Imitationen, diesseits und jenseits des Steges: Salvatore Sciarrinos „Vanitas“ in der Werkstatt der Staatsoper Berlin


(nmz) -
Salvatore Sciarrinos Œuvre hat in der von Jürgen Flimm geleiteten Berliner Staatsoper einen festen Platz, nachdem die Werkstattbühne im Schiller Theater im Oktober 2010 mit „Infinito Nero“ wiedereröffnet worden war. „Vanitas“, im Jahre 1982 an der Piccolo Scala – zusammen mit Maurizio Kagels „Varieté“ –uraufgeführt, kommt mit einer Mezzosopranistin, Klavier und Violoncello aus. Die Texte hat der 1947 in Palermo geborene Komponist selbst fünfsprachig als eine Anthologie barocker Dichtung collagiert.
16.03.2013 - Von Peter P. Pachl

Im vokalen Duktus vermitteln sich die Texte von Giovan Leone Sempronio, Giovan Battista Marrino, Robert Blair, Jean De Sponde, Martin Opitz, Johann Christian Günther und Christoffel von Grimmelshausen weder für das italienische noch für das deutsche Verständnis. Aber das intensive klangliche Zusammenspiel der beiden Instrumental- mit der Gesangssolistin wird der Gattungsbezeichnung „Natura morta in un atto“ gerecht, nun eingedeutscht als „Still-Leben in einem Akt“.

Regisseurin Beate Baron zeichnet zugleich auch für Ausstattung und Video verantwortlich. Sie hat die Aktion um zwei Schauspielerrollen ergänzt: ein gealtertes Nobelpaar (Friederike  Frerichs und Hans Hirschmüller), mit Paillettenkummerbund und ebensolchem Revers und Ärmelaufschlägen derartig overdresst, wie nicht einmal an Gala-Abenden der Staatsoper zu erleben. Dieses Paar bewundert den Inhalt eines leeren Bilderrahmens. Später ziehen die Beiden  je eine weiße (leere!) Leinwand hoch, auf die dann ihre Konterfeis in Privatkleidung und verlangsamter Bewegung projiziert werden.

Als personifizierte Stimme trägt Rowan Hellier schwarze Hosenträger über ihrer weißen Bluse. Sciarrionos Zergliederung der Handlungsmomente folgend, bewegt sie sich wie eine Gliederpuppe, mit abgehackten Bewegungen. Emotionslos entwickelt sie den Gesang, gestemmt in die Türpfosten einer dem Zuschauer gegenüber positionierten Eingangstür, wie dann auch zweier weiterer Türen, schließlich auf dem Bauch liegend und langsam in die Mitte des Raumes robbend. Nachdem sie den Flageoletttönen des Violoncellos gelauscht hat, nimmt sie schmerzvoll ihren Kopf in die Hände und endet erneut am Boden.

Den minimalistischen, häufig syllabischen Gesangstil setzt die britische Mezzosopranistin nuancenreich um. Für ihre Vokalise a cappella wird das Licht auf die Instrumentalisten eingezogen. Die Pianistin Jenny Kim ist ohnehin hinter dem Flügel versteckt, während Gregor Fuhrmann seine – häufig die singende Stimme imitierenden bis karikierenden – Töne aus seiner Körpermitte, mal über, mal unter dem Steg seines Instruments, mikrotonal hervorlockt. Die gendermäßige Aufteilung der Besetzung folgt in Berlin dem Muster der Uraufführung, eine weibliche Besetzung der Violoncello-Partie hätte dem kargen szenischen Gefüge durchaus zusätzlichen Reiz verleihen können.

Mit einem überlangen Ton der Kniegeige verebbt nach knapp einer Stunde Sciarrinos glissando- und arpeggienreiche, auf Melodik verzichtende Komposition rund um die „Leere“.

Ein nachfolgendes Kontraststück, wie bei der Uraufführung in Milano, wäre nicht zu verachten gewesen. Aber die Zuschauer in Berlin waren auch so zufrieden und feierten die Beteiligten des rasch vergangenen Musiktheaterabends einhellig.

Weitere Aufführungen: 19., 21., 26., 28. März, 2., 3. April 2013.