!

Nun hat sich der Streit darüber, was in der Neuen Musik progressiv ist und was nicht, in der Gegenwart eher aufgelöst. Wo sehen Sie Killmayers Impulse für die Jetztzeit?

Gerade jetzt werden seine Impulse fruchtbar, weil er diesen Schritt viel früher als alle anderen vollzogen hat. Man merkt auch, dass sich Komponisten zunehmend mehr zu ihm bekennen und da weniger Ängste haben. Zum Teil ist das natürlich ein typisches Phänomen, wenn jemand stirbt. Man sieht plötzlich deutlicher, welchen Wert einer hat. Aber Killmayer selbst hat nie irgendetwas von der alten Avantgarde überwinden müssen, sondern ist immer schon er selbst gewesen. Diese ganze eigene Stimme, diesen Moment des Zu-sich-selbst-Kommens ist es wohl, was wir im Moment in der Neuen Musik brauchen, egal wie diese Stimme dann klingt. Für Killmayer existierten solche Grenzen wie „seriell“, „tonal“ oder „atonal“ einfach nicht. Deshalb habe ich seine Musik auch nie als konservativ oder rückschrittlich wahrgenommen, sondern es fühlte sich im Gegenteil gerade sehr befreiend an, über diese Stilgrenzen hinwegzugehen. Ich finde das sehr inspirierend.

Die Brücke in die Jetztzeit sollen beim Festival auch Uraufführungen und Stücke lebender Komponisten schlagen…

Ja, aber wir wollten nicht uns nicht nur selbst Aufträge geben und uns als seine Schüler präsentieren, sondern auch andere Komponisten fragen. So ist es zu einigen Kompositionsaufträgen für Komponisten gekommen, die wir in einem Bezug zu ihm sehen, bei denen es Parallelen oder ähnliche Ideen gibt: Luca Lombardi, Manfred Trojahn oder Oscar Strasnoy zum Beispiel. Trotzdem soll letztlich Killmayers Musik im Mittelpunkt stehen. Besonders gespannt bin ich auf die Rekonstruktion seiner Hölderlin-Oper, die eigentlich für die Bayerische Staatsoper angedacht war, aber nie vollendet worden ist. Es gibt aber ein fertiges Libretto von Killmayer, das wir als szenische Konzert zur Aufführung bringen - zusammen mit den Hölderlin-Liedern, die ursprünglich für das Stück gedacht waren.

Von Ihnen selbst wird eine Vertonung der griechischen Lyrikerin Sappho zu hören sein. Auch Killmayer hat einiges von ihr vertont, auf Altgriechisch…  

Ich selbst habe eine deutsche Übersetzung von einem eigentlich erst vor kurzem rekonstruierten Gedicht gewählt, weil ich im Altgriechischen nicht firm genug bin, um darin glaubwürdig komponieren zu können. Ich fand es auch schön, dass die Übersetzung noch etwas Bruchstückhaftes hat und damit ein Fragmentcharakter entsteht.

Komponisten der Gegenwart scheinen sich häufig schwer zu tun, glaubwürdig für Stimme zu komponieren. Warum?

Die Stimme ist das Instrument, das es am wenigsten verzeiht, wenn man nicht in irgendeiner Form mit Melodik oder wenigstens der durchgängigen Linie umgeht. Man kann auf anderen Instrumenten durch Spezialeffekte und Spieltechniken der Frage nach dem Ton immer ganz geschickt ausweichen. Viele Komponisten haben ja eine ganze Ästhetik daraus gemacht, dass sie quasi nie einen normalen Ton verwenden. Das geht bei der Stimme auch, aber nur sehr begrenzt und wird irgendwann unbefriedigend. Eine natürliche musikalische Geste ist in der menschlichen Stimme einfach sehr schnell auch eine melodische Geste. Deshalb haben viele Komponisten keine Lieder und keine Oper geschrieben. Killmayer war ein genuiner Melodiker, ich halte sein Liedschaffen für das bedeutendste in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Trotzdem ist es ganz eigen, ganz neu und überhaupt nicht in irgendeiner Form rückschrittlich.

  • Weiter Informationen zu „Im Freien – Musikfest in memoriam Wilhelm Killmayer“ München 5. – 11. Dezember 2017 finden Sie unter: www.adevantgarde.de

Interview: Michael Stallknecht
Foto: Astrid Ackermann

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